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Donnerstag, 28. Januar 2016
Autor/Innen: Bernd Hüttner

Hamburg: Ausstellung zur (musikalischen) Subkultur in den 1980ern

Einstürzende Neubauten: Kollaps | Foto für die Rückseite der LP | Vorplatz Berliner Olympiastadion | ZickZack ZZ65, 1981 | Foto: Peter Gruchot

Die Sonderausstellung im altehrwürdigen Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe ist in vielerlei Hinsicht bemerkenswert. Wer den Raum im zweiten Stock betritt, befindet sich in einer mit Musik unterlegten, begehbaren Installation. Diese kreist um acht bekanntere Bandprojekte der 1980er Jahre, u.a. D.A.F., Einstürzende Neubauten, Die tödliche Doris, der Plan oder F.S.K. Geografisch spielt sich das meiste in Berlin, Düsseldorf, Hamburg und München ab. Die Bands und ihr Umfeld (Vertriebe, Fanzines, Buchhandlungen und andere Orte etc.) werden mit dokumentarischen Fotos und Filmen und durch künstlerische Bilder und andere Objekte, etwa selbstgebaute Möbel, vorgestellt. Die Ausstellung versteht sich nicht als Musik- oder als Punk-Ausstellung, sondern möchte einige avantgardistische Splitter herauslösen. Produziert wurde sie vom quasi-staatlichen Goethe-Institut. Sie wird vor allem als Tourneeausstellung im Ausland eingesetzt, wo sie dann jeweils vor Ort um lokale Vertiefungen aus Minsk, Melbourne oder München ergänzt wird.

Die musikalische und ästhetische Produktion jener Jahre beruhte auf billigen Mieten in Wohnungen mit Kohlenheizung und Außentoiletten, auf einem kreativen Umgang mit dem Urheberrecht und selbstverständlich auf auch heute wieder angesagten Prinzipien wie Kollaboration, Bricolage, DIY und Kreativität, befeuert vom Wunsch nach Selbstbestimmung und Freiheit. Diese Szene hatte mit der damaligen Alternativ- und auf Innerlichkeit abonnierten Ökopax-Bewegung wenig zu tun und mehr Schnittmengen zum Punk. Musikalisch entstehen daraus ´Industrial` und alle damit verbundenen Strömungen und als kommerzielle und verwässerte Variante die „Neue Deutsche Welle“.

Die Ausstellung zeigt nun Objekte und Dokumente, die in einer traditionellen Zuordnung der Musik, der Malerei, dem Design, der Videoproduktion entstammen. Sie vermag es, die Stimmung jener Zeit gut zu transportieren.

Sie lädt dazu ein, nochmals über Dissidenz und ihre Rolle bei der Herausbildung des Postfordismus nachzudenken, sind doch die Topoi der Revolte jener Jahre, wie Kreativität, Expressivität, Individualität heute längst Bestandteil des neoliberalen Imperativs der Selbstverwirklichung, wie er im Coaching, im Management und anderswo common sense ist: Das klischeehafte Bild vom Künstler als Blaupause zeitgenössischer Arbeitsverhältnisse. Chapeau! Wem das alles zu viel ist, kann sich ja wiedermal „Tanz Debil“ von den Neubauten anhören oder in seinen/ihren alten Cassetten oder Platten stöbern! Oder vor Ort im MKG in der jetzt bis zum 28. Februar verlängerten Ausstellung zum Jugendstil (Rezension) nach Unterschieden und Gemeinsamkeiten dieser Bewegungen fanden.

Geniale Dilletanten, noch bis 30. April 2016. MKG Hamburg, Steintorplatz 1, 20099 Hamburg.  

 

„GENIALE DILLETANTEN“ in Hamburg bei Google Maps: Die laufend erweiterte Karte zeigt rund 60 Orte in Hamburg, die für die Subkultur der frühen 1980er Jahre von besonderer Bedeutung waren: ehemalige und noch existierende Konzert-Locations, Platten- und Buchläden, Kneipen und Cafés, Theater und Galerien, Musik-Studios und -Verlage werden verortet und ausführlich kommentiert.

 

Geniale Dilletanten. Subkultur der 1980er Jahre in Deutschland, ISBN 978-3939670995, 70 Seiten (Begleitpublikation des Goethe-Instituts)

Weitere, gleichnamige (!!) Publikation im Verlag Hatje und Cantz, ISBN 978-3-7757-4034-0, 160 Seiten, 24 EUR (mehr).