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90. Jahrestag der Novemberrevolution

Karl Liebknecht ruft vom Balkon des Berliner Schlosses die sozialistische Republik aus: 9. November 1918

Flugblatt des im Vorwärtsgebäude gebildeten Arbeiter- und Soldatenrats der SPD 9. November 1918.

Gedenkafel am Gewerkschaftshaus Kiel zur Novemberrevolution 1918 [Arne List/flickr]

Die SPD-Führung, die vier Jahre lang die Hinmordung von Millionen Arbeitern auf den Schlachtfeldern des Weltkrieges unterstützt hatte, war am 3. Oktober 1918 für ihre Treue belohnt worden: mit dem Eintritt in die Regierung. Sie hatte damals geglaubt, damit endlich ihr Ziel, eine Machtteilung zwischen alter Gesellschaft und proletarischer Gegengesellschaft, erreicht zu haben. Deshalb war sie, als im November 1918 eine revolutionäre Soldatenbewegung diese Machtteilung wegfegte, ein Bündnis mit der entmachteten Reichswehrführung eingegangen und hatte so für die deutschen Eliten den Militarismus gerettet.

Die »Spartakusgruppe«, die jahrelang für die Revolution gearbeitet hatte, übte trotz ihrer aufopfernden Antikriegsarbeit auf diese Revolution höchstens marginalen Einfluß aus. Sie kam erst zum Zuge, als alles schon vorbei war: der Kaiser geflohen, der Krieg beendet, die Republik ausgerufen, der Achtstundenarbeitstag eingeführt, das Dreiklassenwahlrecht aus Preußen verschwunden. So schnell, wie die Soldatenbewegung entstand, zerfiel sie wieder – in Ehemänner und Söhne, die nur noch eines wollten: heim.

Die Linke um Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg, fixiert auf eine ermüdete Arbeiterschaft, von der sie kurzzeitig geglaubt hatte, sie sei revolutioniert, begriff zu spät, daß die Arbeiterschaft in ihrer Mehrheit nicht nur keine Revolution wollte, sondern sogar mit der Republik, die ihr die Soldatenbewegung hinterlassen hatte, nichts Ernsthaftes anfangen konnte. Diese Republik war kein Kind der Arbeiterbewegung. Die SPD-Führung, mit der Machtteilung zufrieden, hatte sie nicht gewollt. Auch die USPD, auf die Beendigung des Krieges fixiert, hatte sie nicht gewollt. Und die »Spartakusgruppe«, die antikapitalistische Revolution im Sinn, hatte sie ebenfalls nicht gewollt.

Für die proletarischen Massen war politisch höchstens das Dreiklassenwahlrecht in Preußen ein Problem gewesen – und das hätte auch in einer konstitutionellen Monarchie gelöst werden können. Den Deutschen war die brandenburgisch-preußische Monarchie samt der anderen dynastischen Herrscher eher aus Versehen abhanden gekommen. Frieden und Brot sowie etwas modernisierte, weltoffenere politische Verhältnisse waren eigentlich alles, was sie wünschten. Statt dessen bekamen sie eine Republik, mehrere Jahre bürgerkriegsähnliche Zustände und am Ende auch noch eine galoppierende Inflation, die die Mittelschichten bis aufs Hemd enteignete und in den Städten die Menschen vor Hunger dahin trieb, Pferde bei lebendigem Leibe zu zerlegen. (aus: interner Link folgt»Rosa Luxemburg oder: Der Preis der Freiheit« von Jörn Schütrumpf)

 

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