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Montag, 30. Mai 2016
Autor/Innen: Christoph Lammers

«Ziel von Mördern»

Gespräch mit dem Aktivisten Ahmed Nadir über Religionskritik und die Situation säkularer Blogger in Bangladesch sowie sein Leben als Flüchtling in Deutschland. ROSALUX BLICKPUNKT MIGRATION

Ahmed Nadir (© Arik Platzek / diesseits.de)

Ahmed Nadir (© Arik Platzek / diesseits.de)

Ahmed Nadir ist Aktivist und Unternehmer. Er beantragte im Jahr 2013 Asyl in Deutschland. Neben die zermürbende Ungewissheit über die eigene Zukunft trete die Isolation im Asylbewerberheim, sagt er - denn auch die Mehrheit der HeimbewohnerInnen steht Menschen mit atheistischen Haltungen eher ablehnend gegenüber.

Wie lange bist du schon in Deutschland? Welchen Status besitzt du?

Ahmed Nadir: Ich bin seit September 2013 in Deutschland. Mein Asylantrag wurde mittlerweile bewilligt. Ich habe eine Aufenthaltserlaubnis für drei Jahre.

Welche Erfahrungen hast du während deines Asylverfahrens gemacht? Wie ist die Situation für atheistische Geflüchtete?

Ahmed Nadir: Das ganze Prozedere war eine physiologische Belastung. Ich musste ein Jahr auf meine Anhörung warten, das war keine leichte Zeit. Einerseits wegen der unsicheren und ungewissen Zukunft, andererseits, weil ich mich im Asylbewerberheim wie im Gefängnis fühlte. (...) Im Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) ist man sich nicht darüber bewusst, welche Auswirkungen es haben kann, als Atheist mit religiösen Menschen zusammenzuleben. Ich habe versucht, meine ungläubige Einstellung vor den anderen im Asylbewerberheim zu verstecken. Die meisten Atheisten, die Asyl suchen, flüchten vor Verfolgung oder der Bedrohung ihres Lebens. Hier müssen sie dann in Angst mit religiösen Menschen auf unbestimmte Zeit zusammenleben.

Warum ist Atheismus heutzutage in Bangladesch ein Grund zu flüchten?

Ahmed Nadir: In den letzten vier Jahren gab es in Bangladesch eine Reihe von Anschlägen auf Freidenker und Atheisten seitens islamischer Extremisten. 13 Menschen wurden seither getötet und mehrere verletzt. Als Atheist ist man in Bangladesch nicht sicher. Die Regierung will Freidenker auch nicht beschützen, weshalb Atheisten sich verstecken oder aus dem Land flüchten müssen.

Gibt es überhaupt eine Möglichkeit, Religion oder religiöse Gruppierungen in Bangladesch zu kritisieren?

Ahmed Nadir: Nein, dazu gibt es gar keine Möglichkeiten, obwohl die Verfassung auf säkularen Prinzipien basiert.

Betreffen diese Einschränkungen nur Religionskritk oder auch Kritik an gesellschaftlichen und sozialen Umständen?

Ahmed Nadir: Religion zu kritisieren bedeutet, zum Ziel von Mördern zu werden und ist auch sozial nicht akzeptiert. Der Premierminister von Bangladesch hat erklärt, den Staat nach Mohammeds Gemeindeordnung von Medina zu führen, die keine einzige Form der Religionskritik toleriert. Die Stimme der Opposition wird von der Regierung unterdrückt; vor ein paar Tagen ist ein IT-Experte aus einer Regierungskommission „entfernt“ worden, der die Fehler der Regierung während des Raubüberfalls auf die Zentralbank kritisiert hat. Extralegale Hinrichtungen und Kidnapping durch Regierungskommissionen haben Bangladesch zu einem autoritären Staat gemacht.

Stehst du in Kontakt zu anderen Bloggern in Bangladesh?

Ahmed Nadir: Ich habe regelmäßigen Kontakt mit einigen, nicht mit allen. Ihre Situation ist sehr angsteinflößend. Vor kurzem habe ich erfahren, dass ein Blogger und Aktivist sich mit seiner Frau und seinen zwei Kindern versteckt, indem er von Hotel zu Hotel zieht. Er erhielt Todesdrohungen und Drohungen, seine Kinder zu entführen. Am 2. November wurde Faisal Arefin Dipan, der säkulare Bücher veröffentlicht hat, erstochen. Am selben Tag haben Angreifer einen anderen Verlag gestürmt und den Verleger, Ahmed Rahim Tutul, und zwei Autoren, Ranadeep Basu und Tareque Rahim, attackiert. Ein 73-jähriger Publizist sitzt seit dem 16. Februar wegen Verletzung religiöser Gefühle im Gefängnis , weil er ein Buch veröffentlicht hat, das von Islamisten als beleidigend empfunden wurde.
Man muss es so verstehen: Atheisten und Freidenker leben nicht nur mit der ständigen Bedrohung durch Islamisten, sondern auch durch die Regierung.

Was können die Medien, die atheistische Gemeinschaft und Aktivisten aus der ganzen Welt tun, um säkularen Blogger in Bangladesch zu helfen?

Ahmed Nadir: Die internationalen Medien sowie atheistische und humanistische Organisationen können Druck auf die Regierung aufbauen und sowohl Sicherheit für die Blogger als auch eine baldige Bestrafung der Mörder verlangen. Außerdem könnte die internationale Gemeinschaft versuchen, Atheisten aus dem für sie unsicheren Bangladesch zu befreien und so deren Leben retten. Meine persönliche Meinung ist: Es ist noch ein sehr langer Weg! Als allererstes müsste die Politik in Bangladesch sich von islamistischen und religiösen Ansichten distanzieren und das Recht auf freie Meinung unterstützen. Alle religiösen Schulen müssen geschlossen und ein säkulares Erziehungssystem eingesetzt werden. (...)

Bist du noch journalistisch oder publizistisch aktiv?

Ahmed Nadir: Ja, ich bin politisch aktiv. Seit zwei Jahren versuche ich, in Bangladesch eine politische Plattform aufzubauen und in Düsseldorf bin ich in verschiedene politische Initiativen eingebunden. Ich habe online mit ein paar atheistischen Freunden eine Diskussionsrunde gegründet, um eine „globale, solidarische Aktion“ für alle säkularen Menschen auf der ganzen Welt und atheistische Geflüchtete in Deutschland zu schaffen.

Wie sieht ansonsten dein eigenes Leben in der Zukunft aus? Wie wird es mit dir weitergehen?

Ahmed Nadir: Ich glaube nicht, dass ich in naher Zukunft nach Bangladesch zurückkehren kann. Jetzt ist Deutschland mein Zuhause. (...)

Das Gespräch führte Christoph Lammers

Erstmals erschienen in MIZ. Politisches Magazin für Konfessionslose und AtheistINNen 1/16 . Aus dem Englischen übersetzt von Clara Leibfried.

ROSALUX BLICKPUNKT MIGRATION Die Regierungen Europas bauen den Kontinent weiter zur Festung aus. Dennoch sind weltweit Millionen Menschen auf der Flucht, finden sich in Lagern wieder, werden abgeschoben. Angefeindet von der politischen Rechten, erfahren die Neuankommenden zugleich eine Welle der Unterstützung. Neue Zusammenschlüsse bilden den Kern einer praktisch gelebten Solidarität, wie sie etwa im Juni 2016 beim Welcome2Stay-Gipfel in Leipzig zu erleben war. Die RosaLux-Redaktion widmet daher einen Online-Blickpunkt dem Thema Migration.