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Donnerstag, 05. März 2015

Im Kontext NSU – Welche Frage stellen Sie?

Bundesweite Plakataktion stellt Fragen auf großen Werbeflächen. Das zweite Plakat wird im März in 20 Städten zu sehen sein.

Zweites Plakat «Im Kontext NSU» Foto: bmw

Erstes Plakat (München) Foto: bmw

«Welche Frage würden Sie formulieren, könnten Sie nur eine einzige in die Öffentlichkeit stellen – bzw. in welcher Frage lässt sich für Sie das Ungeheuerliche am Geschehen im Zusammenhang mit der NSU Mordserie am ehesten fassen?»

Das war und ist die Ausgangsfrage, die die Berliner Künstlerin Beate Maria Wörz seit nunmehr zwei Jahren immer wieder stellt. Die Teilnehmerin des zweiten Bundesuntersuchungsausschusses, sammelt seit Beginn der Enthüllungen zur NSU-Mordserie Fragen von Beteiligten, Betroffenen, WissenschaftlerInnen, JournalistInnen und BürgerInnen.

Mittlerweile sind fast 50 Fragen zusammengekommen und weitere in Arbeit. Eine Auswahl dieser Fragen wird über den Zeitraum eines Jahres in 20 Städten auf Werbegroßflächen gezeigt. Die Künstlerin möchte damit den Prozess in München begleiten.

Das erstes Plakat wurde zum Jahreswechsel 2014/2015 in Berlin und München geklebt, das Zweite folgt nun vom 6.3. - 19.3. in Nürnberg, München, Köln, Hamburg, Rostock, Kassel, Berlin, Chemnitz, Düsseldorf, Dresden, Erfurt, Leipzig, Stuttgart, Wiesbaden, Dortmund, Heilbronn, Jena und Zwickau.

Die Rosa-Luxemburg-Stiftung unterstützt das Projekt.

Welche Frage würden Sie an die Öffentlichkeit formulieren?

Vor mehr als drei Jahren erfolgte die Aufdeckung des NSU, der für die wohl größte rassistisch motivierte Mord-­ und Anschlagsserie in der Bundesrepublik Deutschland verantwortlich gemacht wird. Untersuchungsausschüsse von Bund und den von den Anschlägen betroffenen Ländern und alle Recherchen warfen und werfen mehr Fragen auf als dass Antworten gefunden würden.

Als Bürgerin hatte ich selbst seit November 2012 regelmäßig an den Sitzungen des 2. Bundestagsuntersuchungsausschusses zum NSU teilgenommen, als Künstlerin wollte ich mit diesem Thema arbeiten und habe vor mehr als einem Jahr damit begonnen, Menschen aus den unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen die eingangs zitierte Frage zu stellen. Ich fragte und frage Menschen, die zu den Betroffenen gehören – Opfer und deren Angehörige, Politiker aus den Untersuchungsausschüssen, JournalistInnen, WissenschaftlerInnen und andere an der Aufklärung Arbeitende, Bewohner der Städte, in denen die Morde und Anschläge geschahen, aber auch Bewohner der unterschiedlichen Aufenthaltsorte des NSU und Bürger, die sich mit dem Thema befassen und Fragen haben. Mittlerweile sind so fast 50 Fragen zusammengekommen und weitere in Arbeit.

Eine Auswahl dieser Fragen soll nacheinander – jeweils eine Dekade, also ca. zehn Tage lang – in 20 Städten auf die Werbegroßflächen kommen. In den Städten, in denen Morde und Anschläge im Zusammenhang mit dem NSU geschahen, in den Städten der Untersuchungsausschüsse, aber auch in Städten, die im Zusammenhang mit Herkunft, Aufenthalten und den Netzwerken des «Trios» stehen. Die Aktion soll über ein Jahr laufen und den Prozess in München begleiten.

Das Konzept setzt auf Wahrnehmung durch Wiederholung und die Tatsache, daß der Mensch erst nach acht– bis neunmaliger unbewusster Wahrnehmung etwas bewusst aufnimmt. Dies ist durch die Positionierung entlang öffentlicher (Transport-) Wege und die Verweildauer von jeweils einer Dekade, teils auch längeren Zeiträumen, und der Gesamtdauer von einem Jahr gegeben.

Zur Erläuterung: Zwischen September 2000 und April 2007 gab es in der Bundesrepublik Deutschland Morde an mindestens zehn Menschen und mehrere Bombenanschläge mit vielen Verletzten, die mit dem Nationalsozialistischen Untergrund (NSU) in Verbindung gebracht werden. Die Opfer der Morde waren acht Männer mit türkischem Migrationshintergrund, ein Grieche und eine Polizistin, deren Kollege bei dem Anschlag lebensgefährlich verletzt wurde. Sie, ihre Angehörigen und die von den Bombenanschlägen Betroffenen wurden teilweise mehr als zehn Jahre verdächtigt, kriminalisiert und verleumdet, das Vertrauen innerhalb der Familien beschädigt und in Beziehung zu diesem Staat zerstört. Drei der vermutlichen Täter, Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe, die seit ihrem Untertauchen 1998 auf den Fahndungsplakaten der deutschen Polizei standen, konnten 14 Jahre lang unentdeckt in Deutschland leben, Menschen ermorden, Banken überfallen und Urlaub machen. Viele Momente, die zur frühzeitigen Aufdeckung des 'Trios' hätten führen können, wurden versäumt, Naheliegendes unterlassen, Ermittlungen erschwert und Vorgänge verdeckt. Nach mehr als 16 Monaten Arbeit der Untersuchungsausschüsse in Berlin und anderen Bundesländern, eineinhalb Jahren Prozess in München und vielen weiteren Recherchen von unterschiedlichen Seiten sind mehr Fragen offen als geklärt.

Die Arbeit will sensibilisieren für diese größte rassistisch motivierte Mord-­ und Anschlagsserie in der Geschichte der Bundesrepublik und das, was an gesellschaftlich verankertem Denken und Verhalten dazu führen konnte, und sie will eine kritische Auseinandersetzung damit befördern. Die Gleichmütigkeit einer breiten Bevölkerung und ein von staatlichen Behörden getragener Unwille, wirklich aufzuklären, zeigen, wie zwingend notwendig es ist, dass weiter Aufklärung gefordert wird und eine andere, weitergehende Bewusstseinsbildung in der Bevölkerung und den Behörden stattfindet.

Beate Maria Wörz

Mehr Informationen: http://plakataktion-kontext-nsu.de