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Rosa Luxemburg und die Diskussionen der Linken in der Gegenwart

135 Jahre Rosa Luxemburg. Dieser Gedenktag und der erreichte Stand der Diskussionen in mehreren internationalen Tagungen und Konferenzen der letzten Jahre war für die Rosa-Luxemburg-Stiftung ein guter Anlass zu dieser internationalen Konferenz nach Berlin einzuladen. Gekommen waren zahlreiche in- und ausländische Gäste, u. a. aus Argentinien, Brasilien, Mexiko, Venezuela, Italien, Schweiz, Niederlande, Schweden, Norwegen und Russland, um über Rosa Luxemburg in ihrem historischen Kontext und ihre Bedeutung heute zu diskutieren. Bei ihrer Eröffnungsrede sah Evelin Wittich, geschäftsführendes Vorstandsmitglied der RLS, dies als ein Beleg dafür, dass »Rosa Luxemburg nichts an ihrer Ausstrahlung verloren hat«.
In den beiden Konferenztagen spiegelte sich die enge Verbindung Rosa Luxemburgs zu den Künsten wieder. Heidrun Hegewald, die ein bekanntes Bild von Rosa Luxemburg gemalt hat, las zu Beginn aus ihren Texten und wurde von der Solotänzerin Angela Reinhardt mit einer gelungenen Darbietung begleitet.

Gerade dieses Zusammenspiel von Musik, musikalisch-szenischen Elementen, Referaten und Diskussion machte die Qualität der Konferenz aus. Am Abend des ersten Tages bewies Hans-Eckardt Wenzel seine Fähigkeit, mit Sprache und Musik zu jonglieren. Sein Programm, das er wortgewaltig und ohne Ermüdungserscheinungen absolvierte, war für viele KonferenzteilnehmerInnen ein besonderer Genuss.

Exklusiv für diese Konferenz hatten Carolina Kahmann, Jörg Mischke, Klaus Stephan und Sonny Thet, unter der Regie von Andreas R. Bartsch ein musikalisch-szenisches Programm konzipiert, welches sehr gut angenommen wurde. Alle Diskussionsmodule begannen mit einer Aufführung aus diesem Programm.

Diese Konferenz war keineswegs nur auf die Würdigung Rosa Luxemburgs ausgerichtet. In den vier Modulen und sieben Foren wurden verschiedene inhaltliche Komplexe diskutiert. Besonders Jörn Schütrumpfs Beitrag im ersten Modul eröffnete den eindringlichsten Blick auf jene Rosa Luxemburg, die von vielen so nicht erkannt wird. Zu lange war sie auf ihre Rolle als Märtyrerin reduziert worden. Schütrumpf: »Sie wurde als Dekoration des Sozialismus missbraucht, während über ihrem Denken fast bis zum Ende der DDR ein Verdikt schwebte.« Denunziert, verleumdet und von ihrem Werk gereinigt sei sie heute noch vielen nur als stumme Ikone erträglich und nützlich. Dabei sei Rosa für die Debatten der Linken aktueller denn je.

Das zweite Modul wurde von vielen TeilnehmerInnen als einer der Höhepunkte der Konferenz empfunden. In dem von Dorothea Schmidt moderierten Modul stellten sich Georg Fülberth und Michael R. Krätke den neun Fragen zum Kapitalismus. Dieses Gespräch entwickelte sich zu einer qualitativ hochwertigen Bildungsveranstaltung. Georg Fülberth („Ein Narr antwortet mehr, als zehn Weise fragen können“) konstatierte am Ende dieses Moduls: »Was bleibt von Rosa Luxemburg? Viele Fragen, die sie nicht beantwortet hat«.

Im Mittelpunkt des dritten Moduls stand eine eben dieser unbeantworteten Fragen, nämlich die Frage der Spontaneität und Selbstbeteiligung der Massen. Gilberto Lopez y Riva, Andreas Trunschke und Dieter Schlönvoigt versuchten unter dem Titel »Mit lebendigen Klassenverhältnissen rechnen. Strategie und Taktik politischen Kampfes in der Tradition Luxemburgs« sich dieser Frage zu nähern.

»Eine neue Linke ist möglich! Rosa Luxemburgs Vision einer demokratisch-sozialistischen Linken«. Dieser Titel des vierten Moduls war sicherlich Anlass genug für Michael Brie, um ein aktuelles Thema nicht unbeantwortet zu lassen. In seinem Vortrag behandelte Brie die aktuelle Kubadiskussion aus der Sicht der Frage »Was hätte Rosa uns gesagt?« und stellte fest, dass die Zeit der Beliebigkeit und abstrakter Erklärung für die Linke vorbei ist. Sie müsse sich angesichts der wachsenden Bedrohungen der Grundlagen menschlicher Zivilisation radikalisieren, ohne in Extremismus zu verfallen. Und sie müsse die Machtungleichheit beachten. »Die Linke ist nur links, wenn sie vom Standpunkt derer auf die Gesellschaft blickt, die durch die herrschenden Verhältnisse unterdrückt, ausgebeutet, ausgegrenzt und entwürdigt werden« so Brie. Eine Partei, die sich nach 1989 für die Rehabilitierung von Dissidenten eingesetzt habe, dürfe nicht schweigen, wenn andere Staaten mit den gleichen Mitteln eine gleiche Verfolgung politisch Andersdenkender vornähmen. Es dürfe nicht vergessen werden, dass soziale und partizipative Demokratie nur zusammengedacht werden können. Brie: »Für Rosa Luxemburg war der Kampf für den Sozialismus vor allem ein Kampf gegen die Barbarei. Sozialismus war für sie die notwendige Bedingung, um dem Untergang in die Barbarei zu entgehen. Niemals wäre es für sie hinnehmbar gewesen, selbst zu den Mitteln der Barbarei zu greifen. Rosa Luxemburg war Sozialistin, weil sie radikale Humanistin war. Dieser Bezug ist es, der sie über so viele andere ihrer sozialistischen Zeitgenossen stellt.«

Diese kleine große Frau, um es mit Jörn Schütrumpfs Worten zu sagen, die radikale Demokratin und unbestechliche Sozialistin, wird sicherlich auch in der Zukunft weiterhin ein Thema für die Linken sein. Weder als Ikone, noch als Märtyrerin, sondern als Stichwortgeberin für die Debatten der Linken und für das Ziel des Sozialismus. Schon 1915 schrieb Rosa Luxemburg »… wir sind nicht verloren und wir werden siegen, wenn wir zu lernen nicht verlernt haben«. Es wird mir sicherlich niemand übel nehmen, wenn ich das als die Quintessenz der Konferenz bezeichne.

(Bericht: Murat Çakir)

An der Konferenz nahemn u. a. teil: Annelies Laschitza (Berlin), Tanja Stolokken (Oslo), Prof. em. Georg Fülberth (Marburg), Prof. Michael R. Krätke (Amsterdam), Prof. Dr. Dorothea Schmidt (Berlin), Prof. Jakow Drabkin (Moskau), Gilberto Lopez y Riva (Mexiko – Stadt), Prof. Roland Roth (Magdeburg), Isabel Loureiro (Sao Paulo), Edgardo Lander (Venezuela), Pablo Slavin (Argentinien), Claire Villiers (Frankreich) sowie Mimmo Porcaro (Italien).

 

>>Gesamtprogramm [pdf, 98kB]



Konferenzbeiträge

Begrüßung durch Evelin Wittich (RLS)

>>Audiodatei (MP3, 2MB)

Modul 1:
Rosa Luxemburg in ihrem historischen Kontext und ihre Bedeutung heute
Beiträge und Diskussionen mit Tanja Storlokken, Universität Oslo; Jörn Schütrumpf, Karl Dietz Verlag Berlin.
Moderation: Klaus Kinner, Rosa-Luxemburg-Stiftung Sachsen

>> Diskussionsbeitrag Jörn Schütrumpf [pdf, 104kb]

>>Diskussion als Audiodatei (MP3, 35 MB)

Modul 2:
9 Fragen zum Kapitalismus. Ein Gespräch zwischen Georg Fülberth, Universität Marburg und Michael R. Krätke, Universität Amsterdam
Moderation: Dorothea Schmidt, Fachhochschule für Wirtschaft Berlin

Was ist eigentlich Kapitalismus? Neun Antworten von Michael Krätke, Georg Fülberth und Rosa Luxemburg (Beitrag zu Modul 2) >>mehr

>>Diskussion als Audiodatei (MP3, 44 MB)


Modul 3:
»Mit lebendigen Klassenverhältnissen« rechnen. Strategie und Taktik politischen Kampfes in der Tradition Luxemburgs.  Beiträge und Diskussionen mit:

Gilberto Lopez y Riva, Mexiko-Stadt: Widersprüche der modernen bürgerlichen Demokratietheorie und -praxis Lateinamerikas

Andreas Trunschke, Rosa-Luxemburg-Stiftung Brandenburg: Spontaneität, Politische Bildung und Politische Kultur – Welche Voraussetzungen braucht Selbstorganisation? Wie sind Selbstveränderungsprozesse der Akteure durch diese gestaltbar? >>mehr  [pdf, 99kb]

Dieter Schlönvoigt, RLS: Widerstand in Zeiten des Gleichgewichts >>mehr  [pdf, 135kb]

Moderation: Silke Veth, RLS

 


Modul 4:
Eine neue Linke ist möglich! Rosa Luxemburgs Vision einer demokratischsozialistischen Linken

Beiträge und Diskussionen mit Isabel Loureiro, Sao Paulo; Michael Brie, RLS; Pablo Slavin, Universität Mar del Plata
Moderation: Cornelia Hildebrandt, RLS

Isabel Loureiro: Rosa Luxemburgs Vision einer demokratischen Linken >>mehr  [pdf, 134kb]

Forum 7:
Rosa Luxemburgs Analyse der Regierungsbeteiligung der Linken und die heutige Auseinandersetzung in Europa. Impulsbeiträge: Michael Brie, RLS; Monica Quirico, Italien; Aron Etzler, Schweden.
Moderation: Christoph Spehr, Bremen

Michael Brie: Was hätte Rosa gesagt? Zur Kuba-Debatte in der Linkspartei.PDS >>mehr

Michael Brie: Ist sozialistische Politik aus der Regierung heraus möglich? Fünf Einwände von Rosa Luxemburg und fünf Angebote zur Diskussion. (Forum 7) >>mehr

 

Bilder:

Eröffnung: Evelin Wittich; Rosa getanzt und gelesen mit Heidrun Hegewald und Angela Reinhardt.

Modul 1: Tanja Storlokken, Klaus Kinner, Jörn Schütrumpf; Abendprogramm: Lieder und Texte mit Hans-Eckardt Wenzel

Modul2: Michael R. Krätke, Georg Fülberth; Musikalisch-szenisches Programm: Carolina Kahmann, Jörg Mischke, Andreas R. Bartsch, Klaus Stephan, Sonny Thet

Forum 1: Jakow Drabkin, Moskau. Forum 6: Edgardo Lander, Venezuela; Christiane Schulte, RLS; Isabel Loureiro, Sao Paulo. Forum 7: Michael Brie (mit Isabel Loureiro)

Ausstellung »Rosa Luxemburg – Materialien«; RLS: Der neue Konferenzraum; Abschlussbemerkungen: Reinhard Mocek