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Sonntag, 05. Juni 2016
Autor/Innen: Judith Dellheim

Visionär und streitbar

Unverdrossen kämpft die Gründerin von «Il Manifesto», Luciana Castellina, für eine lebendige Linke in Italien und auf dem gesamten Kontinent. ROSALUX BLICKPUNKT EUROPA

"Cari elettori, care elettrici"

Luciana Castellina (r.) im Jahr 1981 zusammen mit weiteren VerfechterInnen einer Volksabstimmung in Italien. Bei dem Referendum ging es unter anderem um die Aufhebung eines Anti-Terror-Gesetzes (Legge Cossiga). Foto: Camera dei Deputati, Flickr, CC BY-ND 2.0

Leidenschaft, Liebenswürdigkeit, Intelligenz, Witz und Optimismus: Jede Begegnung mit Luciana Castellina ist ein Erlebnis. Die 86-jährige einstige Funktionärin und Parlamentarierin der KPI verkörpert, was die Lebensfähigkeit eines Ideals ausmacht: sich als Einzelne und im solidarischen Verbund mit anderen unentwegt mit all dem auseinanderzusetzen, was Menschen daran hindert, individuell frei, einander gleich und solidarisch zu sein und in gesunder Natur zu leben.

„Kommunismus ist kein Gesellschaftsmodell. Kommunismus ist die Antwort auf die Frage, wie wir Freiheit und Gleichheit zusammen garantieren“ – diese Vision verbindet sie seit siebzig Jahren mit dem Engagement für eine lebendige linke Partei, die die kapitalistische Produktionsweise überwinden will. „Eine solche Partei wird gebraucht, um Menschen emanzipativ-solidarisch zu politisieren, sie zu ermutigen und zu befähigen, die bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse gedanklich, in Worten und in Praxen zu kritisieren“, sagte Castellina jüngst bei einer Veranstaltung der Stiftung in Berlin. Diese Partei müsse sich immer wieder selbst in Frage stellen, sich immer wieder neu erfinden. Schließlich verändern sich die Menschen und Gesellschaften unentwegt, erst recht unter den Bedingungen neoliberal geprägter „Globalisierung“. Die Mitglieder und Funktionäre wären um ständige Analyse und Kreativität, um die Attraktivität ihrer Partei bemüht – nicht nur, um an der Verwaltung der Gesellschaft teilzuhaben, sondern um eine alternative Kultur zu leben und schließlich bestimmend zu machen.

Luciana Castellina hatte einst gemeinsam mit ihren engsten Freundinnen und Freunden den Konjunktiv in sehr direkte Rede und in sehr konkrete politische Kultur überführt: Gemeinsam mit Rossana Rosandra und Lucio Magri gründete sie im Jahr 1969 die Zeitschrift „Il Manifesto“. Über die Kritik des gewaltsamen Abbruchs des „Prager Frühlings“ und der Unterstützung dieses antidemokratischen Akts wollten sie der kommunistischen Bewegung zu Selbstkritik und Aufgeschlossenheit gegenüber neuen sozialen Bewegungen verhelfen. Der Initiative folgte zunächst der Ausschluss aus der KPI. Zugleich war „Il Manifesto“ enorm erfolgreich: Das Journal hatte nicht zu unterschätzenden Anteil an den Lernprozessen in der KPI und anderen linken Parteien. Die einst Ausgeschlossenen wurden zur Rückkehr gebeten und in die führenden Parteigremien gewählt.

Auch nach dem Ende der einst mächtigsten kommunistischen Partei im Westen sorgt die Zeitschrift für Bewegung. Und ihre Gründerin machte unverdrossen weiter für die linke Sache: Als Journalistin, Historikerin und Strategin zunächst bei den Democratici di Sinistra, ab 2009 als „Kopf“ der Partei Sinistra Ecologia Libertà (SEL). Sie wird sich zugunsten eines neuen linken Parteiprojekts Ende 2016 auflösen. Das neue Projekt soll den verschiedensten Gruppen, die derzeit getrennt agieren, eine Grundlage für gemeinsames Handeln und gemeinsame parlamentarische Präsenz bei Weiterführung der Diskussion unterschiedlicher Positionen geben. „Die Linke ist ein Projekt, ist eine Frage nach dem Sinn“, sagt Castellina: „Es ist nicht eine Ansammlung von Konsens.“ Ein solches Projekt existiere aber im heutigen Italien und in großen Teilen der EU nicht – trotz der Aktionen und Kämpfe gegen neoliberale Maßnahmen und Reformen, der Bemühungen emanzipativ-solidarischer Kräfte um Aufklärung, Aktivierung und Organisation von Selbsthilfe, Solidarität mit Flüchtlingen, trotz der Vernetzung von gesellschaftskritisch Denkenden. Sollen neue linke Projekte, auch neue europäische Linksprojekte entstehen und nachhaltig werden, müsse aus Erfolgen und Niederlagen der kommunistischen Bewegung gelernt werden.

Castellinas Genosse Lucio Magri hat mit seinem Buch „Der Schneider von Ulm“, erschienen 2009, dafür Wertvolles geleistet. Lucianas „Biografische Einleitung“ hilft sehr, das Buch zu verstehen und zu nutzen. Wie einst Magri wirft sie immer wieder die Frage auf, warum die neoliberale Ideologie und Politik in ihrem Sinne so erfolgreich werden konnten während die KPI und andere „Bruderparteien“ verschwanden oder bedeutungslos wurden. Sie hätten es nicht vermocht und teilweise nicht einmal konsequent versucht, dem ideologischen und politischen Fokus der Neoliberalen auf das Individuum den selbstbestimmt und solidarisch handelnden Menschen gegenüberzustellen, dem Kurs auf Vereinzelung und Konsum die Orientierung auf solidarische und ökologische Lebensweisen und der Technokratie und vorgeblichen Transparenz die tatsächliche Demokratisierung entgegen zu setzen. Das aber wäre radikale Kritik der kapitalistischen Produktionsweise wie der verschiedenen Arten bürgerlicher Gesellschaft, ihres Staates und ihrer Demokratie. Es wäre Politik, um die formale Gleichheit der Gesellschaftsmitglieder durch ihre zunehmende soziale Gleichheit zu ergänzen, nachhaltig zu machen.

Luciana Castellina hat insbesondere mit Räten wie Flüchtlings- und MigrantInneninitiativen experimentiert. Sie hat die politischen Gegner eingehend analysiert, lange vor der jüngsten globalen Finanzkrise und erst recht seit ihrem Ausbruch. Immer wieder mündet ihr Schreiben und Reden in konkrete Vorschläge zu Aktionen und Formen, um Bürgerinnen und Bürger an politischen Entscheidungen zu beteiligen. So will sie „die Leidenschaft der Beziehungen zu anderen wieder oder erstmalig finden … Politik ist die Beziehung zu anderen. Wer bin ich im Verhältnis zu den anderen? Wir haben nur einen Sinn in der Gemeinsamkeit mit anderen. Wie wollen wir uns also organisieren? Was machen wir mit unserem Leben? Wie wollen wir wozu entscheiden?“ Diese Fragen diskutiert sie insbesondere im Kontext linker EU-Politik. Jüngst etwa musste sich Yiannis Varoufakis in Rom eine Schelte von ihr zu seinem Projekt „Diem25“ gefallen lassen: Es sei zu wenig im Leben verankert und konzentriere sich zu sehr auf die Institutionen – das reiche nicht.

ROSALUX BLICKPUNKT EUROPA Der Umgang der EU mit Griechenland, die autoritäre Reaktion auf die Flüchtlingsbewegungen und die Radikalisierung der Rechten in Europa haben gezeigt, dass die Linken bisherige Strategien eines Politikwechsels überdenken müssen. Wie gelingt gemeinsames Handeln, und wie wird Solidarität wirksam? Darüber diskutierten VertreterInnen emanzipatorischer Bewegungen bei einer Konferenz Anfang Juni in Berlin. Die RosaLux-Redaktion widmet der Lage in Europa einen Online-Blickpunkt.