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Dienstag, 10. Januar 2017
Autor/Innen: Benjamin Luig, Jörg Staude

Den globalen Agrarkapitalismus abbilden

Interview zum «Konzernatlas» mit Daten und Fakten über die Agrar- und Lebensmittelindustrie 2017

Benjamin Luig, Koordinator des Dialogprogrammes Ernährungssouveränität bei der Rosa-Luxemburg-Stiftung und Mitautor des Konzernatlas

 

Interview mit Benjamin Luig, Koordinator des Dialogprogrammes Ernährungssouveränität bei der Rosa-Luxemburg-Stiftung, zum am 10.1.2017 vorgestellten «Konzernatlas 2017».

Worum geht es Euch bei dem Atlas?

Im Kern wollen wir mit dem Atlas die aktuelle Situation im globalen Agrarkapitalismus abbilden. Den Beteiligten war dabei von Anfang an klar, dass der Konzern-Atlas eines leisten muss: Der komplexen Thematik gerecht zu werden.

Wenn von Lebensmittel- oder Agrarmärkten die Rede ist, haben viele Menschen ein vereinfachtes Bild vor Augen: Zuerst kommt der Bauer, in der Mitte der Konzern und am Ende der Konsument. Wie dynamisch dieses System ist, und in wie starkem Maße Finanzfonds oder neue Technologien Agrar- und Ernährungssysteme wandeln, wird oft unterschätzt. Auch die enorme Dynamik der Expansion von Konzernen in Ländern des globalen Südens wird unterschätzt.

Eine wichtige Erkenntnis im Atlas ist auch, dass die Konzerne sehr unterschiedliche Interessen haben und zum Teil sektorübergreifend gegeneinander konkurrieren. Die Übernahmen von Monsanto durch Bayer oder von Syngenta durch Chem China sind nur vor dem Hintergrund der Konkurrenz mit den Agrartechnikkonzernen zu verstehen.

In der Öffentlichkeit wird gern das traditionelle Bild des Bauern auf seiner Scholle propagiert. Das gibt es in Wahrheit praktisch nicht mehr - oder?

Richtig. Die bäuerlichen Produzenten - ob der Milchviehhalter im Allgäu, der Sojafarmer in Brasilien oder der Kleinbauer in Kenia - stehen alle massiv unter Druck. Viele von ihnen sind in einer Verschuldungsspirale gefangen. Viele verabschieden sich aus der Landwirtschaft, weil sie sich massiven strukturellen Zwängen ausgesetzt sehen. Einem Teil von ihnen gelingt es andererseits, produktive, nachhaltige Produktionssysteme aufzubauen, die sie ein gutes Stück weit vom Konzerngriff unabhängig machen.

Eine andere wichtige Gruppe von Akteuren wird oft ignoriert: Arbeiterinnen und Arbeitern im Agrarsektor und zwar entlang der gesamten Wertschöpfungskette: in der Ernährungsindustrie, im Einzelhandel, aber auch in der Primärproduktion.

Die Landwirtschaft gilt als wichtiger Bereich von prekärer Beschäftigung, auch von Kinderarbeit und extremer Selbstausbeutung bäuerlicher Familien. Was sagt der Atlas darüber aus?

Die Frage ist nicht der Hauptfokus im Atlas. Aber es wird in mehreren Artikeln deutlich, dass es im Agrarsektor und in der Ernährungsindustrie in den letzten Jahren eine verschärfte Prekarisierung der Arbeitsverhältnisse gegeben hat, in manchen Sektoren auch eine Feminisierung. Das gilt für Binnenmärkte wie für globale Lieferketten gleichermaßen. Ein auffälliger Trend in der Nahrungsmittelindustrie sind Fusionen, bei denen massiv Arbeitsplätze abgebaut und Standorte geschlossen werden, weil man mit neuer Logistik und neuen Technologien – Stichwort Digitalisierung – Kosten einsparen will.

Landgrabbing breitet sich auch in der Bundesrepublik aus. Die Bodenpreise schießen geradezu in die Höhe…

Der kommerzielle Druck aufs Land ist ein globales Phänomen. In Ländern ohne ein funktionierendes Katastersystem, in denen der Staat formal Eigentümer des Landes ist und Kleinproduzenten nur informelle Nutzungsrechte innehaben, führt es zu direkter Übernahme von Grund und Boden, in Deutschland verschärft es eher die Verschuldung von Betrieben, die Zupachten müssen, und führt zu einer schleichenden Übernahme von Betrieben durch externe Investoren.

Von der Bundesrepublik geht auch ein indirektes Landgrabbing aus, indem Deutschland Futtermittel importiert, um die Millionen Schweine hier zu mästen, die dann als Billigfleisch die Märkte überschwemmen. Wer hat da Schuld - die Regierungen, die das zu lassen; die Verbraucher, die möglichst billig einkaufen wollen oder sind es vor allem die profithungrigen Konzerne?

Konsummuster sind Teil des Problems, aber nicht das alleinige. Und der Konzernatlas ist alles andere als ein Verbraucher-Guide.

Eine wichtige Rolle spielt die Politik, Konzerne agieren ja auch in einem Kontext. Bei den Sojaimporten zum Beispiel ist der historische Deal zwischen EU und USA zu berücksichtigen, der dazu führte dass die Europäische Union - im Unterschied zu den USA - weitgehend auf den Anbau von Soja verzichtet und ihn importiert.

Umgekehrt findet das Wachstum der Produktion für den Export statt. Die nachgelagerten Fleischkonzerne in Deutschland sehen sich einer gesättigten Nachfrage gegenüber, der Fleischverbrauch stagniert - ihnen geht es also vor allem um den Export.

Bisher kennt man einen Kohle- und Fleisch-Atlas. Nun veröffentlichte die Rosa-Luxemburg-Stiftung zusammen mit einer Reihe von Partnern einen «Konzernatlas». Wie kam es zu dem Projekt?

Ursprünglich stammt das Format eines thematischen Atlas' von der französischen Zeitschrift «Le Monde Diplomatique». Mit dem Kohle- oder dem Fleisch-Atlas hatten es Organisationen wie der BUND oder die Heinrich-Böll-Stiftung in den letzten Jahren geschafft, komplexe Themen plastisch sichtbar zu machen. Beim Konzern-Atlas, bei dem es um die globale Agrar-Ernährungsindustrie geht, wurde die Rosa-Luxemburg-Stiftung angefragt, ob sie mit einsteigen will. Das haben wir gern getan. Wir haben einerseits die Zuständigkeit für bestimmte Themen übernommen, und zum Beispiel die Artikel zu Regulierung, Plantagenkonzernen und Arbeitsbedingungen verfasst. Andererseits haben wir uns natürlich auch an den Kosten des Projekts beteiligt.

Was kann der nächste Schritt für die Stiftung sein, um die mit dem Atlas begonnene Arbeit fortzusetzen?

Wir wollen deutlich machen, dass es bei Fragen der Agrarpolitik keineswegs um ein Nischenthema geht, sondern um soziale Kernfragen. In unserer Kapitalismuskritik müssen zum Beispiel die Arbeitskämpfe in den Agrarlieferketten sichtbarer werden.

Wir wollen hier in Deutschland und in den RLS-Büros im Süden - in Afrika und Asien - zu bestimmten Aspekten stärker arbeiten, so zum Thema Konflikte um Land oder gewerkschaftliche Organisationen. Fortsetzen wollen wir auch die Diskussionen zum ländlichen Strukturwandel - aus einer linken Perspektive.