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Montag, 04. Januar 2016
Autor/Innen: Bernd Hüttner

Anarchosyndikalismus in Thüringen, die Bakuninhütte und ihre Geschichte

Lesenswerte Tagungsdokumentation u.a. zur Bakuninhütte als Kulturdenkmal für einen freiheitlichen Sozialismus

Diese Hütte haben die Genossen gebaut, 600 Meter hoch, mitten im schönsten Wald“, so schrieb Erich Mühsam (1878-1934) am 9. Februar 1930 auf einer Postkarte an seine Frau Zensl. Mit „Hütte“ meinte er das damals „Bakuninhütte“ genannte Bauwerk, das 1925/26 von AnarchosyndikalistInnen aus Meiningen (Südthüringen) erbaut worden war. In einer Fachtagung wurden im Juni 2015 die Geschichte und der „soziokulturelle Hintergrund“ der Wanderhütte untersucht (Programm auf HSozKult). Die Veranstalter, u.a. der Wanderverein Bakuninhütte e.V. und die Erich-Mühsam-Gesellschaft e.V. konnten sich über gut 60 TeilnehmerInnen freuen.

Keine sechs Monate später liegt nun schon die Tagungsdokumentation vor, die acht Beiträge enthält. Kai Richarz schildert ausführlich Entstehung und Geschichte der Hütte, im Zusammenhang des lokalen Anarchosyndikalismus, aber auch während der NS-Zeit und in der DDR. Im Beitrag von Richarz werden die Erforschung der Hütte, und die dabei zu bewältigenden Hürden angesprochen. Hartmut Rübner gibt eine Einführung in den Anarchosyndikalismus in Deutschland, den er als „eine freiheitliche Tradition der Arbeiter- und Arbeiterinnenbewegung“ versteht. Cornelia Regin (Hannover) schreibt über die Lebensreformbewegung und die Anfänge der Freikörperkultur in Deutschland, was zwar nur sehr wenig mit dem Tagungsthema zu tun hat, aber trotzdem sehr interessant ist. In ihrem Beitrag wird z.B. die prüde Sexualmoral der wilhelminischen Ära ebenso plastisch wie die Anschlüsse eines rassehygienischen Diskurses an den der Nacktkultur. Weitere Artikel haben gar keinen Bezug zur Bakuninhütte, wie etwa der Beitrag von Siegbert Wolf zum Widerstand von AnarchistInnen gegen den Nationalsozialismus im Rhein-Main-Gebiet und in Südwestdeutschland oder der zum Leben von Zenzl Mühsam.

Die Bakunuinhütte wurde damals als Beispiel für „gegenseitige Hilfe“ und als friedliches Beispiel für eine „Propaganda der Tat“ errichtet. Sie war ein – selbstgeschaffener - Ort, an dem ArbeiterInnen sich gerne aufgehalten haben: am Wochenende, oder zu politischen Treffen oder kleinen Bildungsveranstaltungen. Heute ist sie ein bewahrenswertes Kulturdenkmal für einen freiheitlichen Sozialismus. Sie zeigt, dass in der Vergangenheit sehr wohl alternative und emanzipative Ideen existierten, die Geschichte also nicht zwangsläufig so verlaufen musste, wie sie verlief.

Andreas Hohmann (Hrsg.): Erich Mühsam in Meiningen. Ein historischer Überblick zum Anarchosyndikalismus in Thüringen: Die Bakuninhütte und ihr soziokultureller Hintergrund, Tagungsband, Verlag Edition AV, Lich 2015, 132 Seiten, 12 EUR (mehr)


"Erich Mühsam in Meiningen. Ein historischer Überblick zum Anarchosyndikalismus in Thüringen. Die Bakuninhütte und ihr soziokultureller Hintergrund" (Tagungsbericht von Robert Schmieder, Berlin, am 6.1.2016 auf HSozKult) (Link zum Volltext).