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Sonntag, 03. Januar 2016
Autor/Innen: Bernd Hüttner

Fahr-Becker: Wiener Werkstätte, Köln 2015

Standardwerk zu dieser kunsthandwerklichen Reformbewegung in preiswerter Ausgabe neu aufgelegt

Covers des Buches: Das Signet der Wiener Werkstätten

In vielen Ländern Mitteleuropas, speziell in Deutschland und noch mehr in Österreich(-Ungarn), kann das Bildungs- und Wirtschaftsbürgertum um die Wende zum letzten Jahrhundert den Adel nicht oder nur sehr langsam von seinen angestammten Machtpositionen vertreiben. Stattdessen sucht es – ausweichend ? – seine Erfüllung in der repräsentativen Kunst und der Ästhetik.

Otto Wagner, der unter anderem das 1905 eröffnete Postsparkassenamt in Wien plant und ein seinerzeit wichtiger Architekt ist, fordert „das Einfache, Praktische“. Die Ziele der 1903 gegründeten „Wiener Werkstätte“ sind ähnlich: Eleganz, Sachlichkeit und Angemessenheit. Der Kunsthandwerker Koloman Moser (geb. 1868) und der Architekt Josef Hoffmann (geb. 1870) sind neben dem Industriellen Fritz Waerndorfer die Gründer dieser ambitionierten Firma. Fahr-Becker erzählt in ihrem reichhaltig illustrierten Buch die Geschichte der Werkstätte, die von 1903 bis 1932 produzierte, nach und geht dabei auf ihre wechselhafte juristische und wirtschaftliche Entwicklung ein. Im Mittelpunkt stehen die künstlerischen Produkte, die wohl am ehesten mit dem Jugendstil in Verbindung zu bringen sind. Vorbilder sind die Produkte der englischen Arts and Craft-Bewegung um den utopischen Sozialisten William Morris und um John Ruskin ebenso wie der Japonismus oder die Ideen der Glasgow School of Arts. Der Hauptteil des Buches besteht aus der Vorstellung der Häuser (unter anderem das pompöse Palais Stoclet in Brüssel), und dann der Möbel, der Glas-, Metall- und Keramikprodukte, der Mode und des Schmuckes, die unter dem berühmten Signet erschienen sind.

Die Wiener Werkstätten waren eine Reformbewegung im Produktdesign und gegenüber dem überbordenden und bombastischen Zierat jener Jahre unbestreitbar eine beachtenswerte Neuerung. Sie litten aber ähnlich wie der Jugendstil an ihrem selbstgesetzten Anspruch, alles, also auch noch einen Schirmständer, zum Kunstwerk - oder zum Teil des Lebens als Gesamtkunstwerk –  machen zu wollen. Wer dies  permanent tut, wird unweigerlich mit dem Problem konfrontiert, dass die Produkte oder Häuser schnell überladen wirken – und zu teuer werden. Die Wiener Werkstätten erreichen, wie auch die Kunstperiodika jener Jahre, genannt sei nur die sehr prägende „Ver Sacrum“ (1898-1903), bürgerliche, bzw. wohlhabende KäuferInnen.

Ein umfangreicher Anhang mit Biographien wichtiger AkteurInnen, einer Chronologie und einem Literaturverzeichnis runden den Band ab. Bei der Literatur fällt dann aber spätestens auf, dass dieser Band eine Neuauflage der Ausgabe von 1994 ist. Das sollten alle KäuferInnen wissen.

 

Gabriele Fahr-Becker: Wiener Werkstätte; Taschen Verlag, Köln 2015, 240 S. A 4, geb., 19,99 EUR