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Publikation

Reihe Materialien
Herausgeber/Innen: Peter Schäfer, Tanja Tabbara
Erschienen: Februar 2017

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Dialog mit dem politischen Islam III

Reihe «Materialien», Nr. 20 von Peter Schäfer und Tanja Tabbara (Hrsg.)

Die Reihe «Dialog mit dem politischen Islam» befasst sich mit der Frage, welche Rolle der Islam für die politische Verfasstheit und demokratische Entwicklung ausgewählter Regionen spielt. Sie begann im Dezember 2014 mit der Darstellung von zwei unterschiedlichen linken Positionen, die sich jeweils für und gegen einen Dialog mit moderaten islamistischen Kräften aussprachen. In der zweiten Veröffentlichung vom Juni 2016 beschrieben AutorInnen, die sich seit Jahren mit dem Thema Islamismus beschäftigen, warum Linke mit denjenigen islamistischen Kräften, die heute zum Teil linke Kernthemen wie soziale Gerechtigkeit besetzen und verhandeln, in einen kritischen Dialog treten sollten.

Diese dritte Ausgabe nun befasst sich mit drei Ländern – Israel, Senegal und Tunesien –, in denen Religion eine große gesellschaftliche und politische Bedeutung hat. Eine Positionierung innerhalb des religiösen Kontexts ist hier Teil des politischen Geschäfts. Für die Linke und andere Kräfte, die für Säkularismus bzw. Laizismus eintreten, war die Vernachlässigung der gesellschaftlichen Funktion und Rolle von Religion einer der Gründe für schwindende Popularität in Ländern der arabischen Welt und darüber hinaus. Religiöse Kräfte sind in vielen sozialen Bereichen aktiv und vertreten zum Teil Positionen, die auch Linke befürworten.

Der erste Beitrag befasst sich mit der Gemeinsamen Liste in Israel, einer Wahlallianz aus Linken und IslamistInnen. Hana Amoury und Tsafrir Cohen beschreiben in ihrem Artikel, dass politische Zugehörigkeit nicht nur auf Überzeugung beruht, sondern oft innerhalb der Familie «vererbt» wird. So kommen politische Zusammenhänge und Koalitionen zustande, deren Mitglieder in Bezug auf Ideologie, Werte oder spezifische Positionen hochgradig heterogen sind. Menschen nach Parteizugehörigkeit einzuteilen erweist sich hierbei als eine eingeschränkte Sicht der Dinge. Dazu kommt, dass Parteien und zivilgesellschaftliche Organisationen, die in religiös-konservativ dominierten Gegenden arbeiten wollen, dies nur mit der Zustimmung örtlicher anerkannter Autoritäten tun können. Der Text über die Gemeinsame Liste in Israel zeigt am Beispiel einer Solidaritätsdemonstration für Frauenrechte, dass Koalitionen mit islamischen Würdenträgern die Bündnis- und Mobilisierungsfähigkeit erhöhen.

Der Senegal ist mit zwei Beiträgen vertreten. Der Artikel von Ibrahima Thiam diskutiert die Funktion islamischer Bruderschaften bei der Lösung gesellschaftlicher Konflikte sowie ihre historische Genese im antikolonialen Widerstand. Der Text konzentriert sich auf die wichtige Rolle sufischer Organisationen und Bewegungen. Sie «formen den Islam im Senegal, » schreibt Ibrahima Thiam, was bereits im Vergleich mit den meisten arabischen Ländern, in denen sufische Gemeinden eher eine marginale Rolle einnehmen und teils von salafistischen Gruppen bekämpft werden, auf die Heterogenität des politischen Islam hinweist. Das Interview mit Mamadou Diouf vertieft diese Analyse und beschreibt die stabilisierende Interaktion zwischen den Sufi-Bruderschaften und der staatlichen Ebene. Diouf bezeichnet die Bruderschaften als Grund für das Überleben des sich in einer wirtschaftlichen Dauerkrise befindlichen Staats, sieht sie jedoch auch als Bremsklötze für demokratische Entwicklungen.

Saida Ounissi von der tunesischen al-Nahda Partei ist seit August Staatssekretärin für Berufsbildung im Ministerium für Arbeit in Tunis. Das Gespräch mit ihr konzentriert sich auf ihre Erfahrungen als Muslimin in Frankreich, wo sie aufwuchs und sich mit Fragen der Integration beschäftigte. Sie plädiert für die Einbeziehung und stärkere politische, auch vermittelnde Rolle muslimischer (und anderer religiöser) Gemeinschaften in europäischen Gesellschaften. Ounissi sieht gläubige MuslimInnen innerhalb eines christlich-geprägten Europas mit als treibende Kräfte für die Wiederbelebung humanistischer moralischer Werte in einer Zeit, in der Sinn- und Wertekrisen dominieren, religiöse Werte als politische Leitlinien nicht mehr salonfähig sind, das Vertrauen in demokratische Institutionen abnimmt und die Suche nach moralischen Maßstäben derzeit in vielen Ländern zu einer Renaissance nationalistischer Strömungen führt.

Berlin, im Dezember 2016
Peter Schäfer, Leiter des Nordafrika-Büros der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Tunis
Tanja Tabbara, Leiterin des Afrika-Referats der Rosa-Luxemburg-Stiftung

Die AutorInnen

  • Hana Amoury ist Projektmanagerin im Büro der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Israel
  • Tsafrir Cohen ist Leiter des Büros der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Israel
  • Odile Jolys ist freie Journalistin in Dakar
  • Dr. Ibrahima Thiam arbeitet seit 2010 für das Westafrika-Büro der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Dakar