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Der »Belgrader Frühling« 1968 und seine Wirkungen

Die TeilnehmerInnen der Konferenz. (Bild: Boris Stamenić)

Organisiert wurde sie von der Alternativen Kulturorganisation AKO aus Novi Sad und dem Frauen-Informations- und Dokumentationszentrum ŽINDOK aus Belgrad als Bestandteil des gleichnamigen langfristigen Projektes, das sich einem bisher wenig untersuchten Thema widmet. Im Fokus des Interesses stehen dabei die Gründe für die revolutionären Umbrüche im Jahr 1968 im sozialistischen Jugoslawien im Kontext der globalen Welle des Protestes und der Emanzipation sowie die politischen, kulturellen, ideologischen und andere Folgen damaliger Ereignisse auf die Entstehung und Entwicklung neuer sozialen Bewegungen in den darauf folgenden Jahrzehnten. Die Konferenz zog ein breites Spektrum an Interessierten an, die sich auf unterschiedliche Weise mit dem Thema beschäftigen: von ZeitzeugInnen, AktivistInnen bis zu jüngeren ForscherInnen aus verschiedenen Disziplinen und mit unterschiedlichen Forschungsperspektiven.  

Eröffnet wurde die Konferenz mit dem Themenblock „Studentische Bewegung 1968 in Jugoslawien“. Einem Dokumentarfilm von Želimir Žilnik über die Bewegung an der Belgrader Uni im Jahr 1968 folgten Vorträge über die damaligen Ereignisse. Boris Kanzleiter hob die Einzigartigkeit des hybriden politischen Systems in Jugoslawien hervor als Spiegel des „jugoslawischen dritten Weges“ zwischen dem Osten, dem Westen und der sogenannten Dritten Welt. Die Ereignisse von 1968 in Jugoslawien definierte er als „Protest im Namen des Sozialismus gegen die enttäuschende Realität des jugoslawischen Sozialismus“. Milivoj Bešlin fokussierte in seinem Beitrag den Einfluss der Proteste von 1968 auf die politische Situation in Jugoslawien bis zum endgültigen Zusammenbruch der Protestwelle im Jahr 1971. Krunoslav Stojaković stellte danach die neuen Tendenzen im jugoslawischen Theater der 1960er Jahre vor, die unter dem Einfluss der philosophischen Praxis-Gruppe zustande kamen. Die Vorträge entfachten eine interessante Debatte, die sich der Frage der (Dis)Kontinuität der Proteste im Zeitraum von 1966 bis 1971 in Jugoslawien sowie der Frage, ob man die damaligen Ereignisse als einen „Protest“ oder eine „Bewegung“ bezeichnen sollte, widmete.

Đorđe Tomić präsentierte in einem Exkurs die wichtigsten Fragen, Begriffe, Theorien und Methoden der neueren Forschung über soziale Bewegungen. Der erste Konferenztag endete mit einem Panel „Kulturkritik – Kritik der Kultur“. 

Der zweite Tag war zunächst den Protesten und Alternativen in den 1980er Jahren gewidmet: Dissidenten im sozialistischen Jugoslawien, die Arbeiterbewegung und die (verschwiegene) Geschichte der antinationalistischen und Antikriegsopposition in Jugoslawien standen hier im Mittelpunkt. Dragan Olujić schilderte dem Publikum als Zeitzeuge und Teilnehmer der damaligen Proteste, genau wie Želimir Žilnik am Tag zuvor, einige wenig bekannte Ereignisse aus erster Hand.  

Analysiert wurde die Entwicklung der feministischen Bewegung in Jugoslawien. Besondere Aufmerksamkeit kam dabei der Frauenrolle in der neuen kommunistischen Gesellschaft sowie der Konferenz „Genossin Frau“ zu, die 1978 in Belgrad als erste autonome feministische Veranstaltung in Osteuropa stattgefunden hat. Das Kapitel „Feminismus in Jugoslawien“ wurde mit dem Überblick der aktuellen Prozesse und Tendenzen in der feministischen Szene in Serbien geschlossen.

Am letzten Tag wurden die Proteste und sozialen Bewegungen in Serbien nach 1990 unter die Lupe genommen: Đorđe Tomić referierte über die studentischen Proteste während der Ära Milošević,  Petar Atanacković und Željko Klarić sprachen über aktuelle Herausforderungen für die sozialen Bewegungen in Serbien und im postjugoslawischen Raum. Eine kurze, aber spannende Abschlussdiskussion beendete die Konferenz.

Die Konferenz fand in den lokalen Medien relativ hohe Beachtung. Radio Novi Sad sowie Dnevnik – die größte Tageszeitung in der Vojvodina – veröffentlichten täglich Ansagen zur Konferenz. Radio Beograd 202 widmete ihr eine Sondersendung, einschließlich eines zehnminütigen Live-Interviews mit einem der Hauptorganisatoren der Konferenz, Petar Atanacković von AKO. Zudem kündigte die Redaktion des dritten Programms von Radio Beograd an, demnächst Ausschnitte der Konferenz im Programm zu übertragen. 

Mit dem Verlauf der Konferenz waren sowohl die TeilnehmerInnen und das Publikum als auch die OrganisatorInnen zufrieden. Vorgesehen ist, eine gemeinsame Mailingliste einzurichten, eine Publikation mit Beiträgen der TeilnehmerInnen herauszugeben (auch in einer deutschen oder englischen Übersetzung) und sie in mehreren Städten im postjugoslawischen Raum zu präsentieren.


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