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Publikation

Verlagskooperation
Autor/Innen: Ercan Ayboga, Anja Flach, Michael Knapp
Erschienen: März 2015

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Revolution in Rojava

Frauenbewegung und Kommunalismus zwischen Krieg und Embargo

Eine Veröffentlichung der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Kooperation mit der Kampagne TATORT Kurdistan

Als Anfang der 1990er Jahre der Krieg in Kurdistan auf seinem Höhepunkt war, bildeten sich auch in Deutschland Solidaritätsstrukturen, die gegen die offene Unterstützung Deutschlands für den NATO-Partner Türkei protestierten. Fernsehmagazine zeigten Bilder von toten Guerillakämpfern und Zivilisten, die von aus Deutschland gelieferten Radpanzern der ehemaligen Nationalen Volksarmee (NVA) durch kurdische Orte geschleift wurden. Dagegen gab es Demonstrationen von Zehntausenden vor dem Bürgerkrieg geflohenen Kurd_innen auf Deutschlands Straßen. Um diese Kritik und Solidarität der deutschen Bevölkerung zu unterbinden, wurde dann 1993 ein Betätigungsverbot für die Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) und Dutzende kurdische Vereine ausgesprochen, das zum Teil sein Ziel erreichte. Intellektuelle und Politiker hatten zunehmend Berührungsängste im Umgang mit der als terroristisch stigmatisierten kurdischen Befreiungsbewegung. Auch große Teile der deutschen Linken gingen aus unterschiedlichen Gründen auf Distanz.

Die Situation begann sich zu ändern, als 2003 ein vom PKK-Vorsitzenden Abdullah Öcalan auf der Gefängnisinsel Imrali geschriebenes Buch unter dem deutschen Titel »Gilgameschs Erben« erschien. Die darin formulierte Absage an jegliche – auch kurdische – Form des Nationalismus, die generelle Kritik am Staat, auch des realsozialistischen, und der Vorrang der Frauenbefreiung führte vielerorts zu Diskussionen und neuem Interesse an der kurdischen Frage. Als dann beschlossen wurde, 2009 das erste Mesopotamische Sozialforum in Diyarbakir stattfinden zu lassen, gab es parallel zu dieser Veranstaltung ein Camp, an dem sich mehrere Hundert Menschen aus Europa beteiligten. Im Austausch mit kurdischen Jugend- und Frauenorganisationen wurde die neue Idee der kurdischen Befreiungsbewegung – der Demokratische Konföderalismus – intensiv diskutiert.

Aus den dortigen Teilnehmer_innen gründete sich dann 2010 in Deutschland die Kampagne TATORT Kurdistan. Ziel war es, über die nach wie vor bestehende militärische Zusammenarbeit zwischen Deutschland und der Türkei in Kontakt zur Friedensbewegung zu kommen und gemein same Aktionen – wie etwa zum Antikriegstag am 1. September – durchzuführen. Breite Proteste und Bündnisse gab es auch gegen den Bau des Ilisu-Staudammes, der die historische Stadt Hansankeyf und zweihundert Dörfer unter Wasser zu setzen drohte. Ermöglicht wurde dieses Projekt hauptsächlich durch die Zusammenarbeit deutscher, schweizerischer und österreichischer Banken und Baufirmen. Aber angeregt durch die Diskussionen beim Mesopotamischen Sozialforum beschäftigten sich die an der Kampagne TAT ORT Kurdistan beteiligten Personen weiter intensiv mit dem demokratischen Konföderalismus und seiner Umsetzung in Nordkur distan. Im September 2011 bereiste dann eine zehnköpfige Gruppe von TAT ORT Kurdistan verschiedene Städte und Dörfer in den kurdischen Gebie ten der Türkei. Bei Gesprächen mit zahlreichen Kooperativen, Akademien sowie Frauen- und Jugendorganisationen erhielt die Gruppe einen Eindruck, wie sich die kurdische Bevölkerung basisdemokratisch selbst organisierte, ohne auf Zugeständnisse durch den türkischen Staat zu warten. Diesem waren die Aktivitäten ein Dorn im Auge, sodass zum Zeitpunkt der Rundreise ein großer Teil der politisch Aktivsten im Rahmen der KCK-Verfahren in türkischen Gefängnissen saßen. Die Eindrücke der Gruppe und zahlreiche Interviews erschienen 2012 als Broschüre »Demokratische Autonomie in Nordkurdistan«.

2012 gelang es den Kurd_innen in Syrien im Machtvakuum des syrischen Bürgerkriegs, sich größtenteils von der Fremdherrschaft der regierenden Baath-Partei unter Präsident Assad zu befreien. Umgehend wurde mit der Umsetzung des Demokratischen Konföderalismus in den drei Regionen (Kantonen) Rojavas, Afrîn, Kobanî und Cizîrê, unter Kontrolle der Bevölkerung begonnen. Die Kurd_innen errichteten in diesen Gebieten zusammen mit den verschiedensten ethnischen und religiösen Bevölkerungsgruppen unter Kriegsbedingungen die Selbstverwaltung. Zusätzlich wurde das Projekt durch Hunderttausende Kriegsflüchtlinge aus anderen Teilen Syriens und ein wirtschaftliches Embargo sowohl durch die Türkei, an welche die Kantone Rojavas angrenzen, als auch durch die kurdische Autonomieregion im Nordirak aufgrund innerkurdischer Rivalitäten erschwert. Mit logistischer Unterstützung durch die Türkei vermehrten sich auch schnell die Angriffe islamistischer Milizen wie der Al-Nusra-Front und des Islamischen Staates (IS) auf die kurdischen Kantone. Unter schwierigen Bedingungen gelang es der Autorin und den Autoren dieses Buches, sich im Mai 2014 vier Wochen lang im Kanton Cizîrê aufzuhalten und zahlreiche Gespräche zu führen. Ihre Eindrücke und Recherchen bilden den Inhalt dieses Buches. Wenige Monate nach ihrer Abreise rückte dann der Kanton Kobanî über Wochen ins Zentrum des Weltinteresses. Mit modernsten, von der irakischen Armee erbeuteten Waffen griff der IS Kobanî in der Hoffnung an, die Stadt, wie bei den vorherigen Feldzügen, in wenigen Tagen einnehmen zu können. Doch der aufopferungsvolle Widerstand der kurdischen Verteidigungskräfte YPG und YPJ konnte die Angreifer aufhalten und nach mehrmonatigen Kämpfen und der dem Druck der Weltöffentlichkeit geschuldeten Luftangriffe einer von den USA geführten Koalition vertreiben. Am 1. November 2014 beteiligten sich weltweit Hunderttausende an Solidaritätsaktionen mit Kobanî.

Wie kann es weiter gehen mit der Solidarität? Zuerst einmal hat der Wiederaufbau vom inzwischen wieder befreiten Kobanî und die Rückkehr der dort Vertriebenen Priorität. Dazu muss Druck auf die Türkei ausgeübt werden, wie von der dortigen Bevölkerung gefordert, einen humanitären Korridor zur Versorgung einzurichten. Innenpolitisch muss in Deutschland das nach wie vor bestehende Betätigungsverbot der PKK aufgehoben werden, auch wenn es die syrisch-kurdischen Organisationen PYD und YPG bislang noch nicht unmittelbar betrifft. Es stellt sich für die deutsche Linke natürlich auch die Frage, welche Entwicklungen in Rojava übertragbar sind. Die Anknüpfungspunkte an die europäische rätedemokratische Tradition der Arbeiterbewegung wie etwa die Pariser Kommune von 1871 oder die Novemberevolution von 1918 unter der Führung von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg sind durch den Faschismus und den danach herrschenden Antikommunismus zum großen Teil verschüttet worden. Die Revolution in Rojava kann hier als Katalysator dienen, sich wieder mit gesellschaftlicher Selbstorganisation ohne die Allmacht des Staates zu befassen. Wie weit entfernt Europa trotz aller individueller Freiheiten von wirklicher Demokratie ist, zeigen aktuell die Erpressungsversuche des Finanzkapitals gegen die frisch gewählte linke Regierung in Griechenland.

Die gesamte Publikation im PDF.

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Das gedruckte Buch ist bei VSA: Verlag erhältlich.

© 2., verb. Aufl. VSA: Verlag 2015, St. Georgs Kirchhof 6, 20099 Hamburg
Druck und Buchbindearbeiten: CPI books GmbH, Leck
Die Fotos im Buch stammen mit einer Ausnahme von den AutorInnen selbst.
ISBN 978-3-89965-665-7