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Veranstaltung

Seminar
08.07.2009 | 19:30 Uhr
Rosa-Luxemburg-Stiftung, Berlin
Mit Nadja Rakowitz

Der Traum von Befreiung durch direkten und gerechten Tausch: zur Kritik der einfachen Warenproduktion

Reihe »Satellitenseminare zu 'Dem Wert auf der Spur'« - Dokumentation des Begleitseminars zu den RLS-Kapitallesekursen

Flash ist Pflicht!

Sowohl die Utopien der Frühsozialisten als auch die Freiwirtschaftslehre und aktuelle computergestützte Arbeitsstundenzettelmodelle reproduzieren das romantische Ideal des Warentausches ohne Geld, Zins und Kapital. Doch schon Marx wusste: die Gesellschaft der einfachen Warenproduzenten als Grundlage einer krisenfreien Wirtschaft gibt es nicht. Geld, Kredit und Krise gehören zwangsläufig zum Prinzip von Warenproduktion und Äquivalententausch. Indes schulden sich die Utopie von einer geld- und zinslosen Wirtschaftsordnung freier Produzent/innen einem falschen Verständnis der Marxschen Werttheorie, so die Politologin, externer Link in neuem Fenster folgtExpress-Redakteurin und externer Link in neuem Fenster folgtMedizinsoziologin Nadja Rakowitz.

Der Vortrag ging aus von Marx’ Kritikbegriff, der – so Rakowitz – sowohl an den unhinterfragten Naturalisierungen der herrschenden Politischen Ökonomie seiner Zeit ansetze als auch den Anspruch erhebe, vernunftbegründete (und somit kritisierbare) Aussagen zu treffen. Der Bezug auf den Begriff der gesellschaftlichen Formen und die wissenschaftliche Darstellungslogik nähmen hierbei einen zentralen Stellenwert ein. Marx stehe somit in der modernen Tradition der kritischen Philosophie seit Kant.

Marx’ Kritik an der Idee der einfachen Warenproduktion ohne Geld, Zins und Kapital sei in erster Linie eine Auseinandersetzung mit den Frühsozialisten, deren gesellschaftliche Utopien sich „zwischen dem polizeilich Erlaubten und dem logisch Unerlaubten“ bewegten, indem sie zwei einander ausschließende Prinzipien - kapitalistisch organisierte Produktion und selbstbestimmte, demokratische Verkehrsformen - miteinander zu versöhnen trachteten.

Nadja Rakowitz führte die Marxsche Kritik fort in Auseinandersetzung zum einen mit Silvio Gesells “natürlicher Wirtschaftsordnung”, einer Schwundgeldtheorie ohne Zins, zum anderen mit neueren Konzepten einer Tausch-Ökonomie, die auf Arbeitsstundenzetteln beruht. Beiden Ansätzen gemeinsam sei die Blindheit für die logische Verknüpfung von Warentausch, Wertgesetz und Geld: solange der Wert und die abstrakte Arbeit das vorherrschende Vergesellschaftungsprinzip der Individuen als formal „Freie und Gleiche“ seien, sei Geld für den Äquivalententausch unabdingbar, Kredit und Zins seine zwangsläufig folgenden „Begleiterscheinungen“. Marx selbst habe dies anhand der Wertformanalyse und späteren Ausführungen im III. Band aufgezeigt. Kurzum: Wer sich nur auf ein Momentum kapitalistischer Vergesellschaftung beziehe, könne die umbarmherzige Logik des Kapitals nicht aufheben. Umgekehrt hieße das: wer den Kapitalismus überwinden wolle, müsse die Totalität seiner Formen im Blick haben: das universelle Prinzip des Äquivalententausches von Waren, Privateigentum an den Produktionsmitteln, private Produktion für einen anonymen Markt, Verwertungskonkurrenz und Profitmaximierung. Perspektiven und Elemente einer befreiten Gesellschaft seien bei Marx nur angedeutet, niemals ausbuchstabiert, da sein wissenschaftliches Anliegen die Darstellung und Kritik der kapitalistischen Produktionsweise gewesen sei. Auf die Frage, wie mit der Marxschen Analyse also die potentiellen und flüchtigen Momente einer ganz anderen Gesellschaft im Hier und Jetzt auszumachen seien, verwies Nadja Rakowitz u.a. auf formale Universalität des Weltmarktes (bei gleichzeitiger Asymmetrie und Repression), die formale Freiheit und Gleichheit der Subjekte (bei gleichzeitiger materieller Ungleichheit und Unfreiheit) sowie auf die potentiell immer größere Befreiung von der Arbeit aufgrund verbesserter Zeitökonomie. Technologische Errungenschaften und Produktivkraftentwicklungen im Kapitalismus dürften indes nicht absolut betrachtet, sondern müssten immer mit Blick auf das ihnen innewohnende Demokratiedefizit hin analysiert und kritisiert werden: zu welchen Bedingungen wovon was und wie viel produziert wird, bestimmten ja nicht die Produzierenden, sondern die Eigentümer oder der Staat. Insofern müsse die Gesellschaft sich die Produktion aneignen, als eine ihre zugehörige, demokratisch zu organisierende Sphäre der menschlichen Reproduktion überhaupt. Erst dann sei auch die Frage der Verteilung des gesellschaftlich geschaffenen Reichtums wirklich frei und gleich zu gestalten. Ob dann noch das Prinzip des Äquivalententausches nötig sei, bezweifelte Vortragende.

Der Vortrag in gesamter Länge steht hier als Audio-Mitschnitt zur Verfügung.

Satellitenseminare – was ist das?

Seit 2006 werden in der Rosa-Luxemburg-Stiftung Kapital-Lektürekurse angeboten. Um diese regelmäßigen Lesetreffen herum kreisen verschiedene Satellitenseminare zu ausgewählten Fragen und Diskussionssträngen auf dem Feld der Kritik der Politischen Ökonomie: Wie ist das Kapital eigentlich entstanden? Welche unterschiedlichen Lesarten der Marxschen Theorie gibt es? Wie haben sich Autor/innen wie Rosa Luxemburg oder David Harvey von Marx für ihre Imperialismustheorien inspirieren lassen? Wie stünde Marx heute zu „Heuschrecken“ und „Raubtierkapitalismus“? Und nicht zuletzt: wie steht es um die Möglichkeit, mit Marx die Geschlechterverhältnisse kritisch zu reflektieren? Satelliten sind offen für alle Interessierten. Vorkenntnisse des Marxschen Kapital sind hilfreich.

Mehr Informationen unter: http://www.das-kapital-lesen.de/?page_id=3

Kontakt

Anne Steckner

www.steckner.de/flog

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Besonderheiten

Um verbindliche Anmeldung wird gebeten. Raum wird im Foyer bekannt gegeben.