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Publikation

Reihe Analysen

Autor/Innen: Eduardo Gudynas, Miriam Lang, Birte Pedersen Erschienen: März 2012

Buen Vivir

Das gute Leben jenseits von Entwicklung und Wachstum. Reihe «Analysen» von Eduardo Gudynas.

Das gute Leben ist in aller Munde

«Wir steigern das Bruttosozialglück», «Einfach ein gutes Leben» oder «Immer mehr ist nicht genug»,so die vielsagenden Titel von Neuerscheinungen, die nicht nur auf dem deutschen Buchmarkt immer zahlreicher werden. Und auch auf einer ganzen Reihe von Veranstaltungen wie «Jenseits des Wachstums?!» oder «Das gute Leben – es gibt Alternativen» suchen unterschiedliche gesellschaftliche Akteure und Gruppen Diskussion und Austausch. Das gute Leben ist in aller Munde. Offenbar stellen sich immer mehr Menschen die Frage nach einem sinnvollen Leben jenseits von kapitalistischer Erwerbsarbeit und materiellem Reichtum.

Auch der Deutsche Bundestag hat auf diese Entwicklung reagiert und Ende 2010 eine Enquete-Kommission «Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität» eingesetzt. Doch bleibt ihr Horizont bisher weit hinter den gesellschaftlichen Debatten zurück, in erster Linie wohl deshalb, weil die Regierenden der Exportweltmeisternation aus naheliegenden Gründen nicht daran interessiert sind, existenzielle Fragen über unsere Wirtschafts- und Lebensweisen zuzulassen.

Aber die Grenzen des Wachstums und der ökologischen Systeme sind nicht nur in Spanien, Griechenland oder den USA, sondern auch in Deutschland deutlich wahrnehmbar; das löst Angst aus oder das Bedürfnis nach Sicherheit, aber auch viel kreative Energie auf der Suche nach Wegen aus dem Wachstumszwang.

Hier liegt der Resonanzboden für ein ungewöhnlich großes Interesse an der Diskussion um das Buen Vivir, einem Konzept «des guten Lebens» aus den Andenländern. Buen Vivir ist die spanische Übersetzung für sumak kawsay, ein Begriff aus der ecuadorianischen Quichua-Sprache, oder suma qamaña aus dem bolivianischen Aymara. Aber wie schafft es ein indigen geprägtes Konzept in europäische, akademische und politische Diskussionen?

Der erste Grund: Buen Vivir hat sich zu einer gesamtgesellschaftlichen Antwort auf das Scheitern neoliberaler Politiken entwickelt. Im Mittelpunkt des Konzepts steht ein grundlegend neues Verständnis der Natur. In Ecuador und Bolivien wurde das Buen Vivir als zentrales Ziel des Wirtschaftens und Lebens in die neuen Verfassungen aufgenommen. Darauf geht Eduardo Gudynas im vorliegenden Text ausführlich ein. Dabei zielt das Buen Vivir nicht auf eine optimalere («nachhaltige») Ausbeutung der Natur, sondern auf ein fundamentales Umdenken, einen grundlegend neuen Umgang mit der Natur, der die Komplementarität betont und in dem der Mensch die Natur nicht mehr beherrscht und unterwirft. Es handelt sich um ein historisch gewachsenes Konzept, das einen utopischen Horizont eröffnet und gleichzeitig aktuell in Politik umgesetzt wird. Das geht nicht ohne Disput, ohne ständige Interpretation und Widerspruch. Gudynas nennt es ein im Entstehen begriffenes Konzept.

In Ecuador und Bolivien können wir also zusehen, erfahren und lernen, was aus radikalen Ideen wird, wenn sie in konkrete Politik umgesetzt werden. Das interessiert im Übrigen nicht nur in Europa, sondern auch in Teilen Lateinamerikas, in denen keine starken indigenen Bewegungen dieses Konzept ins Zentrum der gesellschaftlichen Debatten katapultiert haben.

Und damit kommen wir zum zweiten Grund, der ebenfalls nicht nur auf die europäische Rezeption zutrifft: Projektionen. Buen Vivir wird häufig als Generalrezept für Antworten auf die drängenden Zukunftsfragen in Anspruch genommen, als Alternative zur neoliberalen Globalisierung, auch in Europa. Diese Haltung übersieht, dass es ein umkämpftes Konzept in Konstruktion in «armen» Ländern ist – anders gesagt, in Ländern, die wenig Spielräume auf dem kapitalistischen Weltmarkt haben. Und damit übergeht sie auch den antikolonialen Gehalt des Konzepts.

Diskussionen mit indigenen Intellektuellen, die mittlerweile zahlreich nach Europa eingeladen werden, um das begehrte Buen Vivir vorzustellen, scheitern häufig an dieser Art von Projektion. Konkret endet das meist in einer von zwei Enttäuschungen: Entweder wird das Buen Vivir missverstanden und als rückwärtsgewandtes Konzept abgetan: Subsistenzwirtschaft in indigenen Gemeinschaften sei eben kein brauchbares Wirtschafts- oder Lebensmodell für eine Stadt wie Berlin. Oder aber, die europäische akademische Gemeinschaft insistiert auf der Frage nach ableitbaren «ganz konkreten» Antworten beispielsweise für eine ökologische Wende. Nur um ebenfalls enttäuscht zu werden, denn um einfach mal auf dieser Ebene zu bleiben: Buen Vivir ist durchaus kompatibel mit Solarenergie. Nur bedeutet Solarenergie eben nicht Buen Vivir. Aus dem Buen Vivir lassen sich allenfalls Fragen ableiten für ein soziales und ökologisches Energiekonzept: Wer braucht wie viel Energie wofür? Wer produziert sie mit welchen Mitteln? Wer beteiligt sich daran, das Energiekonzept zu entwickeln?

Mit dem vorliegenden Text von Eduardo Gudynas wollen wir dazu beitragen, Buen Vivir als eigenes Konzept anzuerkennen, das aus spezifischen Kulturen und sozialen Kämpfen entstanden ist und ein grundlegendes Umdenken erfordert – und das beginnt bereits beim Begreifen des Konzepts selbst.

Buen Vivir weist zentrale europäische und kapitalistische Kategorien wie Moderne, Fortschritt, Wachstum und Entwicklung zurück. Das ist vor allem dann schwer verständlich, wenn man diese Begriffe zum Teil auch positiv besetzt. Hier kommen erneut grundlegend unterschiedliche historische Erfahrungen ins Spiel: In einem Land wie Ecuador weiß eine Mehrheit der Bevölkerung, dass Projekte für Fortschritt und Entwicklung, wie zum Beispiel die Erdölförderung, dem Land wirtschaftlich nichts eingebracht haben. Die Ergebnisse von 45 Jahren Ölförderung sind größere Armut und für die Zukunft zerstörte Lebensgrundlagen. Das würde eine Mehrheit in Ecuador von rechts bis links und von arm bis reich unterschreiben.

Buen Vivir ist gegenhegemoniales Denken. Denken gegen die hegemonialen Konzepte des industrialisierten Nordens. Das erregt aber auch im Süden Anstoß. Besonders in links regierten Ländern wie Ecuador oder Bolivien. Die Utopie eines fundamentalen Umdenkens reibt sich an der Realpolitik, die sich an möglichen Spielräumen und der Zurückerlangung von Souveränität – und eben auch Hegemonie – orientiert.

Doch in den indigen geprägten Ländern lässt sich das Buen Vivir nicht so leicht abtun, wie von manchen europäischen Intellektuellen. Es ist zu attraktiv, eigenständig und erfahrungsgesättigt. Stattdessen ist ein Kampf um die Deutungshoheit entbrannt: Kann ein Regierungsprogramm, das sich das Buen Vivir auf die Fahnen schreibt, gleichzeitig aber mit technokratischen Indikatoren und Planungszahlen hantiert, einen utopischen Gehalt besitzen? Oder einen echten Reformwillen ausdrücken?

Wenig uneindeutig ist dagegen die Strategie der US-amerikanischen Entwicklungsagentur USAID. In US-amerikanischen Ministerien werden die indigenen Bewegungen Lateinamerikas als ähnlich bedrohlich eingestuft wie islamistische Bewegungen. Im Buen Vivir wird ein Risiko für die regionale Sicherheit gesehen. Folgerichtig unterstützt USAID nach Angaben ihres Vertreters in Ecuador den Nationalen Regierungsplan für das Buen Vivir mit Projekten für Agrotreibstoffe3 – also genau die Art von Fortschritt, Entwicklung und Wachstum für den kapitalistischen Weltmarkt, die das indigene Konzept des Buen Vivir grundlegend ablehnt.

Aber auch die Glücksdebatte, die in Europa gerade so en vogue ist, hat wenig mit Buen Vivir zu tun. Denn es geht nicht um individuell gutes Leben, sondern um soziales Leben und ein neues Verhältnis zur Natur.

Eduardo Gudynas präsentiert in dem vorliegenden Artikel vor allem die indigenen Beiträge und die philosophischen Grundideen des Buen Vivir und begründet, wieso konventionelle Entwicklungstheorien und die Ideologie des Fortschritts durch das Konzept des Buen Vivir so radikal infrage gestellt werden. Er geht darauf ein, warum sich das Konzept von Wirtschaftswachstum und materiellem Konsum so entschieden distanziert.

Wir wünschen uns die Offenheit, Buen Vivir als eigenständiges, relevantes, andines Konzept zu begreifen, ohne es haftbar zu machen für eigene Interessen. Im besten Fall stellt es Gewissheiten infrage und erzeugt neue Erkenntnisse. Vielleicht ist es auch möglich, etwas vom Buen Vivir zu lernen. Zum Beispiel vom andinen Prinzip der Komplementarität. Das könnte zum Beispiel bedeuten: Auswege aus der Zivilisationskrise sehen im globalen Norden anders aus als im globalen Süden. Aber sie hängen zusammen. Wie sagte jemand auf dem Kongress «Jenseits des Wachstums»: «Wenn wir im Süden nicht mehr unsere Rohstoffe ausbeuten, dann könnt ihr im Norden nicht mehr wachsen.»

Karin Gabbert, Leiterin des Referates Lateinamerika und stellv. Direktorin Internationale Arbeit bei der Rosa-Luxemburg-Stiftung

Deutsche Übersetzung des Textes: Birte Pedersen und Miriam Lang.