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Freitag, 06. Januar 2017
Autor/Innen: Johanna Bussemer

Nüchtern, selbstreflektiv, kritisch

Zu Erinnerung an unseren Kollegen Michael Glass

Er war immer da. Jeden Tag der Woche. Nie nahm er Urlaub. Trepp ab ging er zu Fuß hier im Haus am Franz-Mehring- Platz 1, zurück hinauf in den 5. Stock, wo er sein Büro im Europareferat der Rosa-Luxemburg-Stiftung hatte, nahm er den Fahrstuhl.  

Fast jeder im Haus hier kannte ihn, nicht jeder wusste seinen Namen:  Michael Glass, der Freundliche mit den kurzen grauen Haaren, immer im dunklen Anzug, den er selbst bei 35 Grad trug, ist in der Nacht zum 30.12.2016 gestorben.

Acht Jahre hat er als Projektmanager im Zentrum für internationalen Dialog der Rosa-Luxemburg-Stiftung gearbeitet. Eingestellt wurde er  für die Koordination des RLS-Büros in Warschau, später kam das RLS-Büro in Moskau dazu und jetzt der Aufbau des Büros in Prag. Jede seiner Handlungen in dieser Tätigkeit tat er bedacht und präzise ohne viele Worte.

Wenige Worte wechseln mit Menschen, die er nicht kannte, das konnte er gut.

Auch wir, die jeden Tag mit ihm arbeiteten, wussten wenig über sein Leben vor der Stiftung. Eine Sprachausbildung hatte er gemacht  zur Vorbereitung auf den diplomatischen Dienst der DDR. Dann kam die Wende und aus der Diplomatie wurde nichts, stattdessen ging er mit dem westdeutschen, über die PDS-Landesliste Sachsen gewählten Abgeordneten Heinrich Graf von Einsiedel nach Bonn, um bei ihm im Bundestagsbüro zu arbeiten. Er selber hat wenig darüber berichtet, aber aus Erzählungen weiß man, dass es eine gleichermaßen schwierige wie aufregende Zeit gewesen sein muss für die in der Bonner Republik junge Fraktion. Zusammen mit dem Kollegen Axel Goldmann beantwortete er in Bonn und auch noch nach dem Umzug des Bundestages nach Berlin, die «Bürgerpost». Viel Arbeit und einen Ordner für «Verrücktes» gab es da. Aber man darf es sich nicht schön reden: Ausgrenzung, Beschimpfung und Unverständnis für das politische Anliegen dominierten den Arbeitsalltag der Fraktionsmitarbeiter. Michael hat wahrscheinlich geantwortet wie immer, so wie er auch hier war: nüchtern, präzise und mit nicht allzu vielen Worten.

Als die PDS 2002 nicht wieder in den Bundestag einzog, war es vorbei – besonders hart getroffen hätte das auch Michael, erzählt eine Kollegin. «Die Stiftung», sagte er uns viele Jahre später «sei immer sein Ziel gewesen in der Zeit danach.» Doch das dauerte. 2009 war es schließlich so weit. Die starke politische Orientierung hatte er sich die ganze Zeit bewahrt: Der Kampf für etwas anderes, der Glaube an einen demokratischen Sozialismus in der neuen Ordnung. Michael war kein DDR-Nostalgiker.

Seine Kenntnisse der Regionen und sein Intellekt zeigten sich in seinen messerscharfen Analysen und Kommentaren zu den Ereignissen in Osteuropa. Besonders ein Text von ihm ist uns in Erinnerung geblieben: «Lieber rot als schwul.» Es geht um den rechtlichen und politischen Umgang mit Homosexualität in Russland, Moldau und der Ukraine. Wie immer nüchtern beschreibt er die erneute Diskriminierung in diesen Ländern und scheut sich nicht, dabei einen weiten historischen Bogen in das Russland der vor 100 Jahren stattgefundenen Revolution zu spannen. Seine eigene Position kann man am besten an einer Stelle herauslesen:  Dort  formuliert er die Frage, ob wirklich Putin der einzige Quell des Übels sei, wie es in der Linken gern kolportiert würde und schreibt: «Eine präzisere Frage könnte lauten: Wo bleibt eigentlich der öffentliche Widerspruch emanzipatorischer Linker gegen den homophoben Eifer von ‚GenossInnen‘ in Russland, der Ukraine und Moldova? Nichts sehen (wollen)? Nichts hören (wollen)? Jedenfalls nichts dazu zu sagen.»

Nüchtern, selbstreflektiv, kritisch. Lust zur politischen Debatte. Hier oben in der Sicherheit seines Referates – seiner zweiten Familie, wie er immer betonte – zeigte er sie. Manchmal schonungslos. Immer aber hatte er vorher darüber nachgedacht, womit er uns konfrontieren und mit uns diskutieren wollte.

Nicht herauslesen aus diesem Text kann man seinen wundervollen Humor, der selbst unseren Nachbarinnen und Nachbarn hier auf dem Gang als erstes einfällt, als wir ihnen von seinem Tod erzählen.

Sein Leben ging eigentlich auch so zu Ende wie er es gelebt hatte: Er blieb im Büro bis ihn die unerträglichen Schmerzen in die Notaufnahme zwangen. Er starb schnell, nüchtern, präzise. Aber nicht, ohne sich über jeden Besuch, jeden Anruf und jede Karte, die wir ihm in den letzten Wochen schrieben, zu freuen und dies in für uns fast ungewohnt direkter Weise kund zu tun.

Micha  war ein Mensch mit einem großen Herzen.

Wir werden ihn sehr vermissen.