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Gesprächskreis - Nachhaltigkeit

Das Themenfeld Nachhaltigkeit zu einer anerkannten Profillinie der Rosa-Luxemburg-Stiftung zu entwickeln, gehört zu den großen Herausforderungen unserer Arbeit. In weiten Teilen der sozialistischen Linken wie in der Gesellschaft überhaupt wird nachhaltige Entwicklung vor allem auf ihren ökologischen Inhalt reduziert; gewisse Akzeptanz findet bestenfalls noch seine Ausdehnung auf Wirtschafts- und Technologiepolitik. Viele lehnen den Begriff jedoch grundsätzlich ab und/oder bevorzugen demgegenüber den Begriff Zukunftsfähigkeit.

Die Tatsache, dass auch zig Jahre nach Rio und den vielfältigen Prozessen der Lokalen Agenda nur 15 % der Bevölkerung in Deutschland mit dem Terminus Nachhaltigkeit etwas anfangen kann, korrespondiert mit einer selbst in ExpertInnenkreisen und unter politischen AkteurInnen zu beobachtenden Unkenntnis bzw. Ausblendung der bisher stattgefundenen internationalen Debatten und einer mangelnden Bereitschaft, sich darauf einzulassen.

In ihrer globalen, komplexen gesellschaftlichen Dimension wird nachhaltige Entwicklung zur Herausforderung auf ökologischem, wirtschaftlichem, sozialem, politischem und kulturellem Gebiet. Die verschiedenen politischen Richtungen, vor allem die politischen Parteien, haben mehr oder weniger ausgearbeitete Vorstellungen und Programme entwickelt, um den Kriterien der Brundtland-Kommission für eine nachhaltige Entwicklung gerecht zu werden. Defizite dabei sind vor allem, dass der soziale und solidarische Anspruch eines nachhaltigen Entwicklungstyps, die Umgestaltung des Systems der Arbeit und der Verteilungsverhältnisse ungenügend berücksichtigt werden. Die Konsequenzen für die Neugestaltung von Eigentum, Macht, Demokratie, politischen Institutionen und Kultur werden ebenso wenig hinterfragt wie emanzipatorische Ansprüche.
Mit politischer Bildung und begleitender Grundlagenarbeit im Kontext von ExpertInnen- und AkteurInnennetzen möchten wir dazu beitragen, ein Verständnis von Nachhaltigkeit als eine alle gesellschaftlichen Sphären durchdringende Entwicklungsvoraussetzung aus sozialistischer Perspektive zu befördern.

In den Jahren bis 1999 war die Auseinandersetzung mit modernen Technologien ein wichtiger Arbeitsgegenstand in der politischen Bildungsarbeit. Ergebnisse wurden 1998 in einer Konferenz diskutiert und mit dem Protokoll 1/1999 »Technikbewertung aus ökologischer, sozialer und ökonomischer Perspektive« vorgelegt. Ein umfassendes Verständnis von Nachhaltigkeit, das eine Verflechtung von wesentlichen Politikfeldern bedeutet, wurde mit dem Buch »Reformalternativen – sozial, ökologisch, zivil« zur Diskussion gestellt.

Im Jahr 2001 hat die Rosa-Luxemburg-Stiftung weiterführend an grundlegenden Problemen von Nachhaltigkeit und sozialistischer Politik gearbeitet. In drei Workshops ging es um Begriff und gesellschaftliche Handlungsstrategien, um Bildung und Nachhaltigkeit aber auch um das Verhältnis von Ökologie und Ökonomie in wirtschafts- und regionalpolitischen Konzepten. In der Reihe Manuskripte erschien das Bildungsmaterial »Nachhaltigkeit als politische Ökologie« von Hanna Behrend und Peter Döge. Auch Projekte anderer Träger wurden und werden in diese Arbeit einbezogen; so fördern wir die Herausgabe des Jahrbuches für Ökologie.

Diese Arbeitsweise wurde mit Blick auf eine kritische Bilanz des Rio-Prozesses in Johannesburg im September 2002 fortgesetzt und fand in der internationalen Konferenz der Rosa-Luxemburg-Stiftung im November 2002 »Nachhaltigkeit und soziale Gerechtigkeit im 21. Jahrhundert« einen Höhepunkt. Über diese Formen erreichen wir vor allem Zielgruppen, die sich mit diesem Themenfeld bereits beschäftigen – WissenschaftlerInnen und politische AkteurInnen. Mit der Entwicklung des Themas zu einer für die Stiftung tragenden Profillinie und einem übergreifenden Querschnittsthema wollen wir zugleich für eine breitere Öffentlichkeit wirksam werden: Nachhaltigkeit soll als elementarer existenzieller und sozialer Prozess für die Menschen lebensweltlich transparent und buchstabierbar gemacht werden. In diesem Sinne verliert Nachhaltigkeit für eine immer größere Zielgruppe den Charakter eines ökologischen Nischenthemas und wird zum zentralen Feld der Auseinandersetzung um Chancengleichheit und soziale Gerechtigkeit auf lokaler und nationaler Ebene ebenso wie im Eintreten für sozialen Ausgleich und eine gerechtere Ordnung weltweit.

Angesichts der aktuellen ökologischen und ökonomischen Krise machen wir künftig auch jüngere Debatten verstärkt zum Gegenstand der Auseinandersetzung, z.B. die Kritik am grünen Kapitalismus, der sozial-ökologische Umbau und das Konzept der gesellschaftlichen Naturverhältnisse.

 

Leitung des Gesprächskreises:

 

Dr. Evelin Wittich,
Direktorin der Akademie für Politische Bildung

 

Mitglieder des Gesprächskreises:

 

Prof. Dr. Reinart Bellmann, Dresden

Dr. Wolfgang Bey, Berlin

Eva Bulling-Schröter, Ingolstadt

Dr. Dagmar Enkelmann, MdL, Potsdam

Dr. Arnold Fuchs, Schwerin

Dr. Marion Kaulitzki, Berlin

Prof. Dr. Dieter Klein, Prieros

Prof. Dr. Kurt Krambach, Berlin

Christel Krauß, Schwerin

Prof. Dr. Hubert Laitko, Berlin

Andreas Lange, Magdeburg

Peter Ligner, Birkenwerder

Prof. Dr. Volker Lüderitz, Magdeburg

Dr. Ing. Helmuth Markov, MdEP

Manfred Marz, Berlin

Dr. Klaus Meier, Berlin

Prof. Dr. Harry Nick, Berlin

Prof. Dr. Kurt Reiprich, Leipzig

Dr. Jutta Rochhausen, Schwerin

Dr. Ing. Brigitte Schmidt, Triwalk

Kerstin Schmidt, Berlin

Dr. Joachim H. Spangenberg, Köln

Ernst Welters, Berlin

Prof. Dr. Karl-Friedrich Wessel, Berlin