![]() |
Die brisanteste Konfliktregion auf dieser Welt ist der Nahe Osten. Der Krieg zwischen Israelis und Palästinensern auf engem Raum ist ohne die europäische Geschichte des 20. Jahrhunderts nicht zu verstehen. Als weltpolitisches Brennglas steht die Region für die sich neu abzeichnenden globalen Konfliktlinien und ist gleichzeitig untrennbar mit der deutschen Geschichte verwoben.
Das macht den Zugang insbesondere aus deutscher Perspektive nicht einfach. Es müssen typische Fallstricke umgangen werden. Fallstricke sind für uns solche – eingleisigen – Argumentationen, die dann notwendig zu einer einseitigen Sicht auf den komplexen Nahostkonflikt führen und damit auch zu tendenziösen Lösungsansätzen.
Die jeweiligen einseitigen Argumentationen im »deutschen« Diskurs über Nahost verraten oft, dass es mehr um »deutsche Befindlichkeiten« geht, die mit Israel und Palästina gar nicht viel zu tun haben. In diesem Fall aber erschweren diese vereinseitigenden Diskurse dann produktive Beiträge zur Lösung des Nahostkonflikts. Man kann diese Befindlichkeiten exemplarisch an den jeweiligen »antideutschen«, traditionell antiimperialistischen oder auch an antisemitischen und philosemitischen Diskursen aufzeigen.
Man wird nicht rein völkerrechtlich (ist Palästina überhaupt ein Staat, die Palästinenser ein Volk?) oder rein aus der Historie (wer war zuerst da, wer warf den ersten Stein?, Wer hat wann einen Kompromiss verweigert?...) oder aus rein moralischer Befindlichkeit (Antisemitismus, Auschwitz) den Konflikt lösen können.
Man muss vielmehr die einzelnen Bereiche wie konzentrische Kreise anordnen und argumentativ hindurchschreiten. Ein letzter Bereich wäre dann die realpolitische Situation, aus der heraus nach kompromissen auf Basis des real Gegebenen und Möglichen zwischen kompromissbereiten Gruppen gesucht werden muss. Dogmatische Positionen helfen jedenfalls nicht weiter.
Im Vordergrund einer Lösung des Konflikts muss der Anerkennungsbegriff stehen. Denn Herrschaft und Kompromisse beruhen auf gegenseitiger Anerkennung, die man nicht durch Gewalt erzwingen kann, ansonsten provoziert Herrschaft Gegengewalt, die ein Zeichen von Nicht-Anerkennung ist und die Herrschaft erodieren lässt.
Dieser Reader möchte einen Beitrag dazu leisten, die gegenwärtig festgefahrene Kontroverse über den Nahostkonflikt innerhalb der StipendiatenInnenschaft der Rosa Luxemburg Stiftung in produktive Bahnen zurückzuführen. Hierzu ist historisches Hintergrundwissen unerlässlich. Darüber hinaus werden auch diskutierte Auswege aus der Nahostkrise aufgezeichnet und vor dem Hintergrund der Zerrissenheit der Linken progressiv analysiert.Wir haben diesen Reader als ein »work in progress« angelegt und beabsichtigen in unregelmäßigen Abständen neue Beiträge aufzunehmen und ggf. ältere zu verwerfen, um auf zukünftige Diskussionsverläufe zu reagieren, d.h. sich auftuende Lücken zu füllen und noch fehlende Blickwinkel zu ergänzen. Kritik und Anregung sind insofern willkommen und erwünscht.
Berlin im September 2009
Moritz Blanke und Marcus Hawel
Inhalt
Uri Avnery: Antisemitismus: ein praktischer Leitfaden
Moshe Zuckermann: Aspekte des Philosemitismus
Peter Ullrich: Neuer Antisemitismus von links? Der Nahostkonflikt, Antizionismus,
Antisemitismus und die Linke in Großbritannien und der BRD
Peter Schäfer: Welches ist die Schönste im ganzen Land?
Deutsche Linke im Spiegel Palästinas. Plädoyer für einen Neuanfang
Harald Pätzolt: »Sag’ mir wo Du stehst...« Anmerkungen zu den Schwierigkeiten
der deutschen Linken im Umgang mit dem Israel/Palästina-Konflikt
Martin Fochler: Zu Funktion und Tradition der Palästina-Solidarität
in der alten BRD
Katja Kipping: Für einen linken Zugang zum Nahostkonflikt jenseits von
Antizionismus und antideutschen Zuspitzungen
Isabel Erdem: Anti-deutsche Linke oder anti-linke Deutsche?
Versuch einer sachlichen Betrachtung
Moshe Zuckermann: Zwischen Israelkritik und Antisemitismus
Marcus Hawel: Befindlichkeiten im Blick. Versuch, uns und anderen Israel
von »außen« zu erklären
Wolfram Adolphi: Ohne UN-Charta? Anmerkungen zu Marcus Hawels
»Befindlichkeit im Blick«
Johannes Kakoures: Warum die Linke das Prinzip der territorialen Integrität
verteidigen sollte
Salvador Oberhaus: Zur Frühgeschichte des Palästina-Konflikts bis zur Gründung
des Staates Israel. Ein ereignishistorischer Problemaufriss
Angelika Timm: Zivilgesellschaft als Lackmustest israelischer Demokratie
Dan Tamir: »Es gibt eine Grenze«. Interview mit Dan Tamir von Yesh-Gvul,
einer Organisation zur Unterstützung von Soldaten, die den Kriegsdienst in
den besetzten palästinensischen Gebieten verweigern
Winfried Rust: Dem Reinheitswahn verfallen. Westliche Sicherheitsdiskurse
und Islamismus ergänzen sich
Peter Schäfer: Zivilgesellschaftler aus Gaza fordern den internationalen Dialog
mit der Hamas




Mehr als PDF
