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Sonntag, 10. Januar 2016
Autor/Innen: Bernd Hüttner

Hille: Hannah Höch. Die zwanziger Jahre; Berlin 2015

Anregende Biographie über die „göttliche Hannah Höch“, Mitwirkende am „Weltenunsinn“ des Dadaismus – Ausstellung in Stade

Karoline Hille stellt in ihrem Buch Leben und Werk von Hannah Höch (geb. 1889) vor, mit dem Schwerpunkt auf dem Zeitraum 1918 bis 1933. Höch gilt als wirkungsstärkste, wenn nicht bekannteste weibliche Akteurin im Dadaismus. Sie ist Mitglied der Novembergruppe, einem Zusammenschluss gesellschaftskritischer KünstlerInnen, der sich im Anschluss an die Novemberrevolution gründet (Gründungsflugblatt). 1921 ist sie, wie Otto Dix, George Grosz, Raoul Hausmann und John Heartfield Unterzeichner der linken Kritik an der Novembergruppe. Später ist sie die einzige der DadaistInnen, die während des Nationalsozialismus nicht ins Exil geht.

Anfang 1916, noch während ihres Studiums, beginnt sie in Berlin als Brotberuf in der Handarbeitsredaktion des Ullstein-Verlages zu arbeiten, was sie zehn Jahre lang tun wird. Im August 1918 stirbt ihre Jugendfreundin, die drei Jahre jüngere Künstlerin Maria Uhden. Exakt im selben Monat (!)  erfindet sie, zusammen mit Hausmann die Fotomontage bzw. Collage. Hausmann und Höch verbindet (oder trennt) eine siebenjährige, gut dokumentierte amour fou: Höch möchte ein Kind, er nicht, er sieht sie nie als gleichberechtigte Künstlerin. Er verlangt von ihr mehr Distanz zu ihrer Familie, sie flieht daraufhin wiederholt nach Gotha, zu ihrer Familie. Hausmann hat bereits eine Tochter aus erster Ehe und bleibt die ganze Zeit verheiratet, an Scheidung denkt er nicht. Sie treibt zweimal ab. 1922 malt sie (dazu passend?) das bewegende Bild „Saturn und Kind“, das ihr erstes figuratives ist.

1922 lernt Hausmann die Malerin Mankiewitz kennen und lässt sich wegen ihr 1923 scheiden. Die z.B. mit den Ehepaaren Doesburg, Schwitters und Taeuber-Arp sehr gut befreundete Höch trifft 1922 die Schriftstellerin Til Brugman und zieht mit ihr nach Holland. Bereits 1929 kehren sie wieder nach Berlin zurück. 1935 trennen sie sich. 1938, sie ist fast 50 Jahre alt, heiratet Höch den wesentlich jüngeren Kurt Heinz Matthies, eine Verbindung, die vier Jahre später in die Brüche geht. Höch lebt bis 1945 vereinsamt in ihrem noch heute existierenden Haus in Berlin-Heiligensee und überlebt nur dank des Verzehrs der Erzeugnisse ihres Gartens. 1978 stirbt sie hochgeehrt im Alter von 88 Jahren in Berlin.

Höchs Werke sind sehr unterschiedlich, dies zeigt nicht zuletzt eine Ausstellung in Stade (bei Hamburg). In Vorhang auf für Hannah Höch werden rund 70 Werke aus mehreren Jahrzehnten ihres Schaffens gezeigt: avantgardistische, aber auch vergleichsweise biedere: Collagen, Gemälde, Zeichnungen (Link zur Bildergalerie). Höch malt viel, etwa „Jahreskreislauf“ von 1970; aber bekannter sind ihre (dadaistischen) Collagen. Sie sagt 1939: „Bis heute versuche ich das Foto auszubeuten. Ich benutze es wie die Farbe, oder der Dichter das Wort“.

Ein großer Verdienst von Hannah Höch ist es, viele Erinnerungen, Dokumente und künstlerische Erzeugnisse des (Berliner) Dadaismus bewahrt zu haben. Wer sich mit ihrem Leben beschäftigt, wird auf eine Frau stoßen, von der es nicht so einfach ist, ein halbwegs kohärentes Bild zu bekommen. War sie eine selbstbewusste, selbständige Künstlerin, die wusste, was sie wollte – oder war sie nicht ebenso, wenn nicht weit stärker, eine von Melancholie geprägte, sogar Getriebene? Einer Melancholie, wie Hille so treffend schreibt, die schon Aristoteles als polaren Doppelwert beschrieben habe - mit passiver Trauer einerseits und intensiv gesteigerter Schöpferkraft andererseits (S. 74)?

 

Karoline Hille: Hannah Höch. Die zwanziger Jahre. Kunst, Liebe, Freundschaft, Braus Verlag, Berlin 2015, 111 Seiten, 24,95 EUR

Die Ausstellung im Kunsthaus Stade ist noch bis 21. Februar geöffnet. Der gleichnamige Katalog (96 S., 22,90 EUR) ist im Peter Imhof Verlag erschienen (mehr).

 

Weitere Literatur zur Biographie von Hannah Höch

Karoline Hille: Hannah Höch und Raoul Hausmann: eine Berliner Dada-Geschichte, Berlin 2000

Cara Schweitzer: Schrankenlose Freiheit für Hannah Höch. Das Leben einer Künstlerin. 1889–1978. Osburg-Verlag, Berlin 2011