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Montag, 26. November 2012 Autor/Innen: Frederic Schnatterer

«Educación Popular»: Alternativen und Widerstand

Das RLS-Regionalbüro in Mexiko lud zu einem mehrtägigen Treffen ein, um über das vor allem in Lateinamerika verbreitete Konzept «Bildung von unten» zu diskutieren. Bericht von Frederic Schnatterer.

Fotos: Prometeo Lucero

Beim ersten regionalweiten Treffen des mexikanischen Regionalbüros zum Thema “Bildung von unten” der Rosa Luxemburg Stiftung kamen vom 8. bis zum 10. November ca. 60 Aktivist_innen aus elf Ländern Mittel- und Südamerikas, sowie aus Deutschland und Mexiko im Süden von Mexiko Stadt zusammen. Über drei Tage wurden Ideen ausgetauscht, über das Konzept der Educación Popular diskutiert und Vorschläge für ein weiteres gemeinsames Vorgehen erarbeitet. Begleitet wurde das Wochenende von einem vielfältigen kulturellen Programm mit Konzerten von Liedermachern und einer Clown-Varieté-Show.

Doch was vebirgt sich hinter dem Begriff “Educación Popular”? Ins Deutsche lässt sich Educación Popular am ehesten mit “Bildung von unten” übersetzen. Diese Schwierigkeit lässt sich teilweise mit der Herkunft des Konzepts erklären. Dieses kommt aus dem lateinamerikanischen Raum, wo es auch seine grösste Verbreitung fand und findet. Auch wenn schon unter den Anführern der Unabhängigkeitsbewegungen des 18. Jahrhunderts Bildungsideale zu finden sind, die als Vorgänger der “Bildung von unten” angesehen werden können (so z.B. bei Simón Bolívar und seinem Lehrer Simón Rodríguez), wurde die Strömung hauptsächlich vom brasilianischen Pädagogen Paulo Freire begründet.

Mit seinen ersten Werken “Erziehung als Praxis der Freiheit” und “Pädagogik der Unterdrückten” legte er den Grundstein für ein neues Verständnis von Bildung. Einhergehend mit dem Erfolg der kubanischen Revolution sowie dem generellen Erstarken von Befreiungsbewegungen in den lateinamerikanischen Ländern spielte die “Educación Popular” vor allem ab den 1970er Jahren eine immer grössere, oftmals zentrale Rolle innerhalb der verschiedensten sozialen Bewegungen und Organisationen.

Bei der “Bildung von unten” handelt es sich weder ausschliesslich, noch in erster Linie um ein reines Bildungskonzept. Sie ist also nicht als eine Art der Erwachsenenbildung oder als Bildungsangebot für die sogenannten “unteren Schichten” miss zu verstehen. Diese sehr viel weiter gehende Dimension des Konzepts wurde von Beginn des Treffens an klar, desses erster Abschnitt sich auf theoretische Aspekte konzentrierte. So wurde eine Annäherung an die Entstehungsgeschichte vorgenommen, bevor dann die politisch-ideologische Dimension im Vordergrund stand.

Nach einer Einleitung von Büroleiter Torge Löding folgten vier Kurzreferate von Aktivist_innen aus Mexiko, Guatemala, Brasilien und Costa Rica zu den Themen Erinnerung der Geschichte (vor allem ausgehend von den bewaffneten Konflikten in vielen lateinamerikansichen Ländern), Kommunikation von unten, Feminismus und allgemein zu Widerstandsbewegungen, jeweils in Verbindung mit dem Konzept der “Educación Popular”, öffnete sich so ein Feld für einen reichen Erfahrungsaustausch in mehreren Kleingruppen. Aus den lebhaften Diskussionen gingen konkrete Fragen an die Referent_innen hervor, die diese wiederum im Plenum ausführen konnten. So wurde zum Beispiel diskutiert, wie Kommunikationsmittel effektiv genutzt werden können, um soziale und kommunale Kämpfe zu unterstützen und ihnen eine breitere Öffentlichkeit zu verschaffen. Oder wie erreicht werden kann, dass der Einsatz von Kommunikationsmitteln gleichzeitig zu einer Befähigung der Aktivist_innen selbst in der Nutzung derselben führen kann. Auch die Verbindung von Feminismus und “Educación Popular” sowie die Frage, wie eine stärkere Verbindung und vor allem ein breiteres Bewusstsein innerhalb der Organisationen für die Geschlechterproblematik erreicht werden können, wurde lebhaft diskutiert.

Bei all dieses Diskussionen, die in erster Linie von persönlichen Erfahrungen im Umgang mit Widerstandsbewegungen und mit dem Konzept der “Bildung von unten” ausgingen, wurde die dialektische Ausrichtung des Konzepts an sich deutlich. Der Ausgangspunkt für Bildungsprozesse der “Educación Popular” befindet sich immer in der politischen Praxis, die dann reflektiert und theoretisiert wird, um danach wieder in praktischer politischer Arbeit zu münden.

Der Auffassung Rechnung tragend, dass die Theorie immer ihren Gegenpart in der Praxis haben muss, bildeten Überlegungen zu praktischen sogenannten ‘Werkzeugen’ der “Educación Popular” den zweiten thematischen Schwerpunkt des Treffens. Im Vordergrund standen hierbei vor allem verschiedenste Kommunikationsmittel, ausgehend von ‘Klassikern’ wie dem Radio oder dem Erstellen von Dokumentationen bis hin zu kulturellen Ausdrucksformen wie Theater, Gesang oder Wandmalerei. Neben der theoretischen Auseinandersetzung mit den kommunikativ-pädagogischen Werkzeugen entwickelten die Teilnehmer_innen des Treffens auch eigene kulturelle Ausdrucksformen. So konnten die Anwesenden zum Beispiel der Hochzeit zwischen Feminismus und Educación Popular beiwohnen, die trotz den Einwänden von Staat und Kirche durchgesetzt wurde. Immer wieder wurde in diesem Abschnitt betont, dass es nicht um das blosse Nutzen der Kommunikationsmittel gehen darf, sondern immer die Befähigung der Aktivist_innen selbst im Vordergrund stehen muss.

Als ein weiteres Werkzeug der “Educación Popular” wurde die sogenannte Systematisierung vorgestellt. Hierbei handelt es sich um eine Methode der Analyse der politischen Arbeit von Organisationen, welche nach bestimmten Standarts vorgenommen wird. Ob es sich bei diesen Standarts um eine chronologische Aufarbeitung handelt oder ob thematisch vorgegangen wird, wurde breit diskutiert. Auch bei der Frage, ob es sich bei der Systematisierung um eine Art der Evaluation handelt, konnte letztlich keine Einigkeit erzielt werden.

Unter den deutschen Teilnehmer_innen des Treffens entwickelte sich hier eine Debatte über Sinn und Zweck der Systematisierung, die Unterschiedlichkeit derselben zu den in Deutschland üblichen Evaluierungsprozessen sowie über die Absicht, die damit verfolgt wird. Gerade anhand dieses Beispiels wurde noch einmal deutlich, dass das Konzept der “Educación Popular” aus einem lateinamerikanischen Kontext heraus entstanden ist. Die Existenz von unterschiedlichen Auffassungen von Bildung und Bildungsarbeit unter den Teilnehmer_innen des Treffens erzeugte also teilweise Schwierigkeiten, im Grossen und Ganzen bereicherte sie jedoch die Diskussionen.

Dies wurde vor allem auch bei den Beiträgen von Wolfgang Müller-Commichau von der Hochschule Rhein-Main zu seinen Erfahrungen, ausgehend von einer pädagogischen Perspektive, im Bereich der Erwachsenenbildung und von Claudia de Coster von der Rosa Luxemburg Stiftung in Berlin zu Rassismus und Antisemitismus in Deutschland deutlich. Unter den Teilnehmer_innen stießen beide Vorträge auf ein starkes Interesse und konnten völlig neue Aspekte in die Diskussionen über das Konzept der “Educación Popular” hineintragen.

Um nicht nur theoretisch die verschiedenen Aspekte der “Bildung von unten” zu diskutieren, sondern auch ein weiteres gemeinsames Vorgehen abzustimmen, wurden gegen Ende des Wochenendes Vorschläge für das weitere gemeinsame Vorgehen gesammelt. Hierbei wurde vor allem deutlich, welch großen Eindruck der auf dem Treffen vorhandene Reichtum an Erfahrungen mit dem Konzept der “Educación Popular” bei den Teilnehmer_innen hinterließ. So betraf denn auch einer der am bestimmtesten vorgetragenen Vorschläge die Vernetzung der verschiedenen Organisationen und Aktivist_innen. Die teilweise schon Jahrzehnte andauernde Arbeit solle systematisch analysiert werden, um so die daraus gewonnenen Erkenntnisse an andere Organisationen weitergeben zu können, die in ähnlichen politischen Feldern arbeiten. Darüber hinaus gelte es diese Arbeit gerade auch über die Landesgrenzen hinaus zu vernetzen.

Ein Beispiel stellt die Arbeit der Partnerorganisation des Regionalbüros Mexiko aus Nicaragua, die Stiftung “Popol Na”, im Bereich der Aufarbeitung der Geschichte dar. So sammelt die Organisation seit nunmehr zehn Jahren Erinnerungen verschiedener Kämpfer_innen gegen die Diktatur und schaffte es so die kollektiv in der nicaraguanischen Gesellschaft vorhandene Erfahrung zu systematisieren. Aus diesem Prozess konnte so die Erkenntnis gewonnen werden, dass es sich bei den Erfolgen sozialer und Guerrillabewegungen nicht um das Verdienst Einzelner handelte. Vielmehr war eine Vielzahl an Anstrengungen tausender organisierter Personen notwendig, um schlussendlich das Ende der Diktatur zu erreichen. Das Konzept der “Educación Popular” hilft nun dabei, dieses Wissen über die Diktatur und vor allem über den Widerstand gegen sie in die Kommunen zu tragen. Auch das IMDEC (“Mexikanisches Institut für Gemeindeentwicklung”), das schon auf eine fast 50- jährige Geschichte zurückblicken kann, arbeitet in erster Linie mit dem Konzept der “Bildung von unten”. Unterstützend wird vor allem mit Widerstandsbewegungen gegen Megaprojekte wie Staudämme, Minenprojekte oder Windparks sowie mit marginalisierten Teilen der Bevölkerung Guadalajaras zusammengearbeitet. Ein Beispiel hierfür ist das Projekt der “Pandilla ecológica” (siehe die Ausstellung), bei dem Kinder einen Stadtteils Guadalajaras darin unterstützt wurden, Fotos von ihrem Alltag mit einem der verdrecktesten Flüsse Lateinamerikas zu machen. So wurde einerseits das Bewusstsein unter den Kindern selbst gestärkt. Andererseits half das Projekt dabei, Druck auf die zuständigen Behörden auszuüben.

Die “Educación Popular” entsteht also dort, wo sich Widerstand entwickelt. Oftmals bildet sie, wie in den beiden oberen Beispielen, das Zentrum und eines der Hauptinstrumente der organisationsinternen Formation und des politischen Kampfes. Gerade in der Aufgabe verschiedene Bewegungen zusammen zu bringen und miteinander zu vernetzen spielt sie mit ihrer Methodik eine große Rolle und kann somit zum Aufbau von breiteren Bewegungen beitragen, wie ZID-Leiter Wilfried Tellkaemper abschließend betonte.