Documentation Härter als der Rest. Gerhard Gundermann zum 50. Geburtstag

„Rockpoet und Baggerfahrer“ und „Springsteen des Ostens“ lauten die Kürzel, die eine erste Annäherung an Gundermann ermöglichen. Das Kolloquium betrachtet seine Kunst unter dem Aspekt des Produzierens und ihres Fortwirkens. Gemeinsam veranstaltet von der Rosa-Luxemburg-Stiftung und Gundermanns Seilschaft e.V.

Information

Date

19.02.2005

Themes

History

„Rockpoet und Baggerfahrer“ und „Springsteen des Ostens“ lauten die Kürzel, die eine erste Annäherung ermöglichen. Wer war dieser Gundermann? 1955 geboren, Abitur, Offiziersschüler, wegen „fehlender Verwendungsmöglichkeit“ entpflichtet, IM/Observationsobjekt der Stasi, engagiertes SED-Mitglied/1983 ausgeschlossen, Kandidat der Vereinigten Linken zu den Volkskammerwahlen 1990 – eine politische DDR-Biografie. Ein ostdeutsches Industriearbeiterschicksal: Arbeit im Braunkohlentagebau, zunächst als ungelernter Hilfsarbeiter und später als Baggerfahrer in der Kohle, ab Mitte der 90er in einer Rückbau- und Rekultivierungsmaßnahme, dann arbeitslos und in Umschulung zum Tischler. Und immer wieder Texte, Lieder, Programme, vom FDJ-Singeclub Hoyerswerda und der Brigade Feuerstein über die Zusammenarbeit mit Silly und den Wilderern bis zu Gundermann & Seilschaft und seinen Soloprogrammen. Sein letztes Konzert gab er in der Prignitz-Gemeinde Krams eine Woche vor seinem Tod im Juni 1998.

Anliegen des Kolloquiums ist es, Gundermanns Kunst unter dem Aspekt des Produzierens und ihres Fortwirkens zu betrachten. Was haben seine Lieder wann gewollt – wofür und wie sind sie entstanden, worin lag ihre Intention? Wie verstanden sich Text, Musik und Auftrittsinszenierung? Woher die Wirkung, die sie damals hatten, woher die, die sie heute haben? Worin bestehen ihre Potentiale für die Bewältigung gegenwärtiger und zukünftiger gesellschaftlicher Probleme?

Idee, Konzept und Moderation: Bernd Rump

Beiträge u.a. von Paul Bartsch, Ulrich Burchert, Birgit Dahlke, Simone Hain, Stefan Körbel, Henry-Martin Klemt, Delle Kriese, Bernd Rump, Klaus-Peter Schwarz, Hans-Eckardt Wenzel

Die Rosa-Luxemburg-Stiftung und Gundermanns Seilschaft e.V. hatten zum Kolloquium anläßlich des 50. Geburtstages von Gerhard Gundermann eingeladen, der wohl ersten Veranstaltung überhaupt, auf der sich künstlerisch-politische Weggefährten und Wissenschaftler zu Gundermann äußerten. Und um die einhundert Teilnehmer, Beitragende und Besucher, kamen. Unter ihnen auch einige derjenigen, die zu Gundermanns unmittelbarem persönlichen und intellektuellem Umfeld gehörten: Conny Gundermann, Richard Engel, Katrin Hagemann und Siegfried Frister. Mit Lutz Kirchenwitz (Lied und soziale Bewegung e.V.), Lutz Kerschowski (Rio-Reiser-Archiv) und Reinhard „Pfeffi“ Ständer (KuFa Hoyerswerda) waren auch Leute dabei, die heute an der Nahtstelle von Musik und Politik agieren.

Die Beitragenden waren mit Bedacht angesprochen worden – es waren Künstler und Wissenschaftler, die Gundermann kannten und mit ihm zeitweilig zusammengearbeitet und/oder sich intensiv mit ihm und seiner Kunst befaßt hatten. Insofern waren gute Vorträge zu erwarten gewesen, daß sie dann so inhaltsreich ausfielen, war dennoch überraschend. Sicherlich hat das auch etwas mit der „Qualität des Gegenstandes“ Gundermann zu tun, darüber hinaus zeugt es aber auch von der intensiven Auseinandersetzung der Beitragenden mit den Problemen der heutigen Zeit.

Bernd Rump befaßte sich mit Gundermanns Rocktitel „Krieg“ als Beschreibung der Veränderungen sozialer Auseinandersetzung vom Ost-West-Konflikt der 50er Jahre bis zur Gegenwart: Gundermann als militanter Kämpfer. Dem Gundermann, dem die Heldenbilder abhanden gekommen waren, der Ohnmacht erfuhr, ohne in Selbstmitleid und Resignation zu verfallen, dem trotzigen Melancholiker, widmete sich der Beitrag Birgit Dahlkes. Daß er mit poetischer Kraft sein Scheitern, seine Enttäuschung und sein erneutes Versuchen dem Publikum mitteilte – mit dem Publikum teilte –, erklärt seine Anziehungskraft auch für die jetzt aufwachsenden Generationen. Paul Bartsch, Germanist, Liedermacher und Rocksänger aus Halle, befragte die Gundermannschen Texte nach ihren „poetischen Seilschaften“ und arbeitete typische Metaphern- und Bilderfamilien heraus. Über seine Gundermann-Erfahrungen berichtete der Schlagzeuger Delle Kriese, der u.a. beim Programm „Erinnerung an die Zukunft“ und bei den Wilderern getrommelt hatte: Gundermann war nicht „nett“, er bestach durch sein Wissen und Wollen, durch seine persönliche Integrität im Zustand von Heimatlosigkeit und kluger Trauer. Die diesen Beiträgen folgende Diskussion versuchte insbesondere, den Begriff der Melancholie so zu fassen, daß er dem Inhalt und Gestus der Gundermannschen Lieder Mitte der 90er Jahre gerecht werden kann, und nutzbar wird zur Beschreibung einer produktiven Haltung gegenüber Gegenwartsproblemen.

Vom gemeinsamen Antrieb von Lieder- und Bildermachern, mittels Kunst zur Vermenschlichung beizutragen, sprach Ulrich Burchert. Er zeigte eine Auswahl seiner bis 1980 entstandenen Gundermann-Fotografien und präsentierte zu Worten aus Liedern Gundermanns ausdrucksstarke Bilder. In seinem Beitrag „Vielleicht sind wir alle bloß einer“ resümierte Henry-Martin Klemt, was ihn an Gundermann fasziniert und bindet, unter Aufnahme von Textsequenzen Gundermanns und mit Bezügen zu Benjamin, Kleist und dem gestrigen und heutigen „Kaltland“ – ein schon literarisches Kleinod. Anhand von drei coolen Sätzen erinnerte sich Stefan Körbel Gundermanns, und ermöglichte so einen unkonventionellen wie tiefen Einblick in dessen (und seine) Gedankenwelt. Darauf, daß Gundermann frühzeitig den nunmehr massenhaften Abschied aus dem industriegesellschaftlich geprägten Arbeits- und Lebenszusammenhang künstlerische Gestalt gab, verwies Simone Hain. In seinen Liedern und Texten sind Anstöße zum verantwortungsbewußten Umgang mit dieser gesellschaftlich und individuellen Problemsituation zu finden, die es beim „Loslassen von der Industrie“ aufzunehmen gelte. Das frühe Gundermann-Lied „Sklaven“ war Klaus-Peter Schwarz Anlaß, ausgehend von Spartacus die auf Dauer gestellte Aufgabe der Auseinandersetzung mit Verhältnissen der Unterdrückung und Entrechtung hervorzuheben. In der Abschlußdiskussion wurden einzelne Thesen der Beitragenden kritisch hinterfragt, beispielsweise verwies Richard Engel darauf, daß eine schematische Trennung in den Gundermann der DDR- und den der Nach-Wende-Zeit den nicht nur untergründigen Kontinuitäten seines Schaffens nicht gerecht werde, und Wolf-Dietrich Junghanns sah als eigentliche Leistung des Liedermachers und Rocksängers dessen Verabschiedung aller Heldenhaftigkeit. Mehrmals wurde die Spezifik künstlerischer Wirklichkeitserfahrung gegenüber einer wissenschaftlichen oder politischen betont, auch die damit gegebene eigenständige Wirksamkeitsmöglichkeit – Gedanken, die auch in den abschließenden Statements der Beitragenden aufgenommen wurden.

Wie viele Besucher betonten: Das Kolloquium war ein außerordentlich anregendes nicht-konzertantes Gundermann-Erlebnis. Zu sehen war auch die von Gundermanns Seilschaft e.V. geförderte Ausstellung zu den „Feuersteinen“, es gab Texte von und zu Gundi zum Mitnehmen und den Kalenderalmanch 2005. Die schöne Atmosphäre bot vielen die Möglichkeit, alte Kontakte zu ehemaligen Mitstreitern wieder aufzufrischen oder neue zu knüpfen.Veranstaltungsflyer [pdf, 243kB]

Texte:

Henry-Martin Klemt: Vielleicht sind wir alle bloß einer. Text der Woche 8/2005

Gerhard Gundermann: „Verantwortung für das eigene Produkt“. Beitrag zum Kongress der Unterhaltungskunst März 1989, in: Utopie kreativ, H. 152 / Juni 2003, S. 557-563 [pdf, 68KB]

Klaus-Peter Schwarz: ... die die Welt nicht bessern können, aber möchten. Gerhard Gundermanns Internationalhymnen eines „anderen Deutschland“, in: Berliner Debatte INITIAL 10 (1999) 2, S. 41-50 [pdf, 46KB]

Simone Hain: unsereins. gerhard gundermann und das wahre leben, in: Berliner Debatte INITIAL 11 (2000) 5/6, S. 174-191 [pdf, 74KB]

Lutz Kirschner: „sag wie soll ich tragen ungerechtigkeit“. Zu Leben und Kunst Gerhard Gundermanns, in: Sozialismus 6/2003, S. 48-51 [pdf, 56KB]

Christian J. Ganter: Schöpfungstheologie im real existierenden Sozialismus. Ein Unterrichtsmodell zu Gerhard Gundermanns Rocksong Halte durch, in: rhs. Religionsunterricht an höheren Schulen (Düsseldorf), 47. Jg., Heft 2 (2004), S. 97-100 [pdf, 210KB]

Gundermann 50 (Foto-Text-Collage), Vorabdruck aus: Utopie kreativ, H. 172 / Februar 2005, S. 147-151 [pdf, 144KB]

Links:

Gundermanns Seilschaft e.V.: www.gundi.de