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Mittwoch, 31. Oktober 2012

«Mythos Antifaschismus»

Videodokumentation der letzten Debatte aus der umstrittenen Reihe «Bruderland ist abgebrannt!», u.a. mit Gregor Gysi.

Mit «Bruderland ist abgebrannt» förderte die Rosa-Luxemburg-Stiftung und namentlich das Fachreferat Neonazismus und Strukturen/Ideologien der Ungleichwertigkeit die Veranstaltungsreihe eines angesehenen Kooperationspartners, des Zentrums für Demokratie Treptow-Köpenick. Der staatsoffizielle «Antifaschismus» wurde dabei einer kritischen Ausleuchtung unterzogen, Formen des Rassismus in der DDR-Gesellschaft wurden ebenso wie Antisemitismus und das Auftreten von Neonazis thematisiert. Die Ausrichtung der Reihe und der Fokus auf kritikwürdige Erscheinungen in der DDR wurde von Teilen der linken Öffentlichkeit mit Irritation und Verärgerung aufgenommen, da sie positive Aspekte im sozialistischen Staat der Nachkriegszeit nicht würdige. Von einer «Delegitimierung» der DDR wurde gesprochen.

Die positiven Aspekte, seien es Formen gelebter «Internationaler Solidarität» oder etliche soziale Errungenschaften und bestimmte Vorteile des Bildungssystems der DDR, die viele im neoliberalen Wiedervereinigungsstaat schmerzlich vermissen, will niemand in Frage stellen. Doch muss 20 Jahre nach dem Verschwinden der DDR eine wissenschaftliche Aufarbeitung, eine notwendige Diskussion etwa von Rassismus gegenüber Vertragsarbeiter_innen und der Meinungsstreit über den «legitimen Versuch» DDR möglich sein, auch mit negativen Aspekten der Entwicklungen in Ostdeutschland seit 1945.

Impulse zur gesamten Reihe kamen vor allem von jüngeren Leuten, die die Wende als Kinder und Jugendliche erlebt haben und in deren Familien vielfach nicht oder aber sehr kontrovers über die DDR gestritten wird und allzu oft die Frage im Raume stehen bleibt, wie es denn nun wirklich gewesen ist. Man mag sich über bestimmte Darstellungsformen und Herangehensweisen, einzelne Aussagen in Ausstellung und Veranstaltungen aufregen und ärgern. Darüber reden wird man dennoch müssen, schon im Sinne einer selbstbestimmten Aufarbeitung dieser Vergangenheit(en) und jenseits von unzulässigen Pauschalurteilen und Generalisierungen. Man würde über das Kapitel «Gastarbeiter» in Westdeutschland ja auch schwerlich reden können, ohne den enormen Rassismus zu thematisieren, der den Italiener_innen, Spanier_innn, Portugies_innen, Türk_innen und Jugoslaw_innen dort entgegenschlug. Aber diesmal ging es nicht um die BRD, sondern um die DDR – und es gibt keine Veranlassung Dinge ruhen zu lassen, auszusparen oder zu beschönigen, die belegbar sind und in dieser Veranstaltungsreihe zur Diskussion gestellt wurden und werden. Wir wollen nicht abrücken davon, dass sie aufgegriffen, diskutiert und durchgestritten werden müssen, insbesondere auf Anregung und Nachfragen der jüngeren Generation – mit und ohne DDR-Sozialisation.

Gleichwohl wurde den Verantwortlichen bei der Stiftung und den Veranstalter_innen vom Zentrum für Demokratie Treptow-Köpenick im Laufe der Diskussionen in der Reihe klar, dass sie in manchen Formen der Präsentation und Zusammenstellung der Reihe «ungeerdet» zu Werke gegangen waren und dass der Eindruck einer «Generalabrechnung» mit der DDR entstanden war, was die Empfindlichkeiten vieler überwiegend älterer ehemaliger DDR-Bürger_innen treffen musste. Auch eine langjährige Diskussion und Auseinandersetzung über die Geschichte der DDR etwa innerhalb der Rosa-Luxemburg-Stiftung wurde zu wenig in die Überlegungen und Planungen einbezogen. Problematische Aspekte der DDR-Geschichte waren jedoch schon immer Thema der Stiftung und sind von ihr kritisch in Augenschein genommen worden.

Fritz Burschel, Fachreferat Neonazismus und Strukturen/Ideologien der Ungleichwertigkeit

Differenziertes Bild
Rückblick und Kommentar zur Veranstaltungsreihe von Kevin Stützel
Mit einem Vortrag und einer Diskussionsrunde zum Thema «Mythos Antifaschismus» ist am 31. Oktober in Berlin die Reihe «Bruderland ist abgebrannt» zu Ende gegangen.
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Vor rund 120 ZuhörerInnen im vollbesetzten Veranstaltungssaal des Industriesalons in Schöneweide debattierten der Vorsitzende der Linksfraktion im Deutschen Bundestag, Gregor Gysi, sowie die Historiker Wolfgang Wippermann und Carl-Friedrich Höck. Es moderierte der Neonazismus-Referent der Stiftung, Friedrich Burschel.

Insgesamt fanden in der Reihe, die von der Rosa-Luxemburg-Stiftung gefördert wurde, fünf Veranstaltungen statt. Sie setzten sich mit den Perspektiven von Vertragsarbeiter_innen, Neonazismus, Antisemitismus, Rassismus und Antifaschismus in der DDR auseinander. Parallel war seit Anfang September eine gleichnamige Ausstellung im Zentrum für Demokratie zu sehen.

Trotz teils heftiger Kritik an Ausstellung und Reihe in der linken Öffentlichkeit ist ihr Erkenntnisgewinn für den weiteren Umgang mit dem Thema herauszustellen. In diesem Zusammenhang sind zum einen die beiden Veranstaltungen zu Vertragsarbeit sowie Fremde und Fremd-Sein in der DDR im Oktober zu nennen. Referent_innen mit DDR-Migrationsgeschichte wie Nguyen van Huong, Angelika Nguyen und Patrice G. Poutrus präsentierten eine Vielzahl an Erkenntnissen aus historischen Dokumenten zur Vertragsarbeit in der DDR, die erst nach dem Mauerfall zugänglich waren und schilderten faktenreich die ungleichen und sich zuspitzenden Lebensbedingungen der Vertragsarbeiter_innen. Neben diesen Beschreibungen wurden auch eigene Rassismuserfahrungen benannt. Zu Sprache kam außerdem der lange Kampf um Anerkennung nach dem Mauerfall. Nach der Änderung der Verträge und der zwangsweisen Ausreise einer großen Zahl an Vertragsarbeiter_innen konnte nur durch anhaltende Proteste ab Ende der 1990er Jahre ein dauerhaftes Aufenthaltsrecht für ehemalige Vertragsarbeiter_innen aus Vietnam, Mosambik und Angola erreicht werden. Im Zuge beider Veranstaltungen ergab sich ein differenziertes Bild der Vertragsarbeit in der DDR jenseits von einseitigen Schuldzuweisungen. So stellte Nguyen van Huong die Verantwortung der Partnerländer wie Vietnam heraus und Patrice G. Poutros bettete die Geschichte der Vertragsarbeit in eine weitergehende Geschichte von Einwanderung in der DDR ein, zu der auch die Gruppe der ausländischen Studierenden gehörte. Anhand seiner Charakterisierung der DDR als Land, unter dessen Oberfläche es 'knallte', machte er deutlich, dass Vertragsarbeiter_innen immer dann mit Problemen konfrontiert waren, wenn sie der gesellschaftlichen Norm nicht entsprachen. Dies war unter anderem der Fall, sobald sie Forderungen stellten, eine Liebesbeziehung mit einem/r Deutschen eingingen, schwanger wurden oder als Konkurrenz um knappe Güter wahrgenommen wurden.[1] Anhand solch tiefer gehender Analysen der DDR-Gesellschaft zeigte sich innerhalb der Veranstaltungsreihe ein schwieriger Spagat. Während jüngere Teilnehmer_innen interessiert waren, sich die DDR-Geschichte über kritische Fragen jenseits von Totalitarismustheorie anzueignen, brachten viele ältere Teilnehmer_innen ihre DDR-Biografie, die sie oftmals diskreditiert sahen, in die Debatte ein. David Begrich brachte die sich daraus entwickelnde Herausforderung in seinem Vortrag am 27. September zu Neonazis in der DDR auf den Punkt: «Wer es unternimmt sich zu Neonazis in der DDR zu äußern, legt sich mit der Erinnerung der Akteure an. Die einen erinnern sich an einen antifaschistischen Staat, den sie als historische Konsequenz aus dem Nationalsozialismus und als Alternative zur Bundesrepublik wahrnahmen. Andere erinnern sich an leere Rituale, phrasenhafte Formeln und ideologisch gerechtfertigte Repression.» Dabei zeigte sich gerade an seinem Vortrag, dass die Referent_innen der Veranstaltungsreihe nicht mit einer Tabubruchattitüde und dem überflüssigen Nachweis antraten, dass die DDR nicht war, was sie zu sein vorgab. Begrich zeigte auf, wie sich historisch in der DDR ein Resonanz- und Organisationsraum für rechtes Gedankengut entwickelte und verwies ebenso wie Wolfgang Wippermann in der Veranstaltung zum «Mythos Antifaschismus» darauf, dass die prägenden rituellen, ästhetischen und kommunikativen Elemente der politischen Kultur der DDR keinen vollkommenen Bruch zum Nationalsozialismus darstellten.

In der Abschlussveranstaltung war es den Beiträgen von Gregor Gysi und Wolfang Wippermann zu verdanken, die kritische Auseinandersetzung mit der DDR zur BRD ins Verhältnis gesetzt zu haben. Sie machten deutlich, dass es nicht möglich ist, die DDR-Geschichte aufzuarbeiten, ohne die Entwicklungen in der Bundesrepublik zu analysieren. So sehr Antifaschismus in der DDR Wirklichkeit und Ideologie war, so bedeutsam war der Antikommunismus als Staatsideologie der BRD. Eine Betrachtung der DDR müsse außerdem berücksichtigen, so Gysi, dass diese nicht selbstbestimmt war, sondern ebenso wie die BRD abhängig von den Alliierten. Zudem gelte es zu allererst das Engagement der aktiven Antifaschist_innen in der DDR zu würdigen, bevor von einem «Mythos Antifaschismus» geredet werde. Das Statement eines Besuchers brachte dieses Dilemma gut auf den Punkt. Bei der «Kritik am DDR-Antifaschismus» komme es oftmals dazu, dass die Kritik an Ritualisierung und Leerstellen, als ein Bezweifeln der Ernsthaftigkeit der Antifaschist_innen in der DDR wahrgenommen werde, die ihren Lebensentwurf angegriffen sehen. Diese Ebenen müsse man aber auseinanderhalten

KEVIN STÜTZEL IST DIPLOM-SOZIALPÄDAGOGE UND PROMOTIONSSTIPENDIAT DER ROSA-LUXEMBURG-STIFTUNG

[1]
Die Ausstellung «Bruderland ist abgebrannt» war bereits im Jahr 2008 vom Berliner deutsch-vietnamesischen Verein Reistrommel erstellt worden und wurde seither an mehreren  Orten gezeigt. Der Titel geht auf den gleichnamigen Dokumentarfilm von Angelika Nguyen aus dem Jahr 1992 zurück.   

Video- und Audiodokumentationen einzelner Veranstaltungen der Reihe:

  • Die Veranstaltungsreihe
  • Medien- und Publikumsreaktionen
  • Beschäftigung mit DDR-Geschichte

3. September 2012 | 18 Uhr
Ausstellungseröffnung
Einführung von Tamara Hentschel (ehemalige Wohnheimbetreuerin, seit 1993 Geschäftsführerin des Vereins Reistrommel e.V.)
Die Ausstellung «Bruderland ist abgebrannt!» kann bis zum 3. November 2012 montags bis donnerstags (11–16 Uhr) sowie nach Voranmeldung besichtigt werden.

27. September 2012 | 19 Uhr
Neonazis in der DDR
Vortrag von David Begrich (Arbeitsstelle Rechtsextremismus, Miteinander e.V., Sachsen-Anhalt) zur Geschichte und zum gesellschaftlichen Kontext der Entstehung von Neonazismus in der DDR

11. Oktober 2012 | 19 Uhr
Antisemitismus in der DDR – ein aktuelles Thema?
Vortrag von Jan Riebe (Projektkoordinator bei der Amadeu Antonio Stiftung) zum Antisemitismus in der DDR und warum es auch für aktuelle Debatten notwendig ist, sich damit zu beschäftigen

17. Oktober 2012 | 19 Uhr
Fremde und Fremd-Sein in der DDR
Zu den historischen Ursachen der Fremdenfeindlichkeit in Ostdeutschland
Vorträge von Dr. Patrice G. Poutrus (Lehrbeauftragter an der Professur für Zeitgeschichte der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg), Susanne Harmsen (Ausstellungsmacherin und freie Journalistin) und Angelika Nguyen (Filmwissenschaftlerin und Autorin)

31. Oktober 2012 | 19 Uhr
Mythos Antifaschismus
Die DDR und ihr «verordneter» Antifaschismus Podiumsdiskussion
Einführungsvortrag von Carl-Friedrich Höck (Historiker und Redakteur beim «Vorwärts»)
Es diskutieren: Gregor Gysi (Vorsitzender der Fraktion DIE LINKE. im Bundestag), Andrej Hermlin (Pianist und Bandleader) und Wolfgang Wippermann (Professor
für Neuere Geschichte an der Freien Universität Berlin)
Es moderiert: Fritz Burschel (Referat Neonazismus und Strukturen/Ideologien der Ungleichwertigkeit bei der Rosa-Luxemburg-Stiftung)

Kontakt
E-Mail: yves.mueller@offensiv91.de
Tel./Fax: 030 65487293

Die Veranstaltenden behalten sich vor, von ihrem Hausrecht Gebrauch zu machen und Personen, die rechtsextremen Parteien oder Organisationen angehören, der rechtsextremen Szene zuzuordnen sind oder bereits in der Vergangenheit durch rassistische, nationalistische, antisemitische oder sonstige menschenverachtende Äußerungen in Erscheinung getreten sind, den Zutritt zur Veranstaltung zu verwehren oder von dieser auszuschließen.

Neues Deutschland:

junge welt:

      taz:

      • Ungeliebt im Bruderland. Vertragsarbeiter als Teil der Fremdherrschaft: Eine Diskussionsrunde mit Gregor Gysi und Wolfgang Wippermann versuchte am Mittwoch, zu klären, wie der Rassismus im antifaschistischen Musterland DDR gedieh. (3.11.2012)
      • "Wühlen im Müllhaufen DDR" Eine Veranstaltungsreihe der Rosa-Luxemburg-Stiftung setzt sich kritisch mit DDR-Geschichte auseinander. Das sorgt für Unmut bei alten Herren der Linkspartei. (27.9.2012)
      • Fünf Quadratmeter fürs Wohnen Eine Ausstellung in Berlin-Marzahn dokumentiert das Leben der Vertragsarbeiter in der DDR. Und ihren Kampf um ein Bleiberecht im wiedervereinigten Deutschland. (Artikel über die Ausstellung von 2008)

      Publikumsreaktionen:

      • Abend der Versäumnisse. Zur Ausstellungseröffnung „Bruderland ist abgebrannt!“ – Einwanderung, Rassismus, Antisemitismus und Neonazismus in der DDR am 3. September 2012. Von Cornelia Siebeck.