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Mittwoch, 09. März 2016

Call for Papers zum unvollendeten Buch III. Der Gesamtprozess der kapitalistischen Produktion.

5. Mai 2018 – 200. Geburtstag von Karl Marx. Kritik der politischen Ökonomie, Kritik unserer Gesellschaft, Selbstkritik der Linken.

 

«Wie die ganze Weltanschauung Marxens ist sein Hauptwerk keine Bibel mit fertigen, ein für alle mal gültigen Wahrheiten letzter Instanz, sondern ein unerschöpflicher Born der Anregung zur weiteren geistigen Arbeit, zum weiteren Forschen und Kämpfen um die Wahrheit» (Luxemburg 1918: 291). Mit diesem Satz leitete Rosa Luxemburg ihren Beitrag für Franz Mehrings Buch «Karl Marx. Geschichte seines Lebens» ein. Es erschien 1918, anlässlich des 100. Geburtstags von Marx. Dass wir im Vorfeld dessen 200. Geburtstages auf Luxemburgs Aufsatz zurückkommen, liegt an der Orientierung: die von Engels lesbar gemachten, aber unfertig gebliebenen Bände 2 und 3 des «Kapitals» als «Ansporn zum Denken, zur Kritik und zur Selbstkritik, die das ureigenste Element der Lehre ist, die Marx hinterlassen hat» (Luxemburg 1918: 301), anzunehmen. Luxemburg hat ihre Leserinnen und Leser zu einem Lern- und Suchprozess eingeladen. Sie wollte vor allem Arbeiterinnen und Arbeiter zu eigenständigem Denken, zu selbstbestimmtem und solidarischem Handeln ermutigen. Sie wollte ihnen helfen, zu kritischer Auseinandersetzung mit ihren Lebensbedingungen, mit den gesellschaftlichen Herrschafts- und Machtverhältnissen, zum unnachgiebigen Streiten für eine Gesellschaft der Freien und Gleichen fähig zu werden. Antonio Gramsci ist ihr gefolgt. Insbesondere im 10. Gefängnisheft sind Fragen nach Engels' Umgang mit den Quellen, nach dem Inhalt des Gesetzes vom tendenziellen Fall der Profitrate wie seinen Interpretationen und nach dem Verständnis von kritischer Ökonomie aufgeworfen. Wie die Lehrerin Luxemburg interessierten Gramsci Lehrbücher, die über die Reproduktion von Herrschaftsverhältnissen aufklären und diese kritisieren helfen. Solche Bücher sollten die Zusammenhänge zwischen den Bänden des «Kapitals» deutlich machen, Vorarbeiten und andere Schriften «der Klassiker», neue Entwicklungen, Probleme, Erfahrungen und Einsichten reflektieren (Heft 10, §32-38, §41VI-VII).

Luxemburgs und Gramscis Umgang mit dem Erbe von Marx und mit emanzipativ-solidarischen Bestrebungen in den antikapitalistischen Bewegungen sind insgesamt in diesen eher marginal geblieben, wurden verschieden bekämpft, stießen auf Unverständnis, arrogante oder ängstliche Abwehr. Das erklärt zum einen, warum die dominierenden Rezeptionen der Marxschen Lehre diese verflachten, auf die Analyse und Kritik der komplexen Herrschafts- und Machtverhältnisse verzichteten. Das betrifft insbesondere Geschlechterverhältnisse, Hierarchien nach Geburtsort wie ethnischer und kultureller Herkunft, Machtstrukturen in den interregionalen und internationalen Beziehungen, die Stoffwechselverhältnisse mit der Natur. Das erklärt zum anderen eine wesentliche Ursache für die Schwäche der Linken heute.

Uns mit dieser Schwäche offensiv auseinandersetzend betreiben wir «Kritik der politischen Ökonomie» und damit der gesellschaftlichen Herrschafts- und Machtverhältnisse und sehen uns der zentralen Herausforderung gegenüber: einen Beitrag zur Analyse des Gesamtprozesses der Kapitalakkumulation, der Reproduktion der Herrschaft kapitalistischer Produktionsweise zu leisten. Somit sind fünf zusammengehörende Aufgaben gestellt:

  • die Art und Weise, wie die sozial ungleichen Menschen Lebens-, Produktions- und Luxusmittel oder auch Gewaltinstrumente produzieren, verteilen, zirkulieren und gebrauchen, kritisch zu analysieren
  • dabei insbesondere die gesellschaftlichen, sozialen, ökologischen und globalen Auswirkungen zu untersuchen und aufzuzeigen
  • die Ideologien und Wissenschaften, die diese Herrschaft kapitalistischer Produktionsweise erklären, zu kritisieren
  • die Forschungsergebnisse darzustellen und zu diskutieren
  • darauf hinzuwirken, dass die Individuen in ihrer Masse willens und fähig werden, gegen jene Verhältnisse, die sie erniedrigen, knechten, verachten und vereinzeln (in Anlehnung an Marx 1844, 385), zu opponieren, sie strukturell zurückzudrängen und letztendlich zu überwinden. 

Das verlangt insbesondere, die Bewegung von Widersprüchen in den gesellschaftlichen Verhältnissen und damit die Bedingungen dieser Verhältnisse aufzuspüren, eigene Erkenntnisse und Erfahrungen, eigenes Denken, Erklären und Handeln selbstkritisch zu reflektieren – sich die  Arbeitsweise  des Autors des «Kapitals», seines «literarischen Testamentsvollstreckers», von Rosa Luxemburg, Antonio Gramsci und GenossInnen anzueignen.

Unser Fokus auf den dritten Band des «Kapitals» rührt von der zentralen Herausforderung und fünf mit ihr wie mit den «Lücken» bei Marx, den Problemen in Engels‘ Bearbeitung und mit neueren Entwicklungen verknüpften Überlegungen her:

  1. Er ist gerade die Unfertigkeit des Buches, die für die Auseinandersetzung mit der Marxschen «Kritik der politischen Ökonomie», mit Marx‘ Forschungsmethode und Darstellungsweise besonders inspirierend ist, zumal die Arbeit im Rahmen der MEGA attraktives Forschungsmaterial bereitstellt.
  2. «Der Gesamtprozess der kapitalistischen Produktion», die Dynamiken «an der Oberfläche, auf der offiziellen Bühne der Gesellschaft» (Luxemburg 1918: 298) mehren die ökonomischen Zwänge, Probleme und Erscheinungen, die es den LohnarbeiterInnen so schwer machen, Alternativen zu Fremdbestimmung und Ausbeutung zu denken, sich als realisierbar vorzustellen, zu wollen, zu erkämpfen.
  3. Während der Arbeit am «Kapital» ist die Vergesellschaftung in kapitalistischer Hülle so vorangeschritten, dass eine neue Kapitalqualität – das Finanzkapital – und eine neue Kapitalform der Vergesellschaftung bzw. eine modifizierte Vergesellschaftungsweise entstanden. Es muss also nach den Veränderungen in den gesellschaftlichen Verhältnissen, die neue Bedingungen für die Auseinandersetzung der Ausgebeuteten und Unterdrückten mit den Ausbeutern und Unterdrückern bewirken, gefragt und gesucht werden.
  4. In der Analyse der gesellschaftlichen Veränderungen haben sozialdemokratische Theoretiker – in Deutschland vor allem Eduard Bernstein, Karl Renner und Fritz Tarnow – eine Überarbeitung der theoretischen Basis für die «Arbeiterpolitik», die in Revisionismus mündete, vorgenommen. Die Revision wurde von den Theoretikern des Zusammenbruchs des Kapitalismus, Henryk Großmann und Fritz Sternberg, fortgesetzt. Theoretische Leistungen in der Kritik des Finanzkapitals, insbesondere durch Rosa Luxemburgs, Wladimir Iljitsch Lenin, Karl Kautsky und Rudolf Hilferding, wurden nicht oder nur selektiv und fragmentiert fortgesetzt. Mord und Terror, Krieg und Umsturz, Kapitulation und Opportunismus,  unermesslich brutaler Faschismus, blutiger Stalinismus haben Leben, menschliche Schöpferkraft vernichtet und zerstört, langandauernde destruktive Wirkungen hervorgebracht. Zu den Folgen gehören tragische Niederlagen emanzipativer Bestrebungen und das dramatische Scheitern sozialistischer Versuche.
  5. Die Analyse der Formierung von Klassenverhältnissen und –interessen unter dem Gesichtspunkt des Gesamtprozesses der Reproduktion des Kapitals inspiriert dazu, a) die Geschichte, die Faktoren und die Dimensionen der  strukturellen machtpolitischen Unterlegenheit der Linken zu analysieren; b) den eigenen Anteil an dieser Lage offenzulegen und zu diskutieren; c) Szenarien für die gesellschaftliche Entwicklung der nächsten 10 bis 15 Jahre zu entwickeln, dabei die Möglichkeiten zur Selbstveränderung und zur Veränderung der gesellschaftspolitischen Kräfteverhältnisse aufzuzeigen; d) strategische Schlussfolgerungen für das eigene politische Agieren zu erarbeiten und zu verwirklichen.

Es geht um die Auseinandersetzung mit der Geschichte, insbesondere mit der eigenen Geschichte, um Kritik der politischen Ökonomie als historischer Wissenschaft, um Selbstveränderung der Linken in Richtung auf die Humanisierung und Ökologisierung der Gesellschaft als transformatorischen Prozess.

Unser Call for Papers richtet sich an jene, die unser Herangehen teilen und ausgehend vom dritten Band des «Kapitals» in einen Austausch treten möchten, welcher der hier formulierten zentralen Herausforderung dient,

  • zur Entstehung des Werkes, zur Forschungs- und Darstellungsweise
  • zur Produktivkraft-, Wirtschafts- und Ideengeschichte wie zur politischen Geschichte, die zum einen das Werk, zum anderen den Umgang mit ihm (weiterführend) erklären und aktuelle Kritik der politischen Ökonomie konkret unterstützen
  • zu politökonomischen Analysen der Entwicklung der Kapitalverhältnisse – besondere Stichworte: Finanzkapital und Finanzialisierung –, der Stoffwechselprozesse mit der Natur, der Geschlechterverhältnisse, der Hierarchien in den internationalisierten und globalisierten Vergesellschaftungsprozessen mit ihren vielfältigen Formen und Dimensionen
  • zu den politökonomisch gestützten Analysen von Veränderungen in den Sozialstrukturen, Lebensstilen und gesellschaftlichen Lebensweisen
  • zu den Schlussfolgerungen aus der Kritik der politischen Ökonomie für das Ringen um sozialistische Transformation – für die Selbstveränderung ihrer Akteure.

Der Austausch soll im Sinne von Rosa Luxemburg Impulse «zum Denken, zur Kritik und Selbstkritik» geben und neue Arbeitskontakte wie gemeinsame Projekte begründen. Unsere konzipierte Buchpublikation ist nur ein Arbeitsinstrument, das insbesondere der politischen Bildungsarbeit zugutekommen soll. 

Wir werben dafür, bis zum 15. Juni 2016 Abstracts bis zu 1000 Worten in deutscher oder englischer Sprache einzureichen. Die Abstracts sollen über das konkrete Anliegen, die besondere inhaltliche Frage bzw. die Forschungsfrage und die Art und Weise ihrer Beantwortung Auskunft geben. Bis zum 30.6.2016 werden wir Einladungen zur Ausarbeitung von Texten adressieren. Diese Texte sollen dann bis 1. Januar 2017 vorliegen.

Für Rückfragen wie für die Einsendung der Abstracts gilt die email-Adresse von Judith Dellheim dellheim@rosalux.de