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Platz der Träume – Rüyalar Meydani

Aufbruch am Taksim: Wofür wir kämpfen

Aktivistinnen und Aktivisten aus Istanbul berichteten auf einer Infotour durch Deutschland.

Es begann mit dem Protest gegen den Bau eines Einkaufszentrums, wurde zum Ereignis und veränderte das politische System der Türkei. Eine scheinbar unbedeutende Besetzungsaktion brachte binnen weniger Tage Hunderttausende auf die Straßen, erst in Istanbul, dann in unzähligen Klein- und Großstädten in der Türkei. Brutale Überfälle der Staatsgewalt und das Schweigen der offiziellen Medien riefen noch mehr Menschen auf die Plätze. Die mutige und phantasievolle Bewegung dauert an, lässt sich nicht einschüchtern, nicht beirren.

Fünf Aktivist_innen der ersten Besetzungsaktionen sprechen über die Perfidien eines Systems, das sie schon ins Wanken gebracht haben: Die Enteignung des öffentlichen Raums, die Vertreibung der «gefährlichen Armen» aus der Innenstadt, die Gentrifizierung, die besondere Mischung aus kapitalistischer Modernisierung und autoritärer Islamisierung. Unsere Gäste sprechen aus dem vielstimmigen Protest, seinen neuen Formen der Begegnung und Partizipation, aus der Erfahrung einer Demokratie ohne Polizei. Sie erzählen, wofür sie kämpfen.

Interviews

Interview mit dem Aktivisten Gökhan Biçiçi


Gökhan Biçici ist Programmredakteur beim Nachrichtenkanal İMC TV, Redaktionsmitglied des Onlineportals EmekDunyasi und diesjähriger «Pressefreiheit»-Preisträger des türkischen Journalist_innenverbandes.

Gökhan, du hast am 12. Juli 2013 den Preis für Pressefreiheit des Türkischen Journalistenverbandes erhalten. Was war der Grund?

Eigentlich habe ich diesen Preis im Namen aller JournalistInnen erhalten, die während des »Juni-Aufstandes« verhaftet, verletzt oder gekündigt wurden. Ich habe während der Proteste sowohl für die IMC TV als Fernsehjournalist, als auch, wie Tausende anderer, für die sozialen Netzwerke berichtet.

Dabei wurdest du ja selbst verletzt und auch verhaftet, oder?


Ja, das ist richtig. Während einer Liveübertragung wurde ich von einer Gasgranate getroffen. Das war ein gezielter Schuss, denn dieselben Polizisten hatten vorher schon zwei Mal gezielt auf mich geschossen, beim dritten Mal trafen sie. Den Tag musste ich im Krankenhaus verbringen. Zwei Wochenspäter wurde ich dann verhaftet. 6 oder 7 Polizisten rissen mir mein Presseausweis ab und trugen mich gewaltsam weg. Die ganze Aktion wurde von Passanten aufgenommen und ins Internet gestellt.

Es war von Anfang an so, dass die gängigen Medien lange schwiegen und erst dann über die Ereignisse berichteten, als überall im Internet die Bilder zu sehen waren. Wäre das ohne die sozialen Netzwerke überhaupt möglich?


Auf keinen Fall. Wie in Tunesien und Ägypten wurden die sozialen Netzwerke die eigentlichen Medien. Jede und Jeder wurde zum freiwilligen Journalisten. Die Regierungspropaganda konnte binnen Minuten als Lüge entlarvt werden. Die Menschen organisierten sich über Twitter und Facebook, gaben dort an, wo die Lazarette stehen, wie die Telefonnummern der Anwälte zu finden sind und wie sie sich vor den Angriffen schützen können. Dadurch haben die Menschen ihre Angst überwunden und sahen sich als ein Bestandteil der Bewegung an.

Viele sagen, dass sie den gängigen Medien nicht mehr trauen. Wie steht es denn eigentlich um die Presse in der Türkei, ist sie wirklich gleichgeschaltet?

Nun, was die gängigen und regierungsnahen Medien betrifft, auf jeden Fall. Abgesehen von ein paar Fernsehkanälen und linken Medien kann man von einer freien Berichterstattung in der Türkei nicht sprechen. Während die internationale Presse von Anfang an über die Proteste berichtet hat, hatten unsere Medien nichts Besseres zu tun, als eine Dokumentation über Pinguine zu zeigen. Aber auch als sie angefangen haben zu berichten, waren diese Berichte voller Desinformationen, Regierungspropaganda und Lügen. Doch große Medienunternehmen haben die Wut der Menschen spüren müssen. Vor den Fernsehanstalten gab es mehrere Demonstrationen und Boykottaufrufe. Die kleinen, aufrichtigen Medien haben explodierende Rating-Raten und der BürgerInnenjournalismus verbreitet sich rasend schnell. Hier sind wir als hauptamtliche JournalistInnen gefragt. Wir müssen den BürgerInnenmedien helfen, sich zu organisieren und für eine, der Presseethik entsprechende, bürgerInnennahe, sorgfältige Berichterstattung sorgen. Die Zeit, in der Regierungen über ihre Medien die Menschen einlullen konnten ist vorbei. Selbst wenn die Proteste für keinen Politikwechsel sorgen sollten, so haben sie deutlich gemacht, dass die Allmacht der Medienunternehmen nicht gottgegeben und zivilgesellschaftliche Medienkompetenz unerlässlich ist. Das ist schon ein gewaltiger Fortschritt.

Gökhan, vielen Dank für das Gespräch.

Das Gespräch führte Murat
Çakır, Rosa-Luxemburg-Stiftung Hessen.
Bei dem Interview handelt es sich um eine Vorab-Veröffentlichung aus der Mitte September erscheinenden Ausgabe der Rosalux.

Gezi protestoları ve Türkiye
Gazeteci Gökhan Biçici Köln Radyosu'nun sorularını yanıtladı
Köln Radyosu, 20.8.2013
«Güncel Haberler», türkischsprachige Sendung von «funkhaus europa»

Der Taksim ist ein Epizentrum der Türkei
Interview mit Begüm Özden Fırat in der Tageszeitung «neues deutschland», 21.8.2013

Taksim war nur der Anfang, der Widerstand wird weitergehen
«Die Freiheitsliebe» im Gespräch mit Gökhan Biçici, 22.8.2013

Türkei: Erdogans gefährliches Spiel um den Machterhalt
Gökhan Biçici, Journalist, Gewerkschafter und Aktivist im Gespräch mit weltnetz.tv, 2.9.2013

Die Infotour

Flyer zum Download (Deutsch)
Flyer zum Download (Türkisch)

Zur Pressemitteilung

Keine Veranstaltungen vorhanden.

Kontakt: Silke Veth, Rosa-Luxemburg-Stiftung, veth@rosalux.de

Video

Analysen

Vor-Ort-Berichte (Juni 2013)

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