75 Jahre Befreiung vom Faschismus

Entsendung der staatlichen Siegesfahne nach Moskau. Berlin, 20. Mai 1945
Entsendung der staatlichen Siegesfahne nach Moskau. Berlin, 20. Mai 1945 Foto: © Valery Faminsky / Privatsammlung Arthur Bondar

Am 8. Mai 1945, vor 75 Jahren, ratifizierten Friedeburg, Keitel und Stumpff die Kapitulationserklärung für das Oberkommando der Deutschen Wehrmacht gegenüber den Alliierten Streitkräften und der Roten Armee. Es ist der Tag der Befreiung – in der Bundesrepublik seit 75 Jahren umstritten und umkämpft. Im Pazifikraum hielt der Krieg noch bis September 1945 weiter an.

Für viele jedoch endete der Krieg zu spät: Millionen Menschen starben an Hunger, Verfolgung, Folter, Zwangsarbeit, in den Konzentrationslagern oder im Exil. Und in Deutschland bejubelten nur wenige den Einmarsch der Roten Armee und alliierten Streitkräfte, wie Peter Gingold mahnt: «Für alle Ewigkeit muss im Gedächtnis der Menschheit verankert bleiben; dieses Morgenrot der Menschheit, dieser Jubel, der ganz Europa, ja die ganze Welt erfasste, aber auch, dass es ihn in Deutschland nicht gab.»

Es ist die Befreiung vom politischen System Faschismus, nicht aber von der Ideologie, dem völkisch-nationalen Geist und Antisemitismus, der bis heute tief verwurzelt in Teilen unserer Gesellschaft verankert ist.

Der Themenschwerpunkt «Befreiung als Perspektive» anlässlich des 75. Jahrestages der Befreiung vom Faschismus bietet verschiedene Perspektiven auf Befreiung. Er dient dem Rückblick auf Vernichtung, Verfolgung und Krieg. Aber auch auf Aufarbeitung, Entschädigung und Erinnerungspolitik. Zudem thematisiert das Dossier heutige und zukünftige Erinnerungsarbeit. Die Frage wie und woran wir heute und morgen erinnern ist eine, die wir neben der Frage, welche weißen Flecken es in der Aufarbeitung und Forschung noch gibt, bearbeiten und diskutieren möchten. Dabei ist es unmöglich ein Bild der Vollständigkeit zu zeichnen. Die Verbrechen des Besatzung- und Vernichtungskrieges sind nicht in Worte zu pressen, auch nicht in eine Website. Dennoch ist es ein Versuch Themen zu setzen und Blickwinkel einzunehmen, die nicht dem Mainstream entsprechen.

Den Auftakt des Schwerpunktes bildete das Symposium Ende Februar in Hannover «75 Jahre Befreiung vom Faschismus. Perspektiven des Erinnerns». Gemeinsam mit Wissenschaftler*innen, Gedenkstätteninitiativen, Pädagog*innen und Politiker*innen blickte die Rosa-Luxemburg-Stiftung zurück. 75 Jahre angeblich vorbildlichste Aufarbeitungsgeschichte in der DDR und der Bundesrepublik. Dennoch sind Massaker, wie beispielsweise in Distomo (4. SS-Polizei-Panzergrenadier-Division) juristisch bis heute nicht abschließend aufgearbeitet. Gleichzeitig werden Themen wie Zwangsarbeit von heute noch florierenden Unternehmen oder die Geschichte sowjetischer Kriegsgefangener weiter unter den Teppich der Erinnerung gekehrt und nur durch Druck der Öffentlichkeit und privater Initiativen hervorgeholt.

Zudem richten wir den Blick nach vorne: wie können wir heute Erinnerungsarbeit ermöglichen, neu denken und neue Forschung unterstützen? Dazu nimmt das vorliegende Dossier neue Perspektiven auf heutige Formen der Auseinandersetzung in den Blick. stellen beispielsweise die Grafic Novel zum Massaker am Peršmanhof am 25. April 1945 und das Computerspiel «Through the darkest of times» zwei in Gänze unterschiedliche Formen von biografisch-historischer Bildungsarbeit dar. Beide Medien vermitteln durch Biografien die Geschichte des Widerstandes gegen die Nationalsozialist*innen.

Das Dossier öffnet den internationalen Blick für Themen der Befreiung, des heutigen Umgangs mit der eigenen Geschichte und der aktuellen Schwerpunktsetzung Europäischer Erinnerungspolitik. Es schafft zudem Räume für Diskussion um neue Rechte in Europa und die Frage, ob wir es mit einem neuen Faschismus zu tun haben. Diese Frage stellten wir dem Faschismustheoretiker Roger Griffin, aber auch die neue Studie von Alexander Häusler und Michael Fehrenschild nimmt sich diesem Thema an.

Darüber hinaus widmen wir uns dem Kampf heutiger Antifaschist*innen wie Esther Bejarano und der VVN/BdA, um darauf aufmerksam zu machen, dass Erinnerungsarbeit an die Verbrechen der Nazis auch heute auf Widerstand konservativer und rechter Kräfte stößt. Ebenso erfordert es bis heute Mut auf aktuelle Diskriminierungen von Minderheiten, wie Roma und Sinti oder die steigende Zahlen antisemitischer Übergriffe hinzuweisen und politischen Druck zu erzeugen.

Fakten und Jahrestage laufen Gefahr in den täglichen News um Corona-Fallzahlen, neue Forschungsergebnisse oder neue Gesetze zur Eindämmung von Covid-19 unterzugehen. Befreiungsfeiern finden virtuell, still, mit Abstand statt. Blumen werden niedergelegt, Überlebende bleiben Zuhause, internationale Gäste fliegen nicht an den Ort des Verbrechens, um ihren Angehörigen zu gedenken. 2020 scheint bestimmt von diesem Virus, dabei bleibt vielleicht gerade jetzt Zeit, um an die Verbrechen der Nationalsozialist*innen zu erinnern – an einen Besatzungs- und Vernichtungskrieg in ganz Europa.

Feiern wir die Tage der Befreiungen international und solidarisch.

 
Dossier Befreiung als Perspektive

Kontakt

Rolle Persondetails
Referentin für Zeitgeschichte und historisch-biographisches Lernen Anika Taschke
E-Mail: anika.taschke@rosalux.org
Telefon: +49 3044 310 151
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