Dokumentation Die untoten Diktaturen

50 Jahre nach Francisco Francos Tod: ein Dialog mit Historiker*innen aus Spanien, Portugal und Griechenland über das lebendige Erbe der Diktaturen in Südeuropa

Information

Zeit

25.11.2025 - 27.11.2025

Themenbereiche

Erinnerungspolitik / Antifaschismus, Deutsche / Europäische Geschichte, Westeuropa

Zugehörige Dateien

Foto: Vangelis Koltsidas

Es ist eine Vergangenheit, die nicht vergehen will. Auch 50 Jahre nach seinem Tod am 20. November 1975 wirft die Diktatur Francisco Francos ihre langen Schatten auf die spanische Gesellschaft. Zwar markierte das Sterben des Generals auch das Ende der Diktatur, die er mit dem Militärputsch im Juli 1936 und dem Sieg gegen die Republikaner im nachfolgenden Bürgerkrieg im April 1939 errichtet hatte. Gleichzeitig blieb der «Übergang zur Demokratie», die transición, immer unvollständig. 

Im Tausch gegen die Zulassung oppositioneller Parteien und Parlamentswahlen, wurden die franquistischen Herrschaftseliten von jeder Strafverfolgung verschont. Der «weiße Terror» der Faschisten, der im Bürgerkrieg nach Schätzungen bis zu 200.000 direkte Opfer gekostet hatte, wurde niemals vor Gericht verhandelt. Genauso wenig wie Repressionen und Menschenrechtsverletzungen, die bis in die siebziger Jahre anhielten und weitere Tausende Opfer gefordert hatten. Über die Verbrechen wurde ein Mantel des Schweigens gelegt, der das politische Leben im spanischen Staat auf Dauer vergiftete.

Die mangelnde politische und rechtliche Auseinandersetzung mit der faschistischen Diktatur fordert heute ihren Tribut. Die verschiedenen progressiven Koalitionsregierungen unter dem sozialistischen Premierminister Pedro Sánchez haben seit 2018 unter dem Druck der Bewegungen für die Erinnerung an die Diktaturopfer einige begrenzte Fortschritte bei der politischen Aufarbeitung gemacht. So wurden die Gebeine Francos aus dem bis heute im Franquismus errichteten öffentlich zugänglichen falangistischen Pilgerort Valle de los Caídos (Tal der Gefallenen) in eine private Grabstätte überführt. Zum 50. Todestag etablierte die Regierung eine Kommission, die im ausgehenden Jubiläumsjahr öffentliche Veranstaltungen durchführte.

Gleichzeitig bleiben die Diktaturverbrechen bis heute straflos. Meinungsumfragen zeigen überdies, dass aktuell etwa 20 Prozent der spanischen Bevölkerung Sympathie für die Diktatur bekunden. Insbesondere bei jungen Männern wächst die Popularität des Generals. Um die 20 Prozent der Spanier*innen würden nach Meinungsumfragen auch die rechtsextremistische Partei Vox wählen, die sich in den vergangenen Jahren rechts der post-franquistischen rechtskonservativen Partido Popular (Volkspartei) etabliert hat. Bei kommenden Wahlen könnten diese beiden Parteien die neue Regierung bilden. In Spanien gibt es keine Brandmauern. 

Das Thema der transición stand auch im Mittelpunkt der Diskussionen einer Veranstaltungswoche, welche die Büros der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Madrid und Athen organisierten. Dabei ging es um einen Dialog von Geschichtswissenschaftler*innen und Akteuren aus geschichtspolitischen Initiativen aus Spanien, Portugal und Griechenland. Das spanische Beispiel wurde im Kontext der Militärdiktaturen in Portugal und Griechenland diskutiert, die bereits ein Jahr früher 1974 zu Ende gekommen waren. Der komparative Blick wurde dabei nicht nur auf die Phasen des «Übergangs zur Demokratie» Mitte der siebziger Jahre gelenkt, sondern auch auf die Herausforderungen der Erinnerungsarbeit und geschichtspolitischer Debatten heute. Dabei wurde deutlich, dass die Stärkung des Rechtsextremismus in allen drei Ländern in enger Beziehung zum Umgang mit den Diktaturen steht.

Mit Unterstützung von Manos Avgeridis und Ioanna Vogli vom Contemporary Social History Archives (ASKI) aus Athen und MIRCo - UAM in Madrid war es der Rosa-Luxemburg-Stiftung gelungen, führende Geschichtswissenschaftler*innen aus allen drei Ländern einzuladen. Professor Kostis Kornetis, Mitglied der von der Regierung berufenen Kommission «España en Libertad», welche die Veranstaltung ebenfalls unterstützte, machte in seinem Einleitungsbeitrag deutlich, dass die drei Diktaturen in Südeuropa zurecht in einen gemeinsamen Kontext gestellt werden, der unter anderem durch den Kalten Krieg geprägt war. Gleichzeitig machte Kornetis deutlich, dass mit fortschreitender Forschung auch die Unterschiede der drei Fälle klarer zu Tage treten. Diese bestanden nicht zuletzt in drei unterschiedlichen Formen des Umbruchs Mitte der siebziger Jahre: Der Nelkenrevolution in Portugal, die durch weitreichende soziale Mobilisierungen geprägt war und eine neue Verfassung erreichte, der «paktierte Übergang» in Spanien mit seinen erheblichen Demokratisierungsdefiziten sowie der Bruch mit der Diktatur der Obristen in Griechenland, der durch Prozesse gegen die Militärs markiert wurde, aber gesellschaftlich viel weniger tiefgreifend war als in Portugal.

Weitere Beiträge zur Historisierung fokussierten unter anderem auf die Rolle von Emotionen in den Protestbewegungen (Prof. Polymeris Voglis), den iberischen Kontext von Protest und Repressionspraxen in Spanien und Portugal (Prof. Raquel Varela), die Rolle von Frauen im Kampf gegen Diktatur und Faschismus als politische Akteurinnen (Magda Fytili und Carme Bernat), den methodischen Nationalismus der kommunistischen Linken in Griechenland (Prof. Kostis Karpozilos) und die Defizite der Demokratisierung mit Jaime Pastor (Viento Sur, Madrid) und Xavier Domènech (En Comú Podem, Barcelona). Ergänzt wurde das Programm durch einen Stadtrundgang zu Orten des Widerstandes und Repression in Madrid sowie einer Besichtigung des Valle de los Caídos, die von Miguel Urbán organisiert wurde, der zwischen 2015 und 2024 Europaabgeordneter in der Gruppe THE LEFT in Brüssel war. Sein Vater war in franquistischen Gefängnissen gefoltert worden.

Auf besonderes Interesse stießen die Beiträge zur Erinnerungspolitik und zu Erinnerungspraxen von Opfervereinigungen und der Linken. Prof. Adrian Shubert stellte ein virtuelles Museum zum spanischen Bürgerkrieg vor. Stathis Pavlopoulos sprach über das das virtuelle Dokumentationsprojekt von ASKI, in dem 300.000 Dokumente zur Diktaturgeschichte sowie zum Partisan*innenkampf und Bürgerkrieg in Griechenland zugänglich gemacht werden. Die Direktorin des Widerstandsmuseums in Lissabon, Aida Rechena, schilderte, wie dieses auch durch die Beteiligung von Opferverbänden etabliert wurde. Mayki Gorosito aus Buenos Aires erweiterte den Blick auf den Umgang mit der Militärdiktatur in Argentinien (1976 – 1983). In Argentinien kam es immerhin zu einer juristischen Aufarbeitung der Diktaturverbrechen. Allerdings werden die Erfolge unter der rechtsextremen Regierungen von Javier Milei zurückgedreht. Davon zeugt auch der Umgang mit Frau Gorosito. Sie wurde im vergangenen Juni von Milei als Direktorin des Gedenkortes auf dem Gelände der Militärschule ESMA zum Rücktritt gezwungen. Ergänzt wurde der Ausblick auf Lateinamerika durch Claudia Marchant, die im Museum in der ehemaligen Zentrale der Geheimpolizei DINA in Santiago de Chile arbeitet.

Die erfolgreichen Veranstaltungstage in Madrid, die ein interessiertes Publikum anzogen, sind bereits der zweite Dialog zwischen Geschichtswissenschaftler*innen aus Spanien, Portugal und Griechenland, den die Rosa-Luxemburg-Stiftung organisiert. Eine erste Begegnung hat im vergangenen Jahr anlässlich des 50. Jahrestages des Falls der Obristendiktatur in Athen stattgefunden. Die Stiftung hat sich damit als einer der wenigen Orte einer wissenschaftlichen und politischen Diskussion etabliert, die sich in komparativer Perspektive mit dem Erbe der untoten Diktaturen in Südeuropa auseinandersetzt. Das Erinnern an die Opfer der Diktaturen wird dabei als eminent politischer Beitrag zum Kampf gegen den neuen wachsenden Rechtsextremismus begriffen, der in den drei Ländern und darüber hinaus an der Relativierung oder sogar Glorifizierung der Verbrechen arbeitet.

Von Boris Kanzleiter, Rosa-Luxemburg-Stiftung