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Publikation

Reihe Analysen
Autor/Innen: Volkmar Wölk
Erschienen: November 2016

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Zur Renaissance der europäischen Konservativen Revolution

Analysen von Volkmar Wölk

Ein Gespenst geht um in Europa, das Gespenst der Konservativen Revolution. Ob der Wissenschaftler Hajo Funke, der den Einfluss der verschiedenen Strömungen der Konservativen Revolution auf Teile der AfD beschreibt, ob sein Kollege Claus Leggewie, der – wenig überzeugend – betont, es handele sich um «Anti-Europäer», und in einem Rundumschlag den norwegischen Terroristen Anders Breivig, den russischen Propagandisten des Eurasiertums Alexander Dugin und den radikalislamischen Theoretiker Abu Musab al-Suri unter diesem Label zusammenfasst, oder Volker Weiß, der ausführt, der Rückgriff auf dieses Ideologienbündel der Weimarer Zeit erfolge auch, um das «Dritte Reich» aus der Traditionsbildung ausschließen zu können. Es handele sich um einen «geistigen Erinnerungsort der ‹Neuen Rechten›». Ergänzt werden sollte, dass die Beschreibung als «Erinnerungsort» nur eine Facette erfasst, denn die sich Erinnernden arbeiten zugleich an einer Aktualisierung und gelegentlich sogar Weiterentwicklung ebendieses Gedankenguts. Vorbei die Zeiten, da Ideologen der «Neuen» Rechten die Begrifflichkeit für ihre Ahnengalerie durchaus kritisch durchleuchteten, beispielsweise Markus Josef Klein, der die Konservative Revolution als «Chimäre» abtat, oder der damalige nationalrevolutionäre Vordenker Henning Eichberg, der sie schlicht als «Unsinn» abqualifizierte, denn es erbringe «diese Begriffsmontage keinen Erkenntnisgewinn». Heute sonnen sich stattdessen junge Vertreter dieser «Neuen» Rechten im Glanz der Autoren vergangener Zeiten und kokettieren mit ihrer Lektüre: «Gelassen in den Widerstand: Ein Gespräch über Heidegger».

In Krisenzeiten, die nicht nur soziale und politische Verwerfungen zur Folge haben, sondern stets auch ideologische Umbrüche hervorbringen, bietet sich der Rückgriff auf bekannte Phänomene zur Beschreibung neuer Entwicklungen an. Vorstellungswelt und Habitus von Donald Trump legen die neuerliche Lektüre der Studien von Richard Hofstadter über den «paranoiden Stil in der amerikanischen Politik» nahe. Und wenn die AfD-Vorsitzende Frauke Petry im Interview verkündet, man müsse den Begriff «völkisch» rehabilitieren, und apodiktisch fordert: «Dann sollten wir daran arbeiten, dass dieser Begriff wieder positiv besetzt ist. Volk mit Rassismus zu konnotieren, halte ich für falsch», dann darf man ihr nicht so viel historisches Unwissen zutrauen, dass ihr nicht vollkommen bewusst ist, dass «völkisch» von Anfang an vor allem radikal-nationalistisch und rassistischantisemitisch geprägt, vom «Blut und Boden»-Denken getränkt war, von Anfang an innerhalb der Staatsgrenzen lebende Menschen aus dem «Volk» ausschloss und dass «völkisch» im englischen und französischen Sprachraum mangels eines eigenen Begriffs mit «racist» oder «racial» übersetzt wird. Nein, zu auffällig ist der Gleichklang mit ihrem Medienberater Michael Klonovsky, der wenige Tage zuvor in seinem Webtagebuch «acta diurna» die Frage nach den Gründen für die geringe Resonanz der Paralympics mit dem Satz beantwortet hatte: «Weil Sport die Feier des gesunden, schönen, erotischen, athletischen Körpers ist.» Genau das ist völkisches Denken par excellence.

Die Ideologie(n) der Konservativen Revolution hat oder haben offenkundig ebenso Hochkonjunktur wie der politische, wissenschaftliche und mediale Diskurs über sie. Inzwischen hat sogar das Bundesamt für Verfassungsschutz mit der Identitären Bewegung erstmals seit langen Jahren wieder eine Struktur der «Neuen» Rechten ins Visier genommen. Seitdem die Aufmärsche der Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes (Pegida) in der medialen und wissenschaftlichen Öffentlichkeit angelangt sind, seitdem mit der Ablösung Bernd Luckes als Vorsitzendem der AfD deren Anteil an Ideologie der extremen Rechten nicht mehr zu übersehen war, hält die Debatte um die Charakterisierung dieser neuen extremen Rechten an. Klarheit hat sie nicht gebracht. Wahlweise wird von «Rechtspopulismus» oder der «Neuen Rechten» gesprochen, wahlweise wird auf die NS-Ideologie oder auf die Konservative Revolution verwiesen, wahlweise eine Charakterisierung als «anti-europäisch» oder «asylkritisch» vorgenommen. Und so schillernd die bevorzugten Termini sind, so widersprüchlich sind die Inhalte, mit denen sie gefüllt werden.

Wenn Hajo Funke auf die Konservative Revolution als Quelle jener neuen rechten Bewegung verweist, auf jenen von Armin Mohler geprägten Begriff, jenen «Kunstgriff, der mit einigen gewagten Konstruktionen, Auslassungen und Legenden aufwartet», so trifft dies zweifellos ebenso zu wie die Warnung, es greife zu kurz, diese neue rechte Bewegung als faschistisch und rassistisch zu stigmatisieren. Letzterem Einwand ist selbst dann zuzustimmen, wenn wir berücksichtigen, dass Mohler selbst, nach seinem politischen Standort befragt, ein wenig kokett antwortete, er sei ein «Faschist im Sinne von José Antonio Primo de Rivera». Faschismus sei für ihn, «wenn enttäuschte Liberale und enttäuschte Sozialisten sich zu etwas Neuem zusammenfinden. Daraus entsteht, was man Konservative Revolution nennt.» Ein dergestalt definierter Faschismus umschifft in der Tat die Klippe «NS-Regime» als Erinnerungsort der extremen Rechten und stellt ihn in den Kontext eines Phänomens, das für die Gegenwart bevorzugt als «Querfrontstrategie» beschrieben wird.

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Inhalt

  • «Im liberalen Menschen erkennt die deutsche Jugend den Feind»
  • Auf der Suche nach der Konservativen Revolution
  • Moeller van den Bruck: Einheitsfront der Revolutionäre von rechts und links
  • Die Konservative Revolution als europäisches Phänomen oder als Chimäre?
  • «Gesellschaft des Spektakels» und identitäres Spektakel
  • Tumult: «Das Schillern der Revolte»
  • Auf der Suche nach dem «Katechon Europa»
  • Literatur