Dokumentation Kommt der Streik zurück?

Die Podiumsveranstaltung von RLS und AK Strategic Unionism mit Daniel Behruzi, Detlef Hensche, Sylvi Krisch und Peter Renneberg spürte erfolgreichen Arbeitskämpfen nach. Am folgenden Seminartag konnten Studierende über Schlussfolgerungen für die eigene Forschung diskutieren.

Information

Zeit

24.06.2011

Veranstalter

Fanny Zeise,

Mit

Daniel Behruzi (Journalist und Promotionsstipendiat der RLS), Prof. Dr. Frank Deppe (Uni Marburg, angefragt), Carmen Ludwig (stellv. GEW-Vorsitzende Hessen), Fanny Zeise (RLS) u.a.

Themenbereiche

Ungleichheit / Soziale Kämpfe, Gesellschaftstheorie

«Der Streik ist von Nöten. Auch als demokratisches Aufbegehren in diesem Land.» stellte der ehemalige Vorsitzende der IG Medien Detlef Hensche auf der Veranstaltung «Kommt der Streik zurück?» von RLS und AK Strategic Unionism vor über 50 Teilnehmerinnen und Teilnehmern am 24. Juni fest. «In unserer kapitalistischen Wirtschaftsordnung ist der Streik ein Fremdkörper und muss immer neu erstritten werden, auch um den Gewerkschaften Autorität zu verschaffen.» umriss er die Aufgabe von Beschäftigten und ihren Gewerkschaften.

Sylvi Krisch, Streikleiterin an der Charité Berlin, und Peter Renneberg, Organizing-Berater, behandelten die Frage, wie Streiks heute geführt werden müssen, um erfolgreich zu sein.

Renneberg zu Folge sei eine gründliche strategische Planung von Arbeitskampfmaßnahmen notwendig, bei der zwei Elemente geprüft werden müssten:

  1. Wie kann der Arbeitgeber am besten unter Druck gesetzt werden?
  2. Wie werden möglichst viele Beschäftigte aktiv?

Zum Streiken gehöre Mut betonte Renneberg und stellte einige Aktionsformen vor, mit deren Hilfe Beschäftigten nach und nach Angst und Unsicherheit überwinden und ein Gefühl gemeinsamer Stärke entwickeln können. Renneberg kritisierte den mangelnden Fokus der Gewerkschaften auf die Selbstaktivität ihrer Mitglieder. «Organizing darf nicht nur ein neues Wort für Mitgliederwerbung sein. Die Gewerkschaften selbst müssen sich ändern.»

Dieses Fazit zog auch Sylvi Krisch aus den Erfahrungen des erfolgreichen Charité-Streiks: «Wir haben die Vertreterrolle der Gewerkschaften abgelegt und mehr Transparenz und Beteiligung der Beschäftigten erreicht.»  Der Organisationsgrad in der Charité habe lange unter 20% gelegen. Keine gute Voraussetzung um einen Streik zu riskieren. Die hohe Beteiligung am Arbeitskampf habe dann alle überrascht. Vorausgegangen sei allerdings eine zweijährige Vorbereitungsphase in der ver.di die Beschäftigten zu ihrer Arbeitssituation und ihren Forderungen befragte und ein Streik-Team im Betrieb aufbaute. Das Ergebnis kann sich sehen lassen: Ein guter Tarifabschluss und ein Zuwachs von ca. 1000 ver.di-Mitgliedern.

Neben einigen Berliner Gewerkschafterinnen und Gewerkschaftern beteiligten sich Studierenden aus Berlin, Gießen, Jena und Duisburg an der Diskussion, die vorher das Uni-Seminar «Soziologie und politische Theorie des Arbeitskampfes» der Lehrvernetzung des AK Strategic Unionism besucht hatten.

RLS und AK Strategic Unionism hatten die Seminarteilnehmerinnen und -teilnehmer zu einem gemeinsamen Seminartag in Berlin geladen, um die Diskussion über Arbeitskämpfe zu intensivieren und mehr junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler für die Arbeit des Arbeitskreises zu interessieren. Carmen Ludwig und Luigi Wolf stellten den fast 50 Studierenden zunächst den vor einem Jahr wiedergegründeten Kreis vor, dessen Vorläufer im Jahr 2008 die Literaturstudie «Strategic Unionism: Aus der Krise zur Erneuerung der Gewerkschaften?» herausgab. Darin wird ein Forschungsprogramm umrissen, dass die Suche nach Strategien und Ansätzen gewerkschaftlicher Revitalisierung eröffnet. Theoretische Grundlage ist der in Jena entwickelte Machtressourcenansatz, der zwischen struktureller Macht, Organisationsmacht und institutioneller Macht von Gewerkschaften unterscheidet. Der Ansatz geht davon aus, dass Gewerkschaften eine strategische Wahl zwischen verschiedenen Handlungsoptionen haben und nicht unmittelbar von äußeren Rahmenbedingungen bestimmt werden. Um die Diskussion des Machtressourcenansatzes weiter zu entwickeln, wurde auf dem Seminartag der Fokus auf die handelnden Subjekte gelegt.

Colin Barker von der Universität Manchester stellte das Instrumentarium sozialer Bewegungsforschung vor und empfahl es zur Analyse von Arbeitskonflikten und Protesten von Gewerkschaften.  Er ergänzte die Begriffe an Hand marxistischer Analysekategorien und trat für eine Forschungsperspektive ein, die die Entwicklung von Identitäten, Strategien und Führungsfiguren innerhalb von Bewegungen als dialogisches Verhältnis in der Tradition des Sprachphilosophen Voloshinov begreift. Zudem plädierte er für einen intensiven Austausch zwischen Wissenschaft und Bewegungsaktiven und warnte vor einer vorgeblichen Neutralität. Die spannenderen Forschungsfragen seien diejenigen, die sich Bewegungen selbst stellen, so Barker.

Nach der Mittagspause präsentierte Catharina Schmalstieg ihr Konzept von Gewerkschaften als Handlungsplattform, dass sie im Zuge ihrer empirischen Forschung entwickelt hatte, um die Organisierungsversuche der US-amerikanischen Gewerkschaft SEIU im Bereich prekär Beschäftigter im Sicherheitsgewerbe zu fassen. Dabei beleuchtete sie den komplexen, von den Gewerkschaften angestoßenen Prozess, in dessen Verlauf Beschäftigte von individueller Unzufriedenheit mit ihrer Situation zu einer kollektiven Handlungsperspektive gelangen.

Tine Haubner von der Universität Jena diskutierte soziologische Theorien zur Frage der Handlungsfähigkeit prekär Beschäftigter.

Der Promotionsstipendiat der RLS, Luigi Wolf, stellte Ausschnitte Georg Lukács bis heute in Deutschland unveröffentlichter Verteidigungsschrift seines philosophischen Hauptwerkes «Geschichte und Klassenbewusstsein» vor. Mit der Theorie des Moments und dem Konzept der Zuschreibung hob Wolf zwei Begrifflichkeiten heraus, mit denen Lukács einen Marxismus begründete, der revolutionärer Subjektivität eine entscheidende Rolle zuweist.

Um einen Einblick in empirische Forschung zu vermitteln, stellte Ingo Matuschek von der Universität Jena abschließend einige Beschäftigtenbefragungen in Großbetrieben vor. Neben interessanten Ergebnissen zum Bewusstsein der Beschäftigten, ihrem Blick auf Gesellschaft, Betrieb und Gewerkschaft thematisierte er auch die Schwierigkeiten des Feldzuganges.

Während im Wissenschaftsbetrieb meist jeder auf sich selbst gestellt ist, ist mit dem AK Strategic Unionism eine kollektive Diskussions- und Arbeitsstruktur entstanden. Neben den regelmäßigen Diskussionstreffen, der Lehrvernetzung und dem Seminartag war der Arbeitskreis für ein Panel einer wissenschaftlichen Tagung an der Universität Jena verantwortlich. Der Arbeitskreis umfasst mit ca. 30 Personen sowohl Doktorandinnen und Doktoranden als auch Studierende verschiedener Universitäten und versammelt Stipendiatinnen und Stipendiaten der Hans-Böckler-Stiftung und der Rosa-Luxemburg-Stiftung und lädt weitere Interessierte herzlich zur Mitarbeit ein.

Kontakt: AG_STRATEGIC_UNIONISM@UNI-JENA.DE

 

Presse:

  • «Den Staat zu rufen, ist antigewerkschaftlich»
    Das Scheitern der DGB/BDA-Initiative zur »Tarifeinheit« war überfällig. Ein Gespräch mit Detlef Hensche
    junge Welt, 23.6.2011
  • Recht auf Streik
    Gewerkschafter und Wissenschaftler plädieren bei einer Veranstaltung der Rosa-Luxemburg-Stiftung für die Neubewertung des Arbeitskampfes
    junge Welt, 28.6.2011

Vorträge und Artikel der ReferentInnen:

Links: