Dokumentation Gegenkultur als neue Regierung?

»Frisst der Kapitalismus seine Kinder? Nein, er verstrickt sie in Projekte.« (Luc Boltanski). Das zweite 'Forum Moderne Linke' beschäftigt sich mit dem Widerspruch linken Autonomiestrebens und dessen Vereinnahmung durch Staat und Wirtschaft.

Information

Veranstaltungsort

Haus der Wissenschaft
Sandstraße 4/5
28195 Bremen

Zeit

30.06.2007

Mit

Arndt Neumann (Historiker, Hamburg), Peter Birke (Historiker, Gruppe Blauer Montag Hamburg), Gisela Notz (Frauenforscherin, Bonn), Volker Donk (Mitarbeiter Netzwerk Selbsthilfe e.V., Bremen), Ulrich Steinmeyer (Betriebswirt)

Themenbereiche

Kultur / Medien, Soziale Bewegungen / Organisierung

Zugeordnete Dateien

 

Auswertung und Dokumentation

Forum Moderne Linke 2

Gegenkultur als neue Regierung?

Samstag 30. Juni 2007, 14 bis 18 Uhr, Haus der Wissenschaft, Bremen

Wie oft im wirklichen Leben, ist es paradox. Im Diskurs der LINKEN sind gegenkulturelle und alternativökonomische Ansätze von Aneignung, Autonomie und Selbstverwaltung unterrepräsentiert oder erst gar nicht vorhanden. Es wäre zu begrüßen, so die Überlegungen der Rosa Luxemburg Initiative Bremen als Veranstalter, wenn die politische Linke auch diesen Strang als unverzichtbaren Bestandteil ihrer Tradition begreifen würde.

Gleichzeitig ist nicht zu übersehen, dass diese Vorstellungen mittlerweile als Bestandteil des Postfordismus kritisch zu hinterfragen sind. In und durch die sozialen Bewegungen der letzten 30 Jahre wurde das Normalarbeitsverhältnis, soweit es bestand, durch Kämpfe von unten und Strategien von oben aufgekündigt. Die Hegemonie des Neoliberalismus besteht heute eben auch darin, dass er Bedürfnisse von unten (nach Geschlechtergerechtigkeit, Flexibilität in der eigenen Lebensgestaltung etc.) aufgegriffen und in seine Sprache übersetzt und transformiert hat.

Das Inputreferat von Arndt Neumann und Peter Birke aus Hamburg gab einen ausführlichen Rückblick auf die anti-tayloristischen und anti-fordistischen Revolten der 1960er und 1970er Jahre (gegen Kleinfamilie, Hierarchien und Fabrik). Angelehnt an den theoretischen Rahmen des Übergangs von der Disziplinar- zur Kontrollgesellschaft stellten die Referenten fest, dass diese Revolten zu mehreren Entgrenzungen geführt haben: Die beiden wichtigsten sind die Entgrenzung der Arbeitszeit und die des Arbeitsortes. Heute sei es nicht mehr so leicht möglich, den Arbeitsort sehr vieler Beschäftigter und (neuer) Selbständiger zu benennen, ebenso schwierig sei eine Bestimmung der Arbeitszeit. Überlegenswert sei, ob heute nicht zutreffender von bezahlter und unbezahlter Arbeitszeit zu sprechen ist. Ehemals gegenkulturelle und alternativökonomische Ansätze – wie etwa Netzwerke, Team- und Projektarbeit, Empowerment, Selbsthilfe, Dezentralisierung oder das Einbringen von Subjektivität und Kreativität in die Arbeit – sind mittlerweile Bestandteil „normaler“ Arbeitsverhältnisse und staatliche Strategien. Das emanzipativ kodierte Streben nach „Autonomie“ und Selbstbestimmung hat zu einer neuen Form der Selbstregierung geführt und damit zu einer Verfeinerung von Herrschaft beigetragen. Neumann wies darauf hin, dass die Forderungen von „damals“ heute angesichts der Transformation der Gesellschaft nicht mehr praktikabel seien. Damals hatten alternative Ansätze eine weit höhere Attraktivität als heute, da die vorherrschenden Arbeitsbedingungen weit unattraktiver gewesen waren.

Gisela Notz, sah die Situation nicht so kritisch, und stellte dar, dass die These der Vereinnahmung die Gegenkultur zeit ihrer Existenz begleitet habe. Die Gründung von Alternativbetrieben sei historisch gesehen oft ein eher theoriearmes Unterfangen und mehr eine Strategie von Kollektiven und GründerInnen gewesen, die an ebenbürtigen Lebens- und Arbeitsformen im Hier und Jetzt arbeiten wollten. Die Aufweichungen des patriarchalen Kapitalismus in Geschlechterfragen, die von Neumann und Birke sehr kritisch dargestellt wurden, bezeichnete Notz als auch positiv Sie erinnerte zum Beispiel an die Kinderladenbewegung, die starken Einfluss auf die institutionelle Kinderbetreuung hatte und an die Frauenbewegung, die die Gesetzgebung der 1970er Jahre wesentlich beeinflusst hat und schließlich auch zu einer Akzeptanz von vielfältigen Lebensweisen geführt habe. Es dürfe auch nicht vergessen werden, dass sich „das Neue“ immer aus „dem Alten“ bilde, und die AkteurInnen der Selbstverwaltungsbewegung ihre Sozialisation mitbringen und in die Projekte und Betriebe hineintragen. Alternativprojekte seinen kein Allheilmittel, erst recht nicht gegen Massenerwerbslosigkeit, sondern Experimenterfelder für ökologisches und demokratisches Wirtschaften und kollektive Entscheidungsstrukturen.und das sei gut so. Möglicherweise tragen sie ihre Anschauungen in immer weitere Kreise und machen auf die wirtschaftlichen und sozialen Mängel der Gesellschaft aufmerksam. Dazu brauchen sie die Unterstützung der WissenschaftlerInnen.

Ulrich Steinmeyer, der über langjährige persönliche Erfahrungen im genossenschaftlichen Wohnen und selbstverwalteten Arbeiten verfügt und Mitglied des Landesvorstandes der LINKEN in Niedersachsen ist, wies auf die Tatsache hin, dass gesellschaftliche Alternativen heute rar seien. Veränderungen seien nur schrittweise möglich. Er plädierte dafür, die Gewerkschaften stärker in die Pflicht zu nehmen, auch wenn nicht zu übersehen sei, dass vor allen in den gewerkschaftsnahen Strömungen der LINKEN „alternative“ Vorstellungen immer noch mit Klischees begegnet würde. So würden dort „freie Schulen“ als „Privatschulen“ diffamiert, anstatt deren Potentiale und Erfahrungen zu diskutieren.

Die Debatte war von unterschiedlichen, teilweise generationell geprägten Erfahrungen gekennzeichnet. Schnell geriet auch die Frage der Bewertung von alternativökonomischen Projekten in den Fokus. Sind diese gescheitert, oder waren sie erfolgreich? Oder hatten sie gar nicht so weitgehende Forderungen wie ihnen heute unterstellt wird? Ist jede „anti-fordistische“ Bewegung auch per se „alternativ“ oder „links“? Was ist mit der inneren Differenzierung der Projekte, wurden diese durch Kommerzialisierung und Professionalisierung nicht in Gewinner und Verlierer aufgespalten, zwischen den Projekten und auch innerhalb der Projekte und Initiativen selbst? Wird über schlechte Arbeitsbedingungen, die in der feministischen Bewegung unter dem Stichwort „Hausfrauisierung der Arbeit“ schon lange kritisiert werden, unter dem modischen Label „Prekarisierung“ eigentlich erst debattiert, seit sie auch Männer betreffen? Wäre nicht das verbindende die allerorts anzutreffende Verschlechterung der Arbeitsverhältnisse?

Die Veranstaltung war der ein kleiner Beitrag dazu, die existierenden gegenseitigen Klischees etwas zu hinterfragen. Und ein kleiner Beitrag dazu die innenpolitische Hauptaufgabe der LINKEN und auch der sozialen Bewegungen ins Bewusstsein zu rufen: Systeme sozialer Sicherungen und Rechte zu entwerfen, die den unterschiedlichsten Bedürfnissen und Lebenslagen Rechung tragen.

PodiumsteilnehmerInnen:

Arndt Neumann (Historiker, aktiv im EuroMayDay, Hamburg), Peter Birke (Historiker, Gruppe Blauer Montag Hamburg), Gisela Notz (Familien- und Frauenforscherin, Bonn), Ulrich Steinmeyer (Betriebswirt, mittelständischer Öko-Unternehmer und Mitglied des Stadtrats für Neue Ökologische Linke in Verden/Niedersachsen)

Moderation: Bernd Hüttner Regionalmitarbeiter Bremen der RLS

Hinweis zu weiteren Materialien:

Das Eingangsreferat von Birke und Neumann wird voraussichtlich in Utopie Kreativ veröffentlicht werden.

Von Arndt Neumann wird, gefördert von der RLS, in diesem Jahr eine Buchpublikation zur historischen Entwicklung der westdeutschen Alternativbewegung 1975 bis 1985 erscheinen.

Links zum Thema:

Luc Boltanski: Leben als Projekt. Prekarität in der schönen neuen Netzwerkwelt

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Website des Kongresse zu Solidarischer Ökonomie im November 2006:

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