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Montag, 19. März 2012
Autor/Innen: Cornelia Domaschke

Antifaschistischer Widerstand und Überleben im KZ Ravensbrück

Katharina Sasso erinnert sich. Bericht zur Lesereise vom 20. - 25. Februar 2012 mit der Zeitzeugin Käthe Sasso, die von der Lehrerin und Gedenkstättenpädagogin Magarethe Benedics aus Altenberg (Oberösterreich) begleitet wurde.

Während neun Veranstaltungen in drei Bundesländern – Berlin, Brandenburg und Sachsen-Anhalt – haben mehr als 400 Teilnehmer_innen die Lebens- und Überlebensgeschichte von Käthe Sasso und über den mutigen Widerstandskampf von Österreicher_innen gegen den Anschluss an das faschistische Deutschland und danach gegen den Nationalsozialismus gehört. Sechs der neun Veranstaltungen haben an Schulen – Gymnasien, einer Sonderschule und einem Oberstufenzentrum stattgefunden. Dieser enge und zahlreiche Kontakt zu Jugendlichen, ihr Engagement für ein demokratisches Miteinander – fast alle besuchten Schulen tragen den Titel „Schule ohne Rassismus. Schule mit Courage“ – war für unsere österreichischen Gäste besonders wichtig und ermutigend, um auch im eigenen Lande weiter gegen die neuen Gefahren von Rechts ankämpfen zu können.

Käthe Sasso wurde 1926 in Wien geboren und wuchs bei der Großmutter im Burgenland auf. Ihr Vater, Sozialdemokrat und als "Schutzbündler" eingekerkert, wandte sich aus Enttäuschung über den 12. Februar 1934 dem kommunistischen Widerstand zu. Fünfzehnjährig folgte Käthe Sasso dem Beispiel des Vaters, der 1940 zum Kriegsdienst eingezogen wurde. Gemeinsam mit ihrer Mutter unterstützte sie im Rahmen der "Roten Hilfe" Familien, deren Angehörige aus politischen oder Gründen inhaftiert waren. 1941, erst 39-jährig, verstarb die Mutter. Käthe blieb allein in Wien zurück und führte die Widerstandsarbeit ihrer Eltern fort. Als Mitglied der Wiener Widerstandsgruppe "Gustav Adolf Neustadl" wurde sie, wie die gesamte Widerstandsgruppe, von einem eingeschleusten Gestapo-Spitzel denunziert und am 21. August 1942 verhaftet und  inhaftiert. Ganze 14 Wochen verbrachte sie in Einzelhaft, geht in den Hungerstreik.

Viele ihrer Kampfgenoss_innen wurden wegen "Hochverrats" hingerichtet. Käthe Sasso entging offenbar wegen ihres jugendlichen Alters diesem Schicksal; bis September 1944 ist sie in verschiedenen Gefängnissen und Arbeitserziehungslagern inhaftiert  gewesen. Am schlimmsten war für sie die Inhaftierung im Landesgericht – ihre Jugendzelle befand sich im 4. Stock,  die Todeszellen in Paterre. In dieser Zeit musste sie zwangsweise Zeugin von Hinrichtungen ihrer ehemaligen, meist kommunistischen Mitkämpfer_innen, werden. Auch wurde sie unfreiwillig Zeugin bei der Hinrichtung der bekannten katholischen Schwester, Maria Restituta, die aufgrund ihres Widerstandes  gegen die Nazis im Wiener Krankenhaus Mödling wegen "Feindbegünstigung und Vorbereitung zum Hochverrat" am 30. März 1943 hingerichtet wurde. Mit bürgerlichem Namen hieß Maria Restituta Helene Kafka. 1998 wurde sie in Rom selig gesprochen.

Käthe Sasso, im September 1944 nach Berlin verbracht, war zwei Wochen lang gemeinsam mit ehemaligen weiblichen Reichstagsabgeordneten aller Parteien inhaftiert (im Zuge des Attentats auf Hitler am 20.7.1944). Danach wurde sie ins KZ Ravensbrück deportiert, wo sie bis zum Todesmarsch in Richtung Bergen-Belsen am 28. April 1945 verblieb. In der ersten Nacht des Todesmarsches, nahe Wustrow,  gelang ihr gemeinsam mit ihrer Freundin, Mizzi Bosch, die Flucht. Einen Monat lang, bis zum 31. Mai 1945, benötigten sie für ihren beschwerlichen Heimweg über Cottbus und Prag nach Wien. Käthes Freundin Mizzi verstarb schon ein Jahr später an den Folgen der KZ-Haft.

Käthe Sasso fand den Vater wieder, lernte Josef Sasso kennen, der sich eine Zeitlang sogar bei der Familie ihrer Freundin, Mizzi, versteckt gehalten hatte. 1946 heiratete sie ihn, den Widerstandskämpfer, Josef Sasso. 

Seit der Befreiung engagiert sie sich ganz besonders für die "Gruppe 40" des Wiener Zentralfriedhofs, wo die vom Volksgerichtshof verurteilten und im Wiener Landesgericht  hingerichteten Widerstandskämpfer_innen beigesetzt sind. Den insgesamt 2700 „Köpflern“, die für ein freies, unabhängiges Österreich ihr Leben gelassen hatten, verdanken die Nachkriegsösterreicher_innen in hohem Maße den Staatsvertrag und die Neutralität.

Käthe Sasso engagiert sich auch sehr in der historisch-politischen Jugendbildungsarbeit; in Österreich besucht sich zahlreiche Schulen, um mit Kindern und Jugendlichen über die Grauen in der NS-Zeit und ihre eigene Widerstandsarbeit zu sprechen.

Käthe Sasso hat viel zu berichten über ihr Leben im Widerstand gegen den Nationalsozialismus und ihre Zeit in Gefängnissen und im KZ Ravensbrück.
Spät, sehr spät, wurde Käthe Sasso am 12. Oktober 2011 im Bundeskanzleramt Wien mit dem "goldenen Verdienstzeichen" geehrt.

Kooperationspartner dieses Projekts waren das Deutsche Mauthausen Komitee Ost und die Sozialdemokratischen Freiheitskämpfer Oberösterreichs.

Cornelia Domaschke, Rosa-Luxemburg-Stiftung, 8.3.2012