1989 – Aufbruch ins Ungewisse

1989 stürzten die Bürger*innen der DDR ein politisches System, das zu lange ihre Erwartungen, Hoffnungen und Wünsche übergangen, missachtet, enttäuscht, verraten, auch gewaltsam unterdrückt hatte. Aufbruchsstimmung und Zukunftsoptimismus dominierten. Neue linke und soziale Bewegungen und Parteien entstanden, und als einzige der alten Parteien reformierte sich die PDS grundlegend. Eine andere Welt schien möglich.

Mehr zum Dossier

Das Selbstvertrauen, die Hoffnung und der Glaube an die Veränderbarkeit der Verhältnisse, die die Monate um den Jahreswechsel 1989/90 geprägt hatten, wurden schnell gebrochen oder aufgegeben. Und es wurde klar, dass Wege zu einem «besseren Sozialismus» nicht offenstanden. Das Volk überließ die Initiative den Repräsentant*innen aus politischen Parteien, Verbänden und Gewerkschaften, die der westdeutschen Tradition verhaftet waren. Die Erwartung, mit der staatlichen Vereinigung als gleichberechtigter Teil des sozialstaatlich und demokratisch regulierten Kapitalismus am materiellen Wohlstand teilzuhaben, mündete in widersprüchlichen Erfahrungen und oft in neuen Enttäuschungen. Dem Freiheits- und Wohlstandsgewinn stehen bis heute die Ungleichheit der Lebensbedingungen sowie die moralisch-kulturelle Abwertung der Lebensleistung der ehemaligen DDR-Bürger*innen gegenüber. Nicht nur die Emanzipationserfahrungen der Jahre 1989/90, sondern auch die aus 40 Jahren DDR finden in der neuen deutschen Gesellschaft keine Anerkennung. Und so fühlen sich auch 30 Jahre nach der staatlichen Einheit viele Ostdeutsche abgehängt und als Bürger*innen zweiter Klasse – egal, welcher politischen Richtung man folgt, welchen Platz man in der Gesellschaft gefunden hat.

Nach der «Wende» und dem Ende der DDR veränderte sich auch die alte Bundesrepublik. Die vermeintliche Lehre aus der Geschichte des Realsozialismus, dass «Markt vor Staat» gehen müsse, inspirierte die beschleunigte Privatisierung öffentlicher Infrastruktur und Daseinsvorsorge und den Abbau des wohlfahrtsstaatlichen Steuer- und Sozialsystems. Neben die alten Ungleichheiten traten neue Spaltungen, darunter die in Ost- und Westdeutschland: «Freie Marktwirtschaft», Kapitalismus sowie liberale und soziale Demokratie sind keine natürlichen Partner. Soziale Grundrechte werden untergraben und damit wird der demokratischen Gleichheit aller Bürger*innen der Boden entzogen, soziale Ungleichheit führt zu politischer Ungleichheit. Die Dominanz des Ökonomischen im Denken und Handeln, das Leitbild der ökonomischen Rationalität und des unternehmerischen Selbst, zerstört soziales Vertrauen und entwertet solidarisches und emphatisches Handeln und führte in eine «marktkonforme Demokratie», der lange Zeit das «Vertrauen der Märkte» wichtiger war als das Vertrauen der Bürger*innen. Nach 30 Jahren sieht sich die im Jahr 1990 neu entstandene BRD einer Vertrauenskrise gegenüber.

Drei Jahrzehnte nach der «friedlichen Revolution» muss sich der Blick daher nach vorn richten: Wirtschaft, Zivilgesellschaft und Demokratie müssen in eine neue Balance gebracht werden, damit das Versprechen der gleichberechtigten sozialen und demokratischen Teilhabe nicht unter die Räder des neuen Autoritarismus und Nationalismus gerät. Dazu gehört eine rückhaltlose Kritik des Weges zur «deutschen Einheit». Dieser Weg endete weder am 3. Oktober 1990 noch mit dem Ende der Treuhand, dieser Gang ist noch nicht vollendet.

1989/90 zeigte, dass scheinbar starre Verhältnisse verändert werden können, dass solidarisches Handeln jenseits der eingefahrenen und in Hoffnung auf Anerkennung antrainierten Logik der Konkurrenz möglich ist. Die Rückschau ist für uns Aufruf zum Handeln. Auch heute gilt: Eine andere Welt ist möglich!
 
Lutz Brangsch und Horst Kahrs, September 2019  
 

Dossier «1989 – Aufbruch ins Ungewisse»

Kontakt

Rolle Persondetails
Leiterin Politische Kommunikation / Referatsleiterin Publikationen Alrun Kaune-Nüßlein
E-Mail: alrun.kaune-nuesslein@rosalux.org
Telefon: +49 30 44310 448
Raum: 126
Leiter Historisches Zentrum Demokratischer Sozialismus / Referatsleiter GeschichteDr. Albert Scharenberg
E-Mail: albert.scharenberg@rosalux.org
Telefon: +49 30 44310143
Raum: 212