Springe direkt zu: Textanfang Hauptmenü Suche Weitere Informationen Metanavigation

Hauptmenü



Nachricht

Freitag, 01. Februar 2013

«Letztendlich liegt es an uns, ob die Geschichte ein glückliches Ende hat»

Kathrin Buhl, Leiterin des Büros in São Paulo starb völlig überraschend Ende Dezember 2012. Die Trauerfeier fand am 30. Januar in der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Berlin statt.

Kathrin Buhl in São Paulo, August 2012

Liebe Familie, liebe Freundinnen und Freunde, liebe Weggefährten und Kollegen und Kolleginnen von Kathrin

Jeder und Jede von Euch und von Ihnen hat Kathrin zu unterschiedlichen Zeiten ihres Lebens gekannt.

Wir von der Rosa Luxemburg Stiftung hatten das Glück, die letzten fünf Jahre mit Kathrin erleben zu können. Sie hat so  viel von sich gegeben, ihre Arbeit, ihre politischen Anliegen - als Mensch und als Freundin.

In diesen fünf Jahren hat Kathrin sich so intensiv in ihre Arbeit und in den Süden Lateinamerikas hineinbegeben, dass sie am Ende dort mehr zu Hause zu sein schien als hier. Dort im Süden wollte sie auch bleiben, nach Argentinien ziehen, wenn ihre Zeit als Büroleiterin im Februar zu Ende wäre.

Sie hatte viele Ideen und Pläne und wir mit ihr auch. Es ist immer noch nicht zu begreifen, dass das alles so plötzlich zu Ende ist.

Es gibt einen harmonischen Gedanken, der besagt, dass sich Alles ausgleicht. In Lateinamerika heißt es, wenn die Zukunft weniger wird, nimmt die Vergangenheit zu. In gewisser Weise drückt sich auch das in einem Brief aus, den unsere Partner für Kathrin geschrieben haben. Er zeigt, wie sehr das, was sie war, präsent ist und bleiben wird. So wie das Vertrauen, das sie für die Stiftung in Südamerika gewonnen hat.

40 bis 50 Partner haben diesen Brief geschrieben, in Brasilien, Argentinien, Uruguay, Paraguay und Chile. Er würde Kathrin gefallen. Es ist ein kollektiver Brief. Deshalb lesen Verona, Gerhard und ich ihn nun stellvertretend für alle, die mit Kathrin in ihrer Zeit bei der Rosa-Luxemburg-Stiftung zusammenarbeiten und zusammen sein konnten.

Brief aus Südamerika:

Wir kommen von weit her, um uns von Kathrin zu verabschieden. Wir fragen uns: Was ist aus ihr geworden? Wo war sie? Wo ist sie? In Brasilien? In Deutschland? Irgendwo in Lateinamerika?

Heute wollen wir sie wieder herholen, in dieses grenzenlose Land unseres kollektiven Gedächtnisses. Wir wollen unsere Worte aufschreiben, um sie mit ihren Töchtern Kati und Lisa zu teilen, damit sie eines Tages ihre Enkelin Sarita lesen kann, damit Ihr, Compañeros und Compañeras, Freundinnen und Freunde aus anderen Teilen der Welt wisst, was wir fühlen, die wir in den letzten Jahren mit ihr zusammengearbeitet haben, in einem Kontinent, der weit weg ist von dem Ort, an dem sie geboren wurde. Ein Kontinent, den sie verstanden und geliebt hat und auf dessen Befreiungskämpfe sie sich eingelassen hat.

Mit Kathrin haben wir die Leidenschaft geteilt, grenzenlos zu diskutieren, unsere Träume aus einer internationalistischen Perspektive zu denken. Sie forderte uns dazu heraus, unsere Partikularinteressen zu überwinden – das war ihre Art, zu unseren Projekten einen Beitrag zu leisten.

Kathrin war immer ein bisschen ein Wesen wie von einem anderen Planeten. Nicht nur, weil sie aus einer schon verschwundenen Welt kam, dem „sozialistischen Deutschland“, sondern weil sie ihr eigenes Leben mit einer nachlässigen Art des „ich war´s nicht“ durchquerte, die sie manchmal naiv erscheinen ließ, obwohl sie das gerade nicht war.

Kathrin war einer dieser Menschen, die sich sehr darum bemühen, selbst  nicht aufzufallen oder sich in den Vordergrund zu spielen.  Gerade durch diese respektvolle Haltung hat sie bei uns besonders tiefe Spuren hinterlassen.

Sie sorgte sich immer um die Frauen und Männer auf der Schattenseite des Lebens, um die unterdrückten und ausgebeuteten Völker. Immer wollte sie die spezielle Wirklichkeit unseres Amerikas kennenlernen.  

Kathrin war ein ernsthafter Mensch. Zugleich hatte sie einen ganz eigenen Sinn von Humor. Sie war engagiert in den Klassenkämpfen, den revolutionären Prozessen, immer den Menschen zugewandt, liebenswürdig, feinfühlig und respektvoll. Deshalb war sie uns so nah, deshalb war sie unsere Freundin.

Ihr Engagement bleibt und wird von uns fortgeführt. Es  war bestimmt durch ihre Nähe zu den sozialen Bewegungen und kleinen Organisationen und durch die Herausforderung, Räume für politische Bildung von unten zu schaffen.

Kathrin hatte etwas von Janis Joplin, sie war eine einzigartige Mischung aus Hippie und Funktionärin einer Stiftung namens Rosa Luxemburg. Auch wenn sie in Brasilien lebte, sah sie durch ihre uruguayische Denkweise den Kontinent aus der Perspektive der Kleinsten. Sie war Feministin und Sozialistin ohne jeglichen Fanatismus. Immer wieder streute sie Salz in die Wunden aus Überzeugung, dass man die Routine stören müsse, auch und gerade bei Linken.

Nie haben wir mit Kathrin über Finanzpläne gefeilscht oder uns gefühlt, als müssten wir einer Funktionärin Rechenschaft ablegen. Kathrin war unsere Compañera, die Weggefährtin unserer Kämpfe. Wir sind mit ihr durch unsere Länder gereist, haben mit ihr unsere Hoffnungen auf eine gerechtere Welt geteilt.

Sie kannte die Grenzen der Einmischung genau, hörte immer zu und setzte sich auch mit unseren härtesten Positionen gegen den eurozentrischen Kolonialismus auseinander. Wir haben ihren Respekt geschätzt, ihre Bereitschaft zur Auseinandersetzung – immer bereit, zuzuhören und aktiv an den Prozessen mitzuwirken, ihre revolutionäre Art, den dogmatischen Gewissheiten zu misstrauen.  

Wir haben vor allen Dingen ihre radikale Kritik am Kapitalismus und am Patriarchat geschätzt, ihren Abscheu vor Bürokratie und  Hierarchien, wie sie in sozialistischen Politikmodellen durchgesetzt wurden. Ebenso ihre Suche nach der Humanisierung der sozialen Prozesse und nach einem solidarischen Dialog mit der Natur, deren Teil wir sind.

Sie spielte sehr gerne. Sie mochte Bücher, die etwas Kindliches haben. Gerne hörte sie die Musik unseres Kontinents: Daniel Viglietti, Silvio Rodríguez, Alejandro Filio, Víctor Jara, Mercedes Sosa. Sie liebte Mate, die Yerba aus Paraguay, den Tereré, guten Wein, egal woher. Die Buchläden in Buenos Aires durchstreifte sie mit Leidenschaft. Sie liebte die Wärme Paraguays.

Gerne betrachtete sie die Welt von Uruguay aus, mit Galeano unter dem Arm. Sie genoss den kollektiven Wahnsinn der Seminare im nationalen Bildungszentrum der brasilianischen Landlosenbewegung. Dort regte sie viele Treffen an, auf dass wir alle diesen besonderen Ort der Macht von unten kennenlernen.

Ein paar Wochen, bevor sie uns verließ, war Kathrin in Mexiko. Dort beschloss sie ihren Vortrag mit folgenden Worten:  „Ich möchte euch vorschlagen, dass ihr die Gruppenarbeit nutzt,  um euch eure Geschichten zu erzählen, ganz gleich, ob es Liebesgeschichten sind oder solche voller Spannung oder Schrecken… Letztendlich liegt es an uns, ob die Geschichte ein glückliches Ende hat“.

So war sie, eine Kämpferin für ein glückliches Ende für alle. Und heute sagen wir ihr von hier aus, dass es - trotz Hindernissen, Frustrationen, Missverständnissen - unsere Verpflichtung gegenüber dem Leben ist, gegenüber den Menschen und Kathrin, weiterhin zu versuchen, eine bessere Welt zu finden, in der das Glück endlich globalisiert wird.

Wir haben Kathrin bei ihrem jüngsten Besuch in Chile gesehen. Sie fühlte sich nicht ganz wohl, aber ihr Sinn für Humor und Liebe funktionierte perfekt. Sie dolmetschte spielerisch und geduldig, sehr genau, aber ohne die Leichtigkeit zu verlieren.

Bevor wir uns trafen, kam eine Blumenverkäuferin am Büro vorbei. Wir kauften zwei davon, Investitionen, die nur gemacht werden, um das Haus hübscher zu machen, wenn geliebte Menschen erwartet werden. Jetzt haben wir einen neuen und triftigen Grund, sie zu pflegen, ihnen Leben und schlichte Schönheit zu geben.

Liebe Freunde und Freundinnen, Menschen wie Kathrin sterben nicht. Sie ziehen nur an einen anderen Ort und eine andere Zeit, wo sie auf uns warten, um glücklich zu sein und gemeinsam endlich die Welt zu errichten, die wir uns erträumen. Der Beweis dafür, dass diese Welt möglich ist, sind Menschen wie Kathrin.

Danke, Kathrin. Das Herz ist traurig und der Kopf wird es noch einige Zeit nicht verschmerzen, aber wir wissen, dass wir Dich wiederfinden und lustvoll unsere Existenz genießen können: in jedem Sieg wie im chilenischen Totoral, in jeder neuen Blüte, die rebellisch in der Wüste erwacht. 

Hasta siempre, liebe Compañera... immer.

(http://blogs.taz.de)

_____


Ich hoffe, dass wir den Mut haben, alleine zu sein, und die Tapferkeit, uns in Gesellschaft zu begeben…

Ich hoffe, dass wir jedes Mal ungehorsam sein können, wenn wir Anweisungen wider unser Gewissen und unsere Vernunft erhalten...

Ich hoffe, dass wir fähig sind, die Wege des Windes weiter zu beschreiten, trotz aller Stürze, des Verrats und der Niederlagen, da die Geschichte auch ohne uns fortschreitet, und weil sie, wenn sie 'Adiós' sagt, in Wirklichkeit 'Bis bald' meint…

Ich hoffe, dass es möglich ist, Zeitgenosse all jener Dinge zu sein, die von dem Willen der Gerechtigkeit und der Schönheit belebt werden, wo auch immer sie geboren sind und wann auch immer sie leben, weil weder die Karten der Seele noch die der Zeit Grenzen kennen.

                                                  Eduardo Galeano

Liebe Freundinnen und Freunde,

letzte Woche ist Kathrin Buhl völlig überraschend in São Paulo gestorben, wo sie seit 2007 das Regionalbüro der Rosa-Luxemburg-Stiftung leitete. Sie ging mit 51 Jahren.

Ihr Leben hat sie so gelebt, wie sie es mochte: selbstbestimmt. In Eduardo Galeano, den sie liebte und oft zitierte, fand sie sich wieder. Immer war sie auf der Suche nach Projekten auf der Seite der sozialen Bewegungen, der Frauen, der Armen. Sie ließ sich tief auf die politischen Prozesse in Brasilien und im Cono Sur ein und verstand sich dabei als Anwältin unserer dortigen PartnerInnen. Sie hatte ein feines, untrügliches Gespür, wo und warum es wichtig war, zu unterstützen, was sie mit scharfem Intellekt immer prägnant begründete. Warmherzig und solidarisch bis ins Kleinste. Sie war für uns viel mehr als eine Kollegin. 

Wir sind geschockt und traurig und werden sie sehr vermissen. In Gedanken sind wir bei ihren Töchtern Kati und Lisa.


Estimad@s companheir@s e amig@s,

É com imenso pesar que lhes informamos o falecimento da diretora do escritório para o Brasil e o Cone Sul da Fundação Rosa Luxemburg, Kathrin Buhl.

Kathrin nos deixou de maneira súbita. Sem aviso, muito discretamente, como era o seu jeito próprio. A sua morte nos pegou de surpresa, porque era jovem, cheia de vida, porque tinhamos planos conjuntos, porque todavia tinhamos muitas coisas a construir profissionalmente....

Esperávamos que nos deixasse como diretora, já que havia chegado o fim de seu mandato. Esperávamos e desejávamos que tivesse em 2013 um ano de de descanso e desfrutasse da vida, para em seguida retornar ao trabalho na Fundação. Mas estávamos seguras de seu retorno. 
Saber que não volta é muito difícil de crer. Sua morte repentina é quase inacreditável, é rara, é triste e dura. Será muito difícil acostumar-se com sua ausência... Sentiremos falta de seu farto cabelo loiro, seus abraços fraternais, e sua tranquilidade e doçura......

Kathrin partiu aos 51 anos, e deixou suas filhas, Lisa y Kati, a quem desejamos  força e corajem neste momento difícil. 

A Fundação Rosa Luxemburg está em luto. Mesmo que seja um momento triste, teremos sempre a lembrança do sorriso de Kathrin, e lhe somos eternamente gratas, por tudo que nos ensinou nos anos de sua gestão como diretora da  Fundação e  como pessoa coerente, correta, amiga. 

Guardaremos sempre uma bela recordação de você, Kathrin.

Saudações fraternas,

Equipe do escritório do Brasil e do Cone Sul da Fundação Rosa Luxemburg


Claudia Korol vom argentinischen Basisnetzwerk „Pañuelos en Rebeldía“ schreibt:

Kathrin

Despedir de modo imprevisto a una amiga es tarea imposible.
Por eso ésta no es una despedida. Aunque pueda ser o parecer algo así. A quienes nos da por escribir, nos cuesta pensar en un duelo sin palabras.
Kathrin se fue… y es tan absurdo decirlo, como pensarlo, como creerlo…
Digo “Kathrin se fue”, y no lo creo. 
Me duele, pero no termino de creer en el dolor.

Kathrin siempre fue para mí un ser un poco de otro mundo. No sólo porque venía de un mundo ya desaparecido, como es la Alemania socialista, sino porque atravesó su propia vida con un gesto descuidado de “yo no fui”, que la hacía quedar como ingenua a veces, aún sin serlo.

Ese aire de Janis Joplin… esa mezcla de hippie, con funcionaria de una fundación que se llama Rosa Luxemburgo, con esa manera uruguaya de pensar el continente desde el lugar de los más pequeños y de las más pequeñas – aunque viviera en Brasil- … feminista y socialista sin fanatismos… la compa era así, de meter los dedos en las llagas por pura convicción de que había que molestar a la rutina, incluso a la de las izquierdas.

Desde su militancia política nos acompañó, nos apoyó, nos interpeló… y cuando digo “nos”, hablo de Pañuelos en Rebeldía, hablo del Movimiento Sin Tierra y del Movimiento de Afectados por las Represas de Brasil, hablo de Conamuri y de Base-IS de Paraguay. Muy conciente de los límites de intervención cuando se trata de opinar, muy abierta a escuchar, incluso nuestras duras posiciones contra el colonialismo eurocéntrico.

En todos estos y en muchos más espacios con los que se vinculó activamente, no sólo estará desde hoy el dolor que provocan las pérdidas absurdas. También habrá un reconocimiento y un cariño muy parecido a las amistades y complicidades solidarias.

Kathrin era un poco de otro mundo, decía. Le gustaba mucho jugar. Le gustaban los libros casi infantiles. Le gustaba la música de Silvio Rodríguez. Me arrastró a acompañarla para escuchar a Alejandro Filio. Le gustaba organizar comidas íntimas, con velas de colores, y buenos modales.

Tenía un sentido del humor muy especial, y eso nos permitió una amistad linda. Tenía también muchos silencios… y eso nos permitió adivinarnos dolores, sin demasiadas explicaciones.

Varios fines de año los compartimos, junto a Lisa y Martina, comiendo, viajando, jugando. Sé que este nuevo fin de año la voy a extrañar. Duele decirlo. Pero más duele la ausencia.