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Freitag, 03. Februar 2017
Autor/Innen: Boris Kagarlitzki

Russland: Kann das Jubiläumsjahr die Gesellschaft versöhnen?

«Revolution»: auf die Gegenwart bezogen wird das Wort negativ bewertet, der Stolz auf die vaterländische Geschichte erfordert eine gegensätzliche Einordnung

Lenin an der Putilov Fabrik im Mai 1917. Gemalt 1929 von Isaak Brodsky.

In den letzten Tagen des ausklingenden Jahres 2016 gab die Leitung der Kasaner Universität die Umbenennung ihrer Aula in «Kaisersaal» bekannt. Bezeichnend ist, dass sich der Name vorher noch nie geändert hatte. Der Raum hieß zu Zaren- wie zu Sowjetzeiten einfach nur Aula. Eben hier fand am 4. Dezember 1887 die berühmte Versammlung der Kasaner Studierenden statt, mit der die revolutionäre Tätigkeit Wladimir Lenins ihren Lauf nahm.

In den gleichen Tagen, als der wissenschaftliche Rat der Kasaner Föderalen Universität seine Entscheidung traf, unterschrieb der russische Präsident Putin eine Anordnung zu den Feierlichkeiten des hundertjährigen Jubiläums der Revolution von 1917. In dieser Anordnung bleibt jedoch eines völlig unklar, nämlich, was genau gefeiert werden soll: der Sturz des Zarismus oder aber die Etablierung der Sowjets?

Diese parallel ablaufenden Ereignisse demonstrieren sehr schön die schizophrene Einstellung der offiziellen russischen Kreise gegenüber der revolutionären Vergangenheit. Einerseits wird selbst das Wort «Revolution» an sich in Bezug auf die Gegenwart ausschließlich in einem negativen Sinne verwendet. Und andererseits erfordert es der vorherrschende ideologische Diskurs, auf die vaterländische Geschichte stolz zu sein – und zwar gleichermaßen auf all ihre Etappen und Aspekte. Denn schließlich ist Russland ein großes Land, und bei uns war alles und immer großartig. Die bemerkenswerten Zaren und die herrlichen Revolutionäre, die Rote Armee und die Weißen Generäle, Stalin und die Opfer der Repressionen, die sowjetischen Führer und die Dissidenten: Alle sollen sie ihren Platz im verallgemeinernd-optimistischen Bild der Geschichte einnehmen.

Man könnte meinen, das Bestreben an sich, alle und alles in einer einzigen Erzählung zusammenzubringen, könne nur begrüßt werden. Doch ein solches Konglomerat ist kein Hinweis auf die Bereitschaft der regierenden Kreise, die Widersprüche des historischen Prozesses und seine Dramatik zu verstehen, dialektisch zu durchdenken sowie die tragischen Entscheidungen zu bewerten, die plötzlich nicht nur die politischen Führer, sondern auch die Gesellschaft selbst zu treffen hatte. Beileibe nicht. Hinter dem Bestreben, alle anzuerkennen und alle zu loben, versteckt sich die panische Angst vor Konflikten und das Unbehagen, objektive Widersprüche zuzugeben – in der Vergangenheit wie in der Gegenwart. Konservatismus, die Angst vor Veränderung und der Unwille, Entscheidungen zu treffen, bestimmen das Wesen aller administrativen Entscheidungen im gegenwärtigen Russland. Und sie charakterisieren auch die Einstellung gegenüber der Geschichte.

Wladimir Putin hat ziemlich offen den Standpunkt der geltenden Macht bezüglich dieser um hundert Jahre zurückliegenden Ereignisse zum Ausdruck gebracht, als er gegenüber der Föderationsversammlung erklärte: «Die Lektionen der Geschichte brauchen wir vor allem zu Versöhnungszwecken, für die Stärkung des gesellschaftlichen, politischen, bürgerlichen Einvernehmens». Ja, die Revolution wurde als «groß» anerkannt, und diese Definition bezieht sich auf den ganzen Prozess, der in den Jahren 1917-1921 vor sich ging, ohne Unterschiede zu machen zwischen dem Sturz des Zarismus im Februar und der Etablierung der Macht der Sowjets im Oktober. Doch die regierenden Kreise sprechen ständig von «Größe» und dem «Großen», wobei sie nie erklären, welchen Sinn sie genau in diese Worte legen, so als ob die Wirklichkeit der Worte nur das Fehlen von Gedanken und Inhalt kaschieren soll. Das hübsche Bild, das die Regierung der Gesellschaft zu präsentieren versucht, stellt sich somit in all seinen Aspekten als unaufrichtig und verlogen heraus. Und zwar sowohl dann, wenn die offizielle Ideologie die Sowjetmacht verurteilt, wie auch wenn sie sie rühmt und rechtfertigt.

Das Bestreben, an die historische Vergangenheit anzuknüpfen und sich ihre Errungenschaften anzueignen, ist verständlich – besonders dann, wenn es mit den eigenen etwas mager aussieht. In dieser Hinsicht bleibt das ideologische Schlüsseldatum der 9. Mai, der Tag des Sieges über Nazi-Deutschland. Doch auch hier gerät das Bild reichlich zweideutig. Die Regierung war kein Geld zu schade für unzählige und teure Filmprojekte, die ebenjenen Sieg rühmen, doch die Filme wurden nicht einfach nur schlecht, sondern auch offen antihistorisch. Man kann ihnen nicht einmal vernünftig entnehmen, wer mit wem und wofür gekämpft hat – denn schließlich darf weder direkt von der sowjetischen Staatlichkeit noch von der kommunistischen Ideologie als den für diesen Sieg entscheidenden Faktoren gesprochen werden.

Selbstverständlich bedeutet die Anerkennung historischer Wahrheit noch lange nicht ihre Rechtfertigung. Und wenn man davon spricht, dass gerade das sowjetische Wirtschaftssystem eine präzedenzlose Mobilisation gesellschaftlicher Kräfte und wirtschaftlicher Ressourcen ermöglichte, die dem Land einen Sieg in diesem Krieg sicherte, sollten wir nicht die begangenen Fehler und Verbrechen vergessen. Doch das Problem der heutigen Macht besteht nicht darin, dass sie sich scheut, die Wahrheit über die Vergangenheit auszusprechen, sondern vielmehr darin, überhaupt im Stande zu sein, etwas Durchdachtes und Sinnvolles von sich zu geben. Das Streben nach konservativer Ehrfurcht, die panische Angst vor jedweden Widersprüchen und Konflikten, das Fehlen eines klaren Ziels für die Zukunft und der Unwille, den Gedanken selbst anzunehmen, dass irgendwo vor uns irgendeine Zukunft existieren könnte, die sich von der Gegenwart unterscheidet, macht ein aufschlussreiches Gespräch über die Vergangenheit automatisch unmöglich. Und genau deswegen sind auch Überlegungen hinsichtlich der Notwendigkeit, «Lehren» aus der Geschichte zu ziehen, sinnlos. Etwas aus dem Material vergangener Ereignisse lernen kann nur, wer auch irgendwelche Pläne hat, Ziele, strategische Perspektiven. Wer aktiv handeln und die Welt verändern möchte. Doch eine ideale Zukunft bedeutet für die russische Elite lediglich eine unendlich weitergeführte Gegenwart. Und deswegen wird auch die Einstellung gegenüber bereits vergangener Geschichte geprägt durch die Einstellung gegenüber der gegenwärtigen Geschichte: nichts verändern zu wollen, ohne eine absolute Notwendigkeit lieber gar nichts zu tun, nur unter dem Druck äußerer – erfreulicher oder weniger erfreulicher – Faktoren Entscheidungen zu treffen oder Handlungen anzustoßen.

Eine solche Einstellung gegenüber der Zukunft ist nichts Außergewöhnliches. Die regierenden Kreise der modernen Welt urteilen im Wesentlichen – mit wenigen Ausnahmen – genauso wie ihre russischen Klassenbrüder. Der grundlegende Unterschied besteht allerdings darin, dass die bürgerlichen Eliten in den führenden westlichen (und selbst in den postkolonialen Ländern) in ihrem ideologischen Arsenal über einen im Laufe der vergangenen Jahrzehnte entstandenen und fest etablierten historischen Diskurs verfügen. Die moderne französische Bourgeoisie hat weder in emotionaler noch in politischer Hinsicht etwas mit den Jakobinern gemein, noch nicht einmal mit den Girondisten, ihr sind die Stimmungen und Ansichten der Revolutionäre des 18. Jahrhunderts völlig fremd; und auch die linken Intellektuellen, die in schicken Cafés über das Leben und die Politik philosophieren, haben überhaupt nichts gemeinsam mit den Kämpfern, die ihre Gegner zur Guillotine schickten und ihnen im Zuge der Entwicklung des revolutionären Dramas schlussendlich nachfolgten. Doch für Frankreich ist die Revolution nicht nur eine abgeschlossene historische Etappe, sondern ein Ereignis, das den Grundstein der heutigen politischen und gesellschaftlichen Ordnung legte und das republikanische Prinzipien formte, an denen sich das Land bis heute orientiert. Das ist zweifellos positiv, ungeachtet aller Exzesse und Ausnahmezustände.

Der moderne russische Kapitalismus ist nicht nur aus der Revolution, sondern auch aus der Restauration hervorgegangen. Sein systemisches Prinzip ist die Auflösung, Vergeudung und der Diebstahl des wirtschaftlichen Potenzials, das in den Jahren der Sowjetherrschaft aufgebaut wurde, darunter die in dieser Epoche erschlossenen Öl- und Gasvorkommen, die bereits ausgebaute Infrastruktur und die zu diesen Zeiten ausgebildeten technischen und wissenschaftlichen Fachkräfte. Die neuesten Vertreter der Bourgeoisie, Oligarchen und Beamten sind natürlich keine Nachfahren vorrevolutionärer Adliger und Kapitalisten, sondern im Gegenteil hervorgegangen aus der sowjetischen Bürokratie – oder ihre Erben. Sie sind ihr nicht nur der materiellen Möglichkeiten wegen verpflichtet, sondern verwerten auch weiterhin einen wesentlichen Teil des institutionellen Gepäcks, das vom vorherigen System zurückgelassen wurde. Sie benutzen es nur für völlig andere Zwecke und verwandeln jede Ressource in eine Quelle, aus der sie Kapital akkumulieren.

Hier muss man unweigerlich an Frankreich zu den Zeiten Louis-Philippes denken, als die Monarchie die republikanische dreifarbige Flagge schwenkte, die Opposition und die Regierungsmehrheit im dekorativen Parlament eine gemeinsame Komödie spielten und die Emporkömmlinge der Bourgeoisie eilig ihr Geld in den Erwerb von aristokratischen Titeln investierten. So auch bei uns: die kommunistischen Abgeordneten küssen in Kirchen Kreuze, die sowjetische Staatshymne wird gespielt, während die zaristische Tricolore hochgezogen wird, und das feierliche Begehen des Jahrestages der Revolution erfolgt unter Ausführungen darüber, dass jedwede Veränderung im Lande Böses bedeutet.

Das Regime der Restauration negiert den prinzipiellen Kern der Revolution, kommt aber im Wesentlichen nicht um deren Erbe herum. Und genau das ist es, was auch die Widersprüchlichkeit in der Beziehung zu Ereignissen der Vergangenheit erzeugt. Diese sollen inhaltlich abgelehnt werden, und zwar auf der Sinnes- wie auf der ideologischen Ebene. Doch im Rahmen einer allgemeinen Versöhnung lässt sich ebenso ein rechtmäßiger Anspruch auf das materielle Erbe erheben, das von den Revolutionären geschaffen wurde.

Eine Revolution ist nicht einfach nur ein Faktor radikaler gesellschaftlicher Transformation, sondern auch eine Art Quintessenz der Geschichte an sich. Das ist ein Ereignis, in dem sich maximal intensiv, vollständig und umfassend sowohl gesellschaftliche Widersprüche zum Ausdruck gebracht werden, als auch das Potential gesellschaftlicher Kräfte, die diese Widersprüche aufheben. Und diese Widersprüche sind entscheidend. Es ist ein Ereignis, das ohne Massenbewegung nicht möglich wäre und das alle Lebensbereiche von Millionen von Menschen tangiert – darunter auch die derjenigen, die sich lieber von der Einbeziehung in historische Prozesse distanziert hätten. Hier geht es nicht einfach nur um Veränderungen, sondern es geht um unaufhaltsame, inhaltsreiche, tiefgehende Veränderungen.

Die Ablehnung dieses Kerns der Revolution und die Angst vor der Geschichte vereinen alle ideologischen Gruppierungen der gegenwärtigen russischen Elite. Nicht nur die herrschenden Kreise, sondern auch ihre liberalen Opponenten sind der Idee sozialer und wirtschaftlicher Veränderungen gegenüber zutiefst feindselig eingestellt und empfinden das etablierte Wirtschafts- und Gesellschaftssystem in Russland als etwas Ideales und Unveränderliches. Der prinzipielle Unterschied besteht lediglich darin, dass die einen die Zukunft als eine unendliche fortgeführte Regierungszeit Wladimir Putins sehen (na ja, zumindest so für die nächsten 200-300 Jahre), während die anderen hoffen, dass Putin nicht mehr ganz so lange an der Macht bleibt, und davon träumen, seinen Platz einzunehmen.

Und was die patriotische Öffentlichkeit anbelangt, die ständig auf die Liberalen schimpft, so ist es wohl gerade dieser Teil der Gesellschaft, der die Idee der Revolution am schärfsten und deutlichsten missbilligt. Schließlich geht es hier um die Geringschätzung von Hierarchie, um den Ungehorsam gegenüber der Staatsmacht und, noch schlimmer, um eine Neuordnung der Regierung. Der gleichen Regierung, die sich aus ihrer eigenen Perspektive für eine Art unabänderliche, ewige und sakrale Entität hält, sodass selbst der Gedanke an ihre Reformierung blasphemisch wäre, mal ganz zu schweigen von einer Revolution! Zwar würde sich nach einer Neuordnung jede Macht – selbst eine aus revolutionären Umwälzungen hervorgegangene – in den Augen der patriotischen Öffentlichkeit erneut sakralisieren und widerspruchslose Loyalität verdienen. Doch der revolutionäre Prozess selbst bleibt außerhalb der Grenzen ihres Verständnisses und wird somit als eine Art ungeheuerliche Sinnestäuschung empfunden, mit der es früher oder später auch mal wieder vorbei sein muss.

Die Linken loben schließlich – ganz, wie es sich gehört – einmütig die Revolution, bringen Blumen an die Gräber ihrer Helden und stellen Bilder ins Netz, auf denen sie als Bolschewiken, Anarchisten oder Rotarmisten posieren. Dieses niedliche infantile Spiel steht weder im Kontext der Geschichte noch der Politik. Es spiegelt nur die praktische Nutzlosigkeit eines großen Teils der bei uns vorhandenen linken Bewegung wider, die es vorzieht, sich gerührt der Vergangenheit zuzuwenden, anstatt für die Zukunft zu kämpfen.

Olga Filina hat in der Zeitschrift «Ogonjok» völlig richtig bemerkt: «Das Einzige, worin sich die Vertreter aller Spektren der russischen Politik einig sind, ist, dass die Revolution eine furchtbare Sache war, und dass in der Folge selbst das ihr gesetzte Denkmal maximal unschädlich gemacht werden muss: keine heiklen Themen anfassen, keine Urteile fällen, sondern versuchen, alle mit allen zu versöhnen».

Das Dumme ist nur, dass es keine Versöhnung geben wird. Und zwar nicht deshalb, weil die Leute zu sehr mit der Vergangenheit beschäftigt sind, ja noch nicht einmal deshalb, weil die sozialen Interessen unterschiedlicher Gruppen der Gesellschaft a priori gegensätzlich sein müssen und diese deshalb in einen unvermeidlichen Kampf miteinander treiben. Die Geschichte der russischen Revolution ist noch lange nicht abgeschlossen, solange nicht ihre Mission erfüllt ist, Russland in eine Gesellschaft zu verwandeln, deren wirtschaftliche Entwicklung sich durch die Erneuerung sozialer Beziehungen beschleunigt. Die Revolution hat Voraussetzungen für eine radikale Modernisierung unseres Landes geschaffen, wobei sie gleichzeitig neue Widersprüche hervorgebracht hat, an denen das Projekt «Aufbau des Sozialismus» schlussendlich zerbrechen musste. Doch die mit dem Jahr 1991 eingetretene Restauration hat Russland nicht nur bourgeoise-kapitalistische wirtschaftliche Beziehungen beschieden, sondern uns auch systematisch zurück in die Vergangenheit katapultiert. Ungeachtet der kaiserlichen Ambitionen unserer Oligarchen, ungeachtet der patriotischen Rhetorik der offiziellen Propaganda und der «europäischen» Ansprüche der hiesigen Liberalen, fand sich das moderne Russland, ganz wie zu zaristischen Zeiten, an der Peripherie eines kapitalistischen Weltsystems wieder. Die Restauration hat uns strukturell wie inhaltlich zurück zu Fragen und Problemen geführt, die schon lang gelöst schienen. Sie hat systemische Widersprüche aufgezeigt, die nur durch radikale politische und wirtschaftliche Umwandlungen überwunden werden können. Sie hat unser wirtschaftliches Leben der Logik des Neoliberalismus unterworfen, der sich auf der ganzen Welt objektiv im Niedergang befindet.

Und deshalb bleibt die russische Revolution solange unabgeschlossen, wie in Russland ein Regime der Restauration bestehen bleibt.

Übersetzung aus dem Russischen: Anna Brixa