Dokumentation Anna Seghers 125 – Jüdin, Kommunistin, weltweit gefeierte Schriftstellerin

Notizen auf einer Rundreise mit Claudia Cabrera im Oktober 2025

Information

Zeit

20.10.2025 - 29.10.2025

Themenbereiche

Erinnerungspolitik / Antifaschismus, Deutsche / Europäische Geschichte, Mexiko / Mittelamerika / Kuba

Portraitbild von Anna Seghers an der Schreibmaschine
Foto: Albrecht Viktor Blum, Akademie der Künste, Berlin, Anna-Seghers-Archiv, mit freundlicher Genehmigung von Anne Radvanyi  Anna Seghers um 1943

Am 19. November wäre Anna Seghers 125 Jahre alt geworden. Ein gar nicht so runder Jahrestag und dennoch einer, bei dem ein erfreulich gesteigertes Interesse am Leben von Anna Seghers und eine neue Aneignung ihres literarischen Werkes registriert werden konnte. 

Als Netty Reiling in Mainz geboren, hatte sich Anna Seghers zunächst für ein Studium der Geschichte, Kunstgeschichte und Sinologie in Köln und Heidelberg entschieden. Mit einer Arbeit über «Jude und Judentum im Werk Rembrandts» wurde sie promoviert. Schon früh begann sie, sich auch schriftstellerisch zu betätigen. Mit dem «Aufstand der Fischer von St. Barbara» erregte sie bereits 1928 große Aufmerksamkeit. 1925 hatte sie den marxistischen Soziologen und Wirtschaftswissenschaftler László Radványi (Johann-Lorenz Schmidt) geheiratet. Ihre beiden Kinder, Peter und Ruth, kamen 1926 bzw. 1928 zur Welt. Seghers zog nach Berlin, schloss sich der KPD an und wurde Gründungsmitglied des Bundes proletarisch-revolutionärer Schriftsteller. Ihre wichtigsten, die ihren Weltruhm begründenden Werke – «Transit», «Das Siebte Kreuz», «Der Ausflug der toten Mädchen» – entstanden auf der Flucht vor den Nazis und im Exil, das sie in Frankreich (1933-1941) und Mexiko (1941-1947) verbrachte. Das Schreiben rettete Anna Seghers das Leben. Nach ihrer Rückkehr entschloss sie sich für ein Leben in der DDR. Von 1952 bis 1978 fungierte sie dort als Präsidentin des Schriftstellerverbandes – eine Rolle, mit der sie ihr Glück nicht fand. Viele neue Erzählungen, Begegnungen und zahlreiche Preise lagen auf ihrem weiteren Weg. Schließlich erhielt sie 1981 gar die Ehrenbürgerschaft der Stadt Mainz verliehen. 1983 verstarb Anna Seghers in Berlin. 

Ihre Bücher aber bleiben. Und um darüber zu sprechen, hatte die Rosa-Luxemburg-Stiftung Claudia Cabrera im Oktober 2025 nach Deutschland eingeladen. Sie übersetzte die Exilwerke von Anna Seghers ins mexikanische Spanisch und damit erstmals in die Sprache des Landes, wo sie geschrieben wurden oder ihre Erstveröffentlichung erlebten. Unter anderem für dieses Engagement zeichnete das Goethe-Institut Cabrera 2024 mit der renommierten Goethe-Medaille aus. Mit ihren Übersetzungen baut sie an Brücken eines Kulturaustausches, dessen Bedeutung nicht hoch genug geschätzt werden kann – nicht zuletzt, da die in Seghers‘ Werk verhandelten Themen Heimat, Flucht, Antifaschismus und Exil heute wieder und aktueller denn je sind. 

Na, vielleicht sollte ich doch bald mal wieder die Bücher von Anna Seghers zur Hand nehmen.

Auf Claudia Cabreras Reise lagen vier Stationen in Frankfurt/Main, Mainz und zwei weitere in Berlin. Als ihre Gesprächspartner*innen begrüßten wir Doerte Bischoff (Uni Hamburg), Albrecht Buschmann (Uni Rostock), Claus-Jürgen Göpfert (ehemals Frankfurter Rundschau), Monika Melchert (Anna-Seghers-Gesellschaft) und Helga Neumann (Akademie der Künste). Im Mittelpunkt aller Podiumsgespräche standen zunächst Bedingungen und Umstände von Anna Seghers‘ Exil in Mexiko. Darüber hinaus wurden literarische Bezüge hergestellt, Editions- und Rezeptionsgeschichten diskutiert, Probleme des Übersetzens betrachtet wie auch das politische Wirken von Anna Seghers kritisch gewürdigt. So verschieden die vier Abende im Einzelnen verliefen, so ähnlich waren am Ende gleichsam Reaktionen aus dem Publikum zu vernehmen: «Na, vielleicht sollte ich doch ganz bald (mal wieder) die Bücher von Anna Seghers zur Hand nehmen!» Hervorzuheben waren ebenso die in ihrer Anlage zwar unterschiedlichen und doch gleichermaßen eindrücklichen Rezitationen aus Anna Seghers‘ Texten durch Bettina Kaminski (Frankfurt/Main) und Boris Motzki (Mainz) gewesen.

Anlässlich des 125. Geburtstages von Anna Seghers werden Studierende der Schauspielschule Ernst Busch am 17. Dezember in der Bibliothek der Rosa-Luxemburg-Stiftung Anna Seghers‘ Textfragment «Reise ins Elfte Reich» als szenische Lesung aufführen – poetisch, verstörend und ebenso: hoch aktuell.

Ganz herzlich bedanken möchten wir uns bei unseren Kooperationspartnern: der Anna-Seghers-Gesellschaft, der Botschaft der Vereinigten Mexikanischen Staaten, dem Club Voltaire Frankfurt, dem DGB-Frankfurt, dem Frankfurter Haus am Dom, dem Iberoamerikanisches Institut/Stiftung Preußischer Kulturbesitz Berlin, dem Kulturdezernat der Landeshauptstadt Mainz, dem Literaturarchiv der Akademie der Künste, dem Literaturforum im Brecht-Haus Berlin, der Mainzer Bibliotheksgesellschaft, den Naturfreunden Frankfurt und Hessen, den VVN-Frankfurt/Main sowie nicht zuletzt auch bei unseren Landesstiftungen. Ohne das ehrenamtliche Engagement von, zum Beispiel, Hans-Jürgen Hinzer (Club Voltaire) oder Mathias Meyers (Mainz), hätten wir nicht so hohe Resonanz erzielt.

So möchten wir uns auch ganz besonders beim durchweg interessierten Publikum bedanken, das zudem einige der Veranstaltungsräume an ihre Kapazitätsgrenzen erinnerte. Ins Frankfurter Haus am Dom strömten mit Anna Seghers weit über 200 Menschen, der große Saal war schon vor Beginn der Veranstaltung überfüllt. Und erinnern werden wir uns lange über Claudia Cabreras Veranstaltungsreise hinaus an die Grußworte des mexikanischen Botschafters Francisco Quiroga, wonach beide Gesellschaften – die deutsche und die mexikanische – durch die europäischen Flüchtlinge der 1930er- und 1940er-Jahre bis heute eng miteinander verbunden seien. An Anna Seghers zu erinnern, bedeute jedoch zugleich – so Quiroga –, auch die heutigen Flüchtlinge nicht aus dem Blick zu verlieren. Die Würde des Menschen müsse verteidigt werden!

Claudia Cabrera schließlich, der unser größter Dank gilt, wünschen wir gutes Gelingen für ihr ambitioniertes Vorhaben, Anna Seghers und mit ihr die Werke zahlreicher weiterer Schriftsteller*innen, die ihr Exil in Mexiko verbrachten, in den mexikanischen Literaturkanon hineinzuschreiben. 

Uwe Sonnenberg, Rosa-Luxemburg-Stiftung

Anna Seghers in Mexiko

Details

Eine Erinnerung aus Anlass des 125. Geburtstages der Autorin. 

Literaturforum im Brecht-Haus in Berlin, 29.Oktober 2025

Presseecho

Vorab der Veranstaltung im Frankfurter Haus am Dom führte Claus-Jürgen Göpfert ein Interview mit Claudia Cabrera, das am 16. Oktober in der Frankfurter Rundschau erschien. Über die Frankfurter Veranstaltung am 20. Oktober berichtete auch die Junge Welt, wo später noch ein weiteres Interview mit Claudia Cabrera erschien. Am Rande des Podiumsgespräches im Berliner Ibero-Amerikanischen Institut/Stiftung Preußischer Kulturbesitz am 27. Oktober entstand ein Beitrag von Manuel Sierra Alonso für die Deutsche Welle (auf Spanisch) und von Mainz aus war Claudia Cabrera am 22. Oktober dem Hörfunk des SWR zugeschaltet. (Leider nicht online). In ganzer Länge nachzusehen, ist der Livestream aus dem Literaturforum im Brecht-Haus vom 29. Oktober 2025.