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Diskussion / Vortrag
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Mehr als ein Verbrechen (ND, 12.02.2009)
»Der Verräter, Stalin, bist du!« – Die Komintern und das Ende linker Solidarität
Von Jörn Schütrumpf
Ein (im doppelten Sinne) alter Freund – durch Familienbande mit der deutschen Arbeiterbewegung seit deren Frühzeit eng verbunden – meinte, ich sollte in dieser Besprechung nicht zuletzt die vielen ehrlichen Emissäre der Kommunistischen Internationale hervorheben, die von ihrem Exekutivkomitee verheizt und verraten wurden; pars pro toto nannte er Charlotte Bischof, der Peter Weiss in der »Ästhetik des Widerstands« ein Denkmal gesetzt hat. Ich wandte ein, dass dergleichen heute doch niemanden mehr ernsthaft interessiere. Für die einen sei die Geschichte der kommunistischen Bewegung nur als Wohlfühlveranstaltung zu ertragen, bei der alles, was einst im Parteilehrjahr fabuliert wurde, aber auf keinen Fall das, was wirklich geschehen ist, verhandelt werden dürfe. Dass Stalin die größte Kommunistenverfolgung und -ausrottung der Weltgeschichte exekutierte – darüber reden wir ohnehin besser nicht; es könnte ja dem »Gegner« nützen. Für die anderen wiederum sei Kommunist gleich Kommunist; und es sei selbst noch nachträglich zu begrüßen, wenn »die« sich gegenseitig an eigene und fremde Messer geliefert, zerfoltert und erschlagen haben.
Bernhard Bayerlein setzt sich auf den Stuhl, den mein Freund mir zugedacht hatte: Er weist nicht nur auf die verratenen Emissäre hin, sondern auf alles, was geschehen ist – wobei er klug genug ist, die Dokumente sprechen zu lassen. Bayerlein erzählt – nicht ohne Betroffenheit, jedoch ohne jegliches Moralisieren – die Geschichte der Kommunistischen Internationale während der zwanzig Monate zwischen dem 23. August 1939 und dem 22. Juni 1941, also während des Hitler-Stalin-Paktes: Plötzlich war das Wort Antifaschismus tabu. Nazideutschland, das sich schon Österreich sowie Böhmen und Mähren einverleibt und die Slowakei zum Vasallenstaat gemacht hatte, galt nicht länger mehr als der Kriegstreiber. Das waren nun die »imperialistischen Mächte« Frankreich und Großbritannien, während die Hitlerführung durch die Kommunisten als friedenssüchtig gepriesen werden sollte. Natürlich war auch Schluss mit jeder Volksfrontpolitik und die Sozialdemokratie wieder – wie bis 1935 – ein konsequent zu bekämpfender Gegner, wenngleich das Wort vom »Sozialfaschismus« jetzt unterblieb.
Jegliche Solidarität mit Polen war ohnehin verboten, teilten sich doch Hitler und Stalin im »Grenz- und Freundschafts(!)vertrag« vom 28. September 1939 die Beute. Wjatscheslaw Molotow, Stalins Kumpan und Außenminister, sekundierte am 31. Oktober vor dem Obersten Sowjet: »Es genügte jedoch ein kurzer Schlag gegen Polen, geführt zunächst von der deutschen Armee und danach von der Roten Armee, damit von diesem missgestalteten Geschöpf des Versailler Vertrages … nichts übrig blieb … Es ist beispielsweise bekannt, dass in den letzten paar Monaten Begriffe wie ›Aggression‹, ›Aggressor‹ einen neuen konkreten Inhalt bekommen, einen neuen Sinn erlangt haben.«
Die polnische KP, hervorgegangen aus Rosa Luxemburgs und Leo Jogiches' SDKPiL, hatte Stalin schon 1938 auflösen und deren Führungskorps hinmorden lassen.
Für die deutschen Kommunisten war der 23. August 1939 das, was für Rosa Luxemburg und ihre Freunde der 4. August 1914 gewesen war: der Tag des Verrats durch die eigenen Genossen. Nur dass Rosa Luxemburg das noch laut hatte sagen können, während der KPD-Vorsitzende Wilhelm Pieck, einst in Deutschland einer ihrer engsten Kampfgefährten, dankbar sein musste, die Vernichtung großer Teile des KPD-Kaders überlebt zu haben und auf Knien weiterleben zu dürfen. Am 23. September 1939 schrieb er allen Ernstes an den Vorsitzenden der Kommunistischen Internationale, Georgi Dimitroff, »ob nicht unseren englischen und französischen Genossen geraten wird, jetzt sofort mit einer Forderung zur Beendigung des Krieges aufzutreten … unter Aufzeigung der Tatsache …, dass das angebliche Kriegsziel der Niederwerfung des Hitlerfaschismus einen imperialistischen Charakter trägt«.
Zur Erinnerung: Zu dieser Zeit saßen tausende deutsche Kommunisten in Hitlers Zuchthäusern und Konzentrationslagern. Und nicht nur das, es kamen noch einige hinzu: Um die treue Freundschaft zu Hitlerdeutschland zu unterstreichen, ließ Stalin Kolonnen von dem Tode geweihten deutschen Kommunisten an die Gestapo überstellen, die ihrerseits aber nicht alle umbrachte, so dass einige von ihnen 1945 sich ein zweites Mal der Liebe des »Vaterlandes der Werktätigen« ausgesetzt sahen. An den Schock des 23. Augusts wurden Wilhelm Pieck und Walter Ulbricht übrigens noch einmal erinnert, sehr brutal sogar: am 10. März 1952, als Stalin dem Westen anbot, gegen eine Neutralität Gesamtdeutschlands die DDR auszuliefern. Beide wussten: Der meint das ernst. Letztlich rettete Adenauers »Nein« Ulbricht die Macht.
Alle Parteiführungen – bis auf die italienische – ließen sich 1939 auf Stalins neuen pro-nationalsozialistischen Kurs gleichschalten, ganz gleich ob Franzosen, Tschechen, Österreicher, Holländer, Belgier, Norweger, Schweden, Dänen, Briten, Spanier … Die Dokumente des Verrats an ihren eigenen Genossen müssen jedem, der Antifaschismus nicht für eine wohlfeile politische Option, sondern für ein Axiom jeder linken Politik – und zwar unabhängig von Zeit und Umständen – hält, die Scham ins Gesicht und die kalte Wut in den Bauch treiben. Nur die italienische Partei – seit Mussolinis Marsch auf Rom im Jahre 1922 verboten und schon 17 Jahre aus der Illegalität und dem französischen Exil heraus den antifaschistischen Kampf führend – prostituierte sich nicht widerstandslos. Im postwendend gefassten Beschluss des Exekutivkomitees der Kommunistischen Internationale zur Auflösung dieser widerspenstigen IKP-Führung und ihrer Organe vom 7. Oktober 1939 hieß es: »Zur Frage des Krieges hat sie sich … mit einem Manifest zu Wort gemeldet, das ernste politische Fehler enthält (›Die Hitleraggression gegen Polen‹).« Nach dieser Lesart war die gesamte spätere Geschichtsschreibung, die den Überfall auf Polen geißelte, ein ernster politischer Fehler.
Das Allerschlimmste jedoch: Stalin hatte mit dem Pakt Hitler den Zweifrontenkrieg erspart und ihn so überhaupt erst in den Stand versetzt, fast ganz Europa zu erobern, um dann die Sowjetunion angreifen zu können. Am Ende der Paktzeit stand die Sowjetunion ihrem »Freund«, dem nationalsozialistischen Deutschland, völlig isoliert gegenüber, während Hitler gewaltige Ressourcen für seinen Feldzug zusammengeraubt hatte.
Den Preis bezahlte natürlich nicht der Genius, der diesen Irrsinn verursacht hatte, die Rechnung wurde wie immer unten beglichen, von der Bevölkerung: mit zwanzig Millionen Toten. Charles Maurice de Talleyrand (1754-1838), Frankreichs Außenminister im mehreren Kabinetten von der Revolution bis zur Restauration, hatte für solchen politischen Dilettantismus nur eine Bemerkung übrig: »Das ist mehr als ein Verbrechen, das ist ein Fehler.«
Bernhard H. Bayerlein: »Der Verräter, Stalin, bist Du!« Vom Ende der linken Solidarität. Komintern und kommunistische Parteien im Zweiten Weltkrieg 1939-1941. Unter Mitarbeit v. Natalja S. Lebedewa, Michail Narinski und Gleb Albert, mit einem Zeitzeugenbericht v. Wolfgang Leonhard und Vorwort v. Hermann Weber. Aufbau Verlag, Berlin 2008. 540 S., geb., 29,90 EUR.
Erschienen in: Neues Deutschland, 12.02.2009 / Literatur/Politisches Buch / Seite 13, http://www.neues-deutschland.de/artikel/143730.mehr-als-ein-verbrechen.html




