Dokumentation Die «Urkatastrophe»

Vor 100 Jahren: Beginn des Ersten Weltkrieges. Ursachen und Wertungen.

Information

Veranstaltungsort

Russisches Haus der Wissenschaft und Kultur, Glinka-Musiksalon (6. Etage)
Friedrichstraße 176/179
10117 Berlin

Zeit

11.06.2014

Veranstalter

Bernd Hüttner,

Themenbereiche

Geschichte, Deutsche / Europäische Geschichte, Parteien- / Bewegungsgeschichte, Erinnerungspolitik / Antifaschismus, Krieg / Frieden


Unter der Überschrift „Vor 100 Jahren. Beginn des Ersten Weltkrieges. Ursachen und Wertungen“ führte die Berliner Gesellschaft für Faschismus und Weltkriegsforschung e. V. zusammen mit der Verein Berliner Freunde der Völker Russlands e. V. mit Unterstützung  des Vereins der Bundestagsabgeordneten der Fraktion DIE LINKE, der Rosa-Luxemburg-Stiftung und des Fördervereins für Forschungen zur Geschichte der Arbeiterbewegung am 11.6.2014 ein internationales Kolloquium im Russischen Haus der Wissenschaften und Kultur in Berlin, Friedrichstr. durch.

Auf der mit ca . 75 Teilnehmer_innen gut besuchten und an wissenschaftlichem Sachverstand hochkarätig besetzten Veranstaltung (elf Professoren und 18 Doktor_innen) sprachen Historiker_innen aus Österreich, den USA und der BRD. Der angekündigte Referent aus Russland/Moskau, Dr. Sergej Solovjov, hatte kurzfristig absagen müssen. Seinen Part: „Die russische Historiografie zu den Ursachen und zum Beginn des Ersten Weltkrieges“ übernahm Prof. Dr. Horst Schützler, ergänzt von Dr. Sonja Striegniz.

Ungeachtet der erfreulich hohen Teilnehmer_innenzahl war der Veranstaltungstag selbst eher nicht für Berufstätige geeignet, was sich auch im Durchschnittsalter der Teilnehmer_innen zeigte. Auch ein Programmpunkt mit sehr jungen Menschen – etwa mit Schüler_innen – hatte sich leider nicht integrieren lassen.

Schwerpunkte der Referate und der Diskussion waren die Historiografie zu den Ursachen und zum Beginn des Ersten Weltkrieges.

Treffend fasste der Berliner Historiker Prof. Dr. Kurt Pätzold die umfangreichen bundesdeutschen Bemühungen zusammen, eine „Revision der Revision“ umzusetzen in Bezug auf die Urheber und Ursachen des Ersten Weltkrieges. Kurt Pätzold ging in seinem faktenreichen Vortrag insbesondere darauf ein, dass die exakt recherchierten Thesen vom zielbewussten deutschen „Griff nach der Weltmacht“ aus den 60er Jahren veraltet und überholt seien.

Im Gegensatz zu der Umschreibung und Neubewertung bundesdeutscher Historiker und Publizisten über die Ursachen und den Beginn des Ersten Weltkrieges sind solche Verrenkungen in anderen am Weltkrieg beteiligten Staaten kaum vorhanden.

Dr. Marin Moll (Graz) resümierte, dass die gegenwärtige Österreichische Historiografie konstatiert, dass Österreich-Ungarn eine kriegerische Strafexpedition gegen Serbien wollte. Zugleich macht die Mehrzahl der Österreichischen Historiker den deutschen Verbündeten für die Ausweitung zum Weltkrieg verantwortlich.

Prof. Dr. Horst Schützler (Berlin) betonte in seinem Referat das in Russland die Glorifizierung des Zarismus belebt werde und Zar Nikolaus II. im Gegensatz zu den Herrschern in Deutschland und Österreich als rechtgläubiger Christ hohe Sittlichkeit bewiesen hätte und große Anstrengungen unternommen habe, um nicht in den Krieg hineingezogen zu werden.

Dr. Robert Waite (Washington) berichtete in seinem Beitrag, dass in der US-Gesellschaft Distanz zum Krieg in Europa vorherrschte. Er führte diese Tatsache auf die Ablehnung der US-Bürger gegen die europäischen Monarchien zurück, die durch den konkreten Kriegsverlauf in Bezug auf Kriegsverbrechen bestärkt wurde.

Prof. Dr. Manfred Weißbecker (Jena) referierte über die Erinnerungspolitik zum Ersten Weltkrieg, in der Weimarer Republik und in der NS-Diktatur, die er als empfundene „Nachkriegskatastrophe“ charakterisierte.

Dr. Hartmut Henicke (Berlin) sprach zur Thematik Arbeiterbewegung, Krieg und Nation vor dem Ersten Weltkrieg. Sein Vortrag löste eine spontan geführte Diskussion aus, da er die sehr treffende These von Fritz Fischer einschließlich seines Buches „Deutschlands Griff nach der Weltherrschaft“ als absolut falsch und unhaltbar abqualifizierte.

Eine ausgezeichnete Lesung Marga Voigts aus Briefen Clara Zetkins nach dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges und ein Schlusswort von M. Weißbeckers beendeten die Tagung.

Cornelia Domaschke/Günter Wehner

Folgende  Konferenzbeiträge können abgerufen werden:

Mehr Informationen finden Sie auf der Website der Berliner Gesellschaft für Faschismus- und Weltkriegsforschung e.V. 

Programm:

Begrüßung: Prof. Dr. Horst Schützler, Berlin

Prof. Dr. Kurt Pätzold
, Berlin:
Vor einem 100. Jahrestag. Das aktuelle Angebot an Geschichtsbildern über Deutschland vor und im Ersten Weltkrieg.

Dr. Martin Moll
, Graz:
«Eine mörderische Antwort auf eine mörderische Provokation.» Die österreichische Historiographie zum Kriegsausbruch 1914.

Dr. Sergej Solovjov
, Moskau:
Die russische Historiographie zu den Ursachen und zum Beginn des Ersten Weltkrieges.

Dr. Robert Waite,
Washington:
«
Dieser schreckliche Krieg.» Reaktionen in der US-amerikanischen Öffentlichkeit auf den Ausbruch des Ersten Weltkrieges.

Prof. Dr. Manfred Weißbecker
, Jena:
Nachkriegs-Katastrophe: Erinnerungspolitik.

Nachmittagssitzung:
Dr. Hartmut Henicke,
Berlin:
Arbeiterbewegung, Krieg und Nation vor dem Ersten Weltkrieg.

Marga Voigt,
Berlin:
«Erst wenn wir wieder Frieden haben...» Briefe von Clara Zetkin nach dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges, Lesung.

Dr. Sonja Striegniz,
Berlin:
Die Führungskräfte der Sozialrevolutionären Partei Russlands und der Beginn des Ersten Weltkrieges.

Diskussion

Schlusswort: Prof. Dr. Manfred Weißbecker, Jena