Documentation Organisierung zwischen Autonomie und Pflegenotstand

Workshop zu kollektiven Handlungsmöglichkeiten migrantischer Hausarbeiterinnen

Information

Event location

Curio-Haus
Rothenbaumchaussee 15
20148 Hamburg

Date

07.09.2007 - 08.09.2007

With

Sabine Hess (Universität München) und Mone Spindler (Institut für Soziale Infrastruktur, Frankfurt am Main)

Themes

Gender Relations, Globalization, Political Youth Education

Organisieren statt Putzen (lassen) - Migrantische Hausarbeiterinnen in Europa

Bericht: Iris Nowak

Bezahlte Hausarbeit, sei es Putzen, Pflegearbeit oder Kinderhüten, ist für Frauen, die in der Migration leben, einer der wichtigsten Arbeitsmärkte. Ihre prekäre Lebens- und Arbeitssituation wird zunehmend Thema in manchen Massenmedien und wissenschaftlichen Kontexten. Auffallend ist dabei, dass kaum über kollektive Handlungsmöglichkeiten berichtet wird, mit denen die Frauen für ihre Rechte kämpfen (können). Der Workshop "Organisierung zwischen Autonomie und Pflegenotstand", der im September in Hamburg stattfand, wollte diese Leerstelle füllen.

Inhalt:

Langjährige migrantische Erfahrungen mit spezifischem „Organizing“

Widersprüche der Organisierung als Hausarbeiterinnen

Kulturproduktion als Ort der Organisierung

Verhältnis individuelle Beratung und kollektive Organisierung

(Noch mehr) Strategien von und in Gewerkschaften

Bündnisse und Widersprüche in Kämpfen um Sorgearbeit

Der Workshop, der von dem RLS-geförderten Projekt Prekarisierung und kollektive Organisierung, vom Institut für soziale Infrastruktur und von Preclab organisiert worden war, verfolgte das Anliegen, unterschiedliche Strategien sichtbar zu machen, mit denen die Lebenssituation migrantischer Hausarbeiterinnen verbessert werden kann. Bezahlte Hausarbeit, sei es Putzen, Pflegearbeit oder Kinderhüten, ist für Frauen, die in der Migration leben, weltweit einer der wichtigsten Arbeitsmärkte. Ihre prekäre Lebens- und Arbeitssituation wird zwar in einigen Massenmedien und wissenschaftlichen Kontexten in Deutschland zunehmend thematisiert. Auffallend ist dabei allerdings, dass kaum über kollektive Handlungsmöglichkeiten berichtet wird, mit denen die Frauen für ihre Rechte kämpfen (können). Das überraschend große Interesse an dem Workshop - etwa sechzig Personen nahmen teil - zeigt, dass an solchen Diskussionen über Organisierung, die Fragen nach Migration und Geschlecht als Ausgangspunkt nehmen, ein großer Bedarf besteht. Es trafen Gruppen und Einzelpersonen aufeinander, die bis dahin in keinem Arbeitszusammenhang gestanden hatten. Damit ermöglichte die Veranstaltung persönliche Begegnungen und diente zugleich als Ort der Inspiration für (lokale) Aktivitäten und punktuell wirksame Bündnisse.

Langjährige migrantische Erfahrungen mit spezifischem „Organizing“

Etliche der Berichte und Diskussionsbeiträge der Aktivistinnen aus migrantischen Gruppen machten deutlich, dass vieles von dem, was jetzt bisweilen etwas aufgeregt unter dem Begriff des „Organizing“ als neue Strategie diskutiert wird, in migrantischen Zusammenhängen schon lange Praxis ist. Weil es hier als notwendiges Moment des Alltagslebens auftaucht: Orte zu schaffen, an denen man sich treffen kann, um sich zunächst einmal über individuelle Erfahrungen und Probleme auszutauschen; daran zu arbeiten, dass möglichst immer mehr Menschen daran beteiligt sind, Wissen über Rechte und (politische) Handlungsfähigkeit weiterzugeben und öffentlichkeitswirksam zu arbeiten. Deutlich wurde in allen Beiträgen, dass kollektive oder institutionalisierte Praxen immer an autonome Selbstorganisierung und individuelle Widerstandsformen anknüpfen, die Frauen auch unabhängig von solcher Unterstützung entwickeln (müssen), um ihr Überleben zu sichern.

Fe Jusay nahm als Vertreterin des Netzwerkes Respect Europe am Workshop teil, das 1998 gegründet wurde, um Migrantinnen zu unterstützen, die in Privathaushalten tätig sind. Sie ist zugleich Aktivistin im niederländischen Women´s Programme of the Commission for Filipino Migrant Workers (CFMW) (http://www.cfmw.org) und in der Gruppe trusted migrants aktiv, einer niederländischen Selbstorganisation von migrantischen Hausarbeiterinnen. Sie beschrieb, welche große Bedeutung in diesen Netzwerken Trainings haben, in denen MigrantInnen u.a. lernen, sich selbst gegenseitig im Umgang mit Arbeitgebern zu unterstützen und gemeinsam gesellschaftlich zu artikulieren. Die Anfänge für entsprechende Praxen liegen im Falle der niederländischen Netzwerke in den 1990er Jahren. Sie entsprangen einer hohen Zahl an Anfragen, in denen um Beratung und Unterstützung gebeten wurde, der oft nur eine kleine Anzahl von Aktiven gegenüberstand. Immer mehr Frauen zu befähigen bzw. darin zu unterstützen, sich selbst mit anderen zusammen in eigener Sache zu artikulieren, wurde so schnell zum notwendigen Moment der politischen Arbeit, in der Ressourcen für andere, hierarchischere Strukturen fehlten.

Mittlerweile kann entsprechendes Training auch mit gewerkschaftlicher Unterstützung angeboten werden: Seit Juni 2006 können migrantische Hausarbeiterinnen in der Abvakabo FNV (Federatie Nederlandse Vakorganisaties) unabhängig von ihrem Aufenthaltsstatus Mitglied werden, was bereits 200 Frauen getan haben. Jusay bezeichnete diese neue Offenheit der Gewerkschaft auch für Illegalisierte und für Menschen in undokumentiertem Arbeitsverhältnis als wichtigen Durchbruch in der langjährigen Auseinandersetzung mit Gewerkschaften. Sie wies zugleich darauf hin, dass erst der regelmäßige Dialog zwischen der Gewerkschaft und ihren neuen Mitgliedern zeigen wird, was hieraus konkret folgt.

Von den Mühen der Alltagsarbeit in Gewerkschaften berichteten Vertreterinnen der Berliner Gruppe Respect. Eine wichtige Unterstützung von (gerade auch illegalisierten) Migrantinnen sehen sie in Beratungsangeboten, an die sich Frauen nicht allein wegen ihrer Arbeitsrechte wenden können, sondern in denen sie zugleich auch über Aufenthaltsrechte und soziale Angebote und Einrichtungen für MigrantInnen informiert werden. Ob dieses von Seiten der Gewerkschaften angeboten werde, darüber gebe es keine einheitlichen institutionalisierten Willen bei ver.di, der deutschen Dienstleistungsgesellschaft, mit der Respect Berlin kooperiert. Während einige Beratende dies für selbstverständlich halten, drohen andere bisweilen mit der Ausländerbehörde, wenn sie erfahren, dass die Ratsuchende illegalisiert ist.

Als wichtige Grundlage ihrer Arbeit beschrieben die Berlinerinnen die UN-Konvention für die Rechte von WanderarbeiterInnen. Allerdings sei es immer wieder schwierig, solche internationalen Entwicklungen und auch die institutionelle Logik hiesiger Gewerkschaften mit den Alltagserfahrungen der Frauen zu vermitteln. Deren Situation sei gerade bei neu ankommenden Frauen schwierig, die oft keine Vorstellungen von hiesigen Ausländergesetzen und Arbeitsverhältnissen hätten, die Sprache noch nicht verstehen würden und auch noch nichts über eigene Rechte und Möglichkeiten wüssten. Respect will die Frauen aber auch in dieser Situation nicht einfach als hilfebedüftige Opfer behandeln, sondern versteht sie darin fördern, in ihre eigene Lebenssituation gestaltend einzugreifen. Dass andere Gruppen bzw. Institutionen oft von dem Bild der armen unterdrückten Migrantin ausgehen, erschwere die Diskussion über Strategien zur Stärkung der Handlungsfähigkeit der Frauen.

Neben der Überzeugungsarbeit in und mit Gewerkschaften sieht das europäische Netzwerk Respect eine wichtige Strategie in den Begleitprozessen, die sich um das CEDAW-Übereinkommen (Convention for the Elimination of all Forms of Discrimination against Women) der Vereinten Nationen herum organisieren. In den Niederlanden wird parallel zum offiziellen Bericht der niederländischen Regierung, in der über die Umsetzung des Übereinkommens berichtet wird, derzeit von einigen Nicht-Regierungs-Organisationen ein ergänzender Schattenbericht verfasst. (Ein ähnlicher Prozess läuft auch in Deutschland, vgl. http://www.feministisches-institut.de/cedaw.html). Dieser soll die spezifische Situation von Migrantinnen sichtbar machen. Die politischen Forderungen von Respect Europe beziehen sich auf soziale Rechte für Frauen in der Migration, auf bessere sozioökonomische Bedingungen in deren Herkunftsländern sowie auf veränderte Einwanderungsmöglichkeiten. Für die niederländische Situation wies Fe Jusay zudem darauf hin, dass es bisher wenig Forschung zur Lebens- und Arbeitssituation migrantischer Arbeiterinnen gebe.

Erst der Workshop hatte übrigens zutage gefördert, dass unter dem Namen Respect sowohl die Berliner Gruppe arbeitet als auch das Netzwerk existiert, das sich als europaweites versteht. Beide Akteurinnengruppen hatten allerdings seit Jahren nichts voneinander gehört und traten erst im Zuge der Vorbereitung dieses Workshops wieder miteinander in Kontakt. Ein Beispiel für die oft brüchige Vermittlung von lokaler Aktivität und internationaler Vernetzung.

Widersprüche der Organisierung als Hausarbeiterinnen

Die Diskussionen über Ansätze zur Selbstorganisierung von Migrantinnen, der die ersten Teile des Workshops gewidmet waren, verdeutlichten, dass die Frage nach den spezifischen Organisierungsmöglichkeiten als Hausarbeiterinnen zwar notwendig ist. Doch zugleich läuft sie auch Gefahr, den Blick zu verengen. Die Fokussierung auf die Arbeitsbedingungen in diesem Bereich macht insofern Sinn, als Tätigkeiten in diesem Bereich aufgrund der hiesigen aufenthalts- und arbeitspolitischen Regulierungen für viele Frauen eine zentrale Möglichkeit zur Existenzsicherung darstellen. Bezahlte Hausarbeit von Migrantinnen nimmt, wie Helma Lutz ausführte, in allen europäischen Ländern zu; einige ehemalige Emigrationsländer in Süd- und Osteuropa würden dabei nun zu Immigrationsländern oder seien beides zugleich. Ob (oft trotz fehlender Arbeits- und Aufenthaltsrechte) Widerstandsmöglichkeiten gegen Lohnraub, sexuelle und/oder psychische Übergriffe durch die Arbeitgeber gefunden werden können, hat für die Lebensqualität vieler Migrantinnen insofern existenzielle Bedeutung.

Zugleich stellt die Frage nach den Arbeitsbedingungen in Privathaushalten oft nur eine Facette des Alltags und der Selbstorganisierung von Migrantinnen dar. An einer Organisierung vor allem als Hausarbeiterinnen bestünde, so erläuterte Luzenir Caixeta von dem Linzer Projekt Maiz (www.maiz.at), auf Seiten der Frauen aus zwei Gründen wenig Interesse: Zum einen haben viele von ihnen aufgrund der rigiden Migrationsgesetzgebung eine illegalisierten Status. Daher stehen oft die Angst, die das Leben in der Illegalität ausmacht, sowie die Schwierigkeiten in der Alltagsbewältigung, die hieraus erwachsen, im Vordergrund der Arbeit von Maiz. Zum anderen pendeln die meisten Frauen zwischen verschiedenen Tätigkeitsbereichen. Zwar seien diese alle im Bereich der Sorge um individuell-körperlich-sinnliche Bedürfnisse angesiedelt, darin aber gebe es im Alltag der Frauen einen fließenden Wechsel zwischen Sexarbeit, Reinigungs- und Pflegetätigkeit und der Gastronomie bzw. Unterhaltungsindustrie. Maiz kämpft daher seit Anfang seines Bestehens (1994) in all diesen Bereichen um die Sichtbarkeit und die Rechte von Migrantinnen. Von der Struktur her finanziert sich Maiz vor allem über befristete Projekte, die zum überwiegenden Teil von der Europäischen Union gefördert werden (der Rest über städtische Mittel und über Spenden). Diese Projekte sind im Bereich Kunst, politische Bildung und Beratung und auch in der sozialen Arbeit angesiedelt. Dabei werde versucht, den Spagat zwischen der Professionalierung der langjährigen Mitarbeiterinnen (die von Geldgebern erwartet werde und für erfolgreiche Lobbyarbeit notwendig ist) und der Beteiligung möglichst vieler Frauen, die sich an Maiz wenden, auch an öffentlichen Projekten aufrechtzuerhalten. Dabei nimmt in den letzten Jahren die Auseinandersetzung mit Tätigkeiten in Privathaushalten zu. Ähnlich wie in Deutschland gibt es in Österreich für Frauen keine Möglichkeit, über diese Tätigkeiten ihren Aufenthaltsstatus zu sichern.

Marylou Hardillo-Werning beschrieb mit der Tätigkeit von Babaylan e.V., dem europaweiten Netzwerk philippinischer Migrantinnen, eine andere Form der politischen Arbeit (http://www.babaylan-europe.org). Viele der darin tätigen Frauen sind in Beratungsstellen und sozialen Projekten tätig, Babaylan selbst verfügt aber über keinerlei bezahlte Stellen. Das Netzwerk wurde 1992 in Barcelona gegründet und hat zurzeit Mitgliedsorganisationen in neun europäischen Ländern. Es versteht sich als Forum, in dem sich philippinische Migrantinnen über verschiedenste politische Themen austauschen und Lobbyarbeit betreiben können. Dazu finden auch regelmäßige europaweite Konferenzen statt. Marylou Hardillo-Werning ging in ihrem Vortrag auch auf die Situation auf den Philippinen ein. Im Jahre 2005 verließen etwa 3.000 Menschen täglich die Philippinen, davon waren 65 % Frauen. Hintergrund dieser hohen Migrationsrate sind zahlreiche Vermittlungsagenturen und eine Regierungspolitik, die diese Migration strategisch fördert (anstatt im Land selbst etwas gegen Arbeitslosigkeit und niedrige Löhne zu unternehmen.) Die (von der Zentralbank offiziell erfassten) Rücküberweisungen von sogenannten Overseas Contract Workers betrug allein im Jahr 2005 gut 10 Mrd. US-Dollar, was den mit Abstand größten Devisenbringer im Land darstellte. Es ist auch Anliegen von Babaylan, die Frauen, die in Europa leben, dazu zu befähigen, sich in die Politik in ihrem Heimatland einzubringen.

Insgesamt gehe es darum, Migration nicht in ein Gut-Böse-Schema zu pressen, also jeweils nur die negativen Seiten für Frauen zu betonen oder aber sie nur als Emanzipationsmöglichkeit darzustellen. Gerade im Hinblick auf die Veränderung von Geschlechterverhältnissen gehe es darum, die widersprüchlichen Folgen von Migrationsprozessen im Einzelnen genau zu begreifen. Aus diesem Grund . versucht Babaylan auch, Forschungsprozesse zu Migration und Geschlecht zu initiieren bzw. unterstützen und in der philippinischen Community zur Diskussion zu stellen.

Hinsichtlich der spezifischen Organisierung von Hausarbeiterinnen wies Hardillo-Werning darauf hin, dass philippinische Frauen seit Beginn der 1980er Jahre zum überwiegenden Teil als Heiratsmigrantinnen nach Europa gekommen seien. (Das Philippine Information Center schätzte 1990, dass jährlich etwa 1000 Philipinas einen Antrag auf „Certificate oft Legal Capacity to Contract Marriage“ in der Philippinischen Botschaft in Bonn stellten.) Zwar gehe es in dieser Heiratsmigration auch oft um den Tausch von Sorge- und Sexarbeit gegen ökonomische und/oder rechtliche Sicherheit; insofern gebe es eine gewisse Vergleichbarkeit mit der Situation migrantischer Hausarbeiterinnen. Allerdings werde die juristische und soziale Situation, innerhalb der die Frauen leben, vom ihrem Status als Ehefrauen bestimmt.

Um diese fließenden Übergänge zwischen den unterschiedlichen Bereichen der Sorge, die die spezifische Verortung von Frauen in prekarisierten Verhältnissen ausmacht, begrifflich zu fassen, wurde von der spanischen Gruppe Precarias a la Deriva der Begriff des „Sex-Pflege-Kontinuums“ entwickelt (vgl. http://republicart.net/disc/precariat/precarias01_de.htm). Mit ihm soll zum Ausdruck gebracht werden, dass Tätigkeiten des Putzens, der Pflege und des Erbringens von sexuellen Dienstleistungen eine ähnliche Aufmerksamkeit für Affekte und Emotionen des Gegenübers erfordern. Die Regulierung und Gestaltung dieser Dimension menschlichen Lebens ist dabei in den gegenwärtigen Verhältnissen in ein komplexes Geflecht aus der Ethnisierung von Sex- und Pflegearbeit, transnationalen Lebensweisen und verschobenen hegemonialen Geschlechterverhältnissen eingelassen.

Hieraus entstehen für die Frage nach der Organisierung der Frauen spezifische Anforderungen: Entsprechende Tätigkeiten sind sowohl in ihren Herkunfts- als auch in den Zielländern gesellschaftlich oft gering bewertet, da sie eine fließende Nähe zu familiären Sorgeverhältnissen haben und (daher) als Ausdruck natürlicher weiblicher Fähigkeiten oder gar Liebe gelten. Viele Migrantinnen haben in ihren Herkunftsländern eine akademische Ausbildung in unterschiedlichsten Bereichen erworben, die in europäischen Ländern aber im allgemeinen nicht anerkannt werden. Auch Weiterbildungsmöglichkeiten sind ihnen hier nicht zugänglich. Die Übernahme bezahlter Hausarbeit und anderer Sorgearbeit ist daher eine Folge der rassistischen und geschlechtspezifischen Zuschreibungen und eine entsprechenden Regulierung der Arbeitsmärkte. Sie ermöglichen gegenüber den geringen Einkommensmöglichkeiten im Herkunftsland zwar eine ökonomische Verbesserung für die Frauen und/oder ihre Familien. Die Tätigkeiten selbst laden aber wenig dazu ein, von ihnen ausgehend kraftvolle politische Identitäten und Ausdrucksformen zu entwickeln.

Zugleich prägt die Zuständigkeit für diesen Bereich der Sorge aber auch den (Arbeits-)Alltag von Migrantinnen. (z.T. intime) Begegnungen mit den ArbeitgeberInnen innerhalb deren Privatbereich, aber auch die von anderen Arbeitenden völlig isolierte Arbeitssituationen stellen spezifische Bedingungen dar, die die Tätigkeit der Hausarbeiterinnen von anderen Formen der Lohnarbeit unterscheidet. Die Zuschreibung natürlicher Eigenschaften als Frau und Migrantin und die Verknüpfung aus Lohnverhältnis und persönlich-körperlicher Begegnung zwischen Arbeiterin und ArbeitgeberInnen sind daher zentrales Moment der Alltagserfahrungen der Frauen. Jedes Empowerment muss insofern gleichzeitig unterschiedliche Ziel verfolgen: Es gilt, die individuelle Selbstbehauptung und –ermächtigung und die Rechte der Frauen innerhalb dieser Sorgeverhältnisse zu stärken. Zugleich geht es darum, öffentlich zu artikulieren, dass schon die zugeschriebene Zuständigkeit für diesen Bereich ein Ergebnis politischer Regulierung ist, das eher dem Bedarf hiesiger Gesellschaften und nicht den Wünschen der Migrantinnen entspricht.

Kulturproduktion als Ort der Organisierung

Aus diesem brüchigen Verhältnis der migrierenden Frauen zu ihrer Tätigkeit als Hausarbeiterin folgen spezifische Anforderungen und Widersprüche, in denen sich jeder Arbeit bewegt, die für Hausarbeiterinnen einen Ort in Gewerkschaften (und auch in anderen Institutionen) schaffen will. Die Herausforderung liegt darin, eine Politik um Arbeit zu entwickeln, die deren Bedingungen thematisiert, aber zugleich nicht voraussetzt, dass allein Lohnarbeit für Identität und Lebensqualität bestimmend ist. Offenbar könnten auch die Frauen selbst hierdurch neue Perspektiven entwickeln. Mehrere Referentinnen berichteten, dass Migrantinnen dort, wo ihnen die Möglichkeit zur Mitgliedschaft in einer Gewerkschaft gegeben wird, aufgrund dieser Mitgliedschaft oft ein stärkeres Bewusstsein als Arbeitende, die auf bestimmte Rechte bestehen können, entwickelten.

Vor diesem Hintergrund der (ungewollten) Zuständigkeit von migrierten Frauen für Sorgearbeit aller Art betonten fast alle Anwesenden die hohe Bedeutung von Organisierungsformen, in denen Frauen ihre Fähigkeiten (weiter-)entwickeln, sich aktiv in die Diskurse der Mehrheitsgesellschaft, in der sie leben, einzubringen. Marylou Hardillo-Werning beschrieb, dass wichtige Orte, an denen Babaylan e.V. Kontakt zu neuen Frauen herstellt, Workshops zu Themen wie Sexualität oder Möglichkeiten des Umgangs mit alltäglichem Rassismus sind. Dies ist in der Diskussion um Organisierung nicht als Randbemerkung zu verstehen, sondern eröffnet eher die Frage, inwiefern für viele Migrantinnen Lohnhöhe und Arbeitszeit (als klassische gewerkschaftliche Organisierungsziele) nicht unbedingt im Vordergrund der eigenen Unterdrückungserfahrungen und Emanzipationsstrategien stehen. Fe Jusay beschrieb unsichtbares Theater nach Augusto Boal als wichtige Form der Kommunikation zwischen migrantischen Gruppen und z.B. Gewerkschaften und feministischen Netzwerken. Luzenir Caixeta beschrieb Ausstellungskästen in der Linzer Innenstadt, die regelmäßig Kulturproduktionen von Maiz präsentieren, in denen Migrantinnen ihre Sicht auf die hiesigen Gesellschaften darstellen. Diese kulturellen Praxen haben offensichtlich immer eine doppelte Funktion: Solche Strategien lassen sich als Antwort darauf lesen, dass der Migrantinnen mit ihrer ganzen Persönlichkeit in Ausbeutungsverhältnisse und gesellschaftliche Hierarchien und Zuschreibungen eingelassen sind. Sie stellen eine kollektive Auseinandersetzung mit vorherrschenden Denk-, Fühl- und Handlungsweisen dar. Sie beinhalten eine Bearbeitung der eigenen Selbst- und Weltbilder und weisen zugleich gesellschaftliche Bilder zurück, in denen die Frauen wahlweise als „putzende Perle“ oder als bemitleidenswerte Opfer krimineller Machenschaften auftauchen. Auf diese Weise stellen sie – sofern sie auf entsprechende Offenheit stoßen – Angebote zur Kommunikation dar, die von einem selbstbestimmten Standpunkt aus geführt wird.

Verhältnis individuelle Beratung und kollektive Organisierung

Ein roter Fragen, der sich (z.T. als Konflikt) durch den Workshop zog, war die Frage danach, wie sich Angebote, die Migrantinnen durch individuelle Beratung unterstützen, zu Ansätzen verhalten, die die Entwicklung kollektiver Handlungsmöglichkeiten vorantreiben wollen. Bisweilen schien die Zuständigkeit für Beratungsarbeit und politische Arbeit auf unterschiedliche Gruppen verteilt. Dies liegt, so wurde teilweise deutlich, nicht zuletzt an den geringen zeitlichen Ressourcen der Akteurinnen, die in selbstorganisierten Gruppen arbeiten. Es kann aber zugleich auch Ausdruck einer unterschiedlichen Auffassung von Solidarität und gesellschaftlicher Handlungsfähigkeit sein. Als politische Arbeit betrachteten dabei alle Akteurinnen ihre Arbeit: Im einen Falle (in der Beratungsarbeit) helfen sie jenen, denen staatlicherseits Gleichgültigkeit entgegengebracht wird und grundlegende Menschenrechte nicht zugestanden werden. Vertreterinnen der Hamburger Gruppe Mujeres sin Fronteras, deren Schwerpunkt auf dieser Arbeit liegt, betonten, dass solche Beratungsangebote oft notwendig seien. Sie verwiesen darauf, dass Migrantinnen immer mal wieder in Situationen stecken, in denen sie vor allem einen Raum zum Reden über die eigenen Probleme und die Suche nach konkreter Unterstützung für genau diese brauchen und alles andere für sie eher eine Überforderung darstellt. Die Mujeres sin Fronteras bestanden zudem auf das Recht von Migrantinnen, sich auch mal bloß ihrem Alltagsleben zu widmen, ohne sich gleich um jedes Problem politisch organisieren zu müssen. Die meisten der übrigen Rednerinnen bestanden demgegenüber auf Räume, in denen Migrantinnen sich treffen, austauschen und im besten Falle gemeinsam an gesellschaftlich sichtbaren Repräsentationen ihrer prekären Lebenssituation arbeiten.

Die Schilderung von Kate Roberts über die Entwicklungen in der Londoner Gruppe Kalayaan warfen auf dieses Verhältnis von Beratung und kollektiver Kampagnenarbeit ein interessantes Licht. Sie beschrieb beide Tätigkeiten eher als zwei Pole, zwischen denen Kalayaan in den letzten Jahren mit seinen Aktivitäten hin- und hergewandert ist. Dies geschah nicht zuletzt als Reaktion auf den sich verändernden gesellschaftlichen Status der Migrantinnen, mit denen sich auch deren Bedürfnisse veränderten.

Bis 1998 war die Arbeit von Kalayaan durch ein Zusammenspiel mehrerer Komponenten gekennzeichnet: Kalayaan selbst konnte einen Ort zu Verfügung stellen, in dem sich migrantische Hausarbeiterinnen treffen und austauschen konnten und, wo nötig, Unterstützung aller Art bekamen. Die Transport and General Workers Union (TGWU) ermöglichte ihnen die Mitgliedschaft unabhängig von ihrem Aufenthaltsstatus, was vielen Frauen auch mehr Selbstbewusstsein als Arbeitende im Kampf um ihre Rechte gab. Es entstand eine Dynamik, in der viele Hausarbeiterinnen miteinander und öffentlich über Missbrauch und Lohnraub durch ihre ArbeitgeberInnen sprachen. Letztlich war, so Roberts, der Regierungswechsel 1998 dafür ausschlaggebend, dass man die (neue) Regierung dazu bringen konnte, ihre vorher gemachten Zusagen einhalten zu müssen. Es kam zu einer Regelung, in der Hausarbeiterinnen als Arbeiterinnen anerkannt wurden und ihnen die Möglichkeit zugestanden wurde, den Arbeitgeber zu wechseln, ohne das Bleiberecht zu verlieren. Hierdurch wurden persönlichen Abhängigkeitsverhältnisse, auf denen Gewalt und Lohnraub durch Arbeitgeber beruhte, aufgehoben bzw. abgeschwächt.

Doch gerade als Konsequenz aus diesem politischen Erfolg wurde aus Kalayaan eher eine Beratungsstelle, die über 5.000 migrantischen Hausarbeiterinnen bei ihrem Legalisierungsprozess half. Roberts formulierte deutlich, dass diese individuelle Fallberatung notwendig war, aber zugleich im Gegensatz zu einem weiteren Empowering der Migrantinnen selbst stand: Beratungsarbeit behandele die Situation der Migrantinnen immer als bloß individuelle Fälle. Hilfestellung werde in einem klar hierarchisierten sozialen Verhältnis (in dem die beratende Person das Wissen hat und die Verantwortung trägt) geleistet. Auf Seiten der Beratenden brauchten Aneignung und Weitergabe entsprechenden Wissens soviel Zeit und Kraft, dass auch hier wenig Platz dafür blieb, weiterhin an einer Kampagne zu arbeiten.

Der Wandel von Kalayaan war auch Ausdruck davon, dass sich mit den Legalisierungsmöglichkeiten die Prioritäten vieler Migrantinnen veränderten. Sie begannen, sich an dem Erhalt des eigenen Aufenthaltsstatus oder an den Einreisemöglichkeiten ihrer Familien zu orientieren. Eine Öffentlichmachung der eigenen Situation und Erfahrungen, in denen ArbeitgeberInnen die Hierarchien ausnutzten, wurde hierfür als kontraproduktiv angesehen. Sofern tatsächlich Ehepartner oder/und Kinder einreisten, nahm das Familienleben oft (sonntäglichen) Platz in Anspruch, der sonst für politische Aktivitäten zur Verfügung gestanden hatte.

Zurzeit gibt es aufgrund veränderter politischer Perspektiven erneut die dringende Notwendigkeit, über kollektive Organisierungsformen und neue Kampagnen nachzudenken: Derzeit überlegt die britische Regierung, den Aufenthaltsstatus von Hausarbeiterinnen zu begrenzen und wieder an einen Arbeitgeber zu binden, also zu dem Status von vor 1998 zurückzukehren.

Insgesamt verdeutlichten die Diskussionen des Workshops, dass das Spannungsverhältnis zwischen beiden Polen der politischen Arbeit (Beratung einerseits, kollektive Organisierung andererseits) sich nie abschließend bearbeiten lässt; es muss vielmehr immer wieder (abhängig von der politischen Situation, den Ressourcen der Gruppen und auch dem sich verändernden Bedarf der Migrantinnen selbst) als notwendiger Ausgangspunkt neuer Strategien und Schwerpunktsetzungen dienen.

 

(Noch mehr) Strategien von und in Gewerkschaften

Die bis hierhin vorgestellten Formen der Selbstorganisierung wiesen sehr unterschiedliche Beziehungen zu Gewerkschaften auf: Im Falle der niederländischen Netzwerke findet derzeit offenbar eine langsame Anerkennung durch Gewerkschaften (in Hinblick auf das Problem der Illegalisierung und auf die Bedeutung bezahlter Hausarbeit) statt. Für Respect Berlin ist die Arbeit innerhalb von ver.di zwar wichtige Strategie (neben anderen), allerdings kommen sie offenbar über individuelle Aufklärungs- und Überzeugungsarbeit kaum hinaus. Das Zusammenspiel aus gewerkschaftlicher Unterstützung, der eigenständigen Kampagne von Kalayaan sowie der Existenz eines sicheren Raums, in dem sich Hausarbeiterinnen treffen und Netzwerke aufbauen konnten, bezeichnete Kate Roberts als eine wichtige Voraussetzung für die (vergangenen) politischen Erfolge in Großbritannien.

Neben diesen Kooperationen mit Gewerkschaften wurden anhand von Maiz, Babaylan und den Mujeres sin Fronteras deutlich, dass die kollektive Organisierung von Migrantinnen zugleich durch solche Formen gekennzeichnet ist, die seit Jahr(zehnt)en weit entfernt von Gewerkschaften agieren.

Zwei Referentinnen des Workshops widmeten sich schließlich noch einmal explizit der Perspektiven gewerkschaftlichen Handelns. Janette Vallejo Santes berichtete eindrucksvoll über die umfangreichen Aktivitäten und Angebote der Associació d'Ajuda Mútua d'Immigrants a Catalunya (AMIC, http://www.associacioamic.com ), die innerhalb der spanischen Gewerkschaft Unión General de Trabajadores (UGT) einen eigenständigen Raum für die Organisierung und Unterstützung von MigrantInnen, unabhängig von ihrem Aufenthaltsstatus darstellt. Um die Beratung und praktische Unterstützung migrantischer Communities zu gewährleisten, unterhält die AMIC-UGT in Katalonien ein Netz von 57 Büros, in denen entsprechende Arbeit z.T. seit 14 Jahren geleistet wird. Wesentliche Achsen der Arbeit von AMIC-UGT sind derzeit die juristische Beratung, die Qualifizierung von MigrantInnen für den Arbeitsmarkt, die Mediation in Konfliktfällen sowie die Sensibilisierung der Öffentlichkeit.

Deutlich wurde neben diesem Bericht, welch zartes Pflänzchen migrantische Organisierung in Gewerkschaften in Deutschland (noch) ist. Emilija Mitrovic beschrieb exemplarisch, dass auch in den letzten Jahren die Frage nach migrantischer illegalisierter Arbeit in Allgemeinen und nach Hausarbeiterinnen insbesondere z.T. unter dem Fokus diskutiert wurde, dass es sich hierbei um unerwünschte Schwarzarbeit handeln würde, die durch Verfolgung der Arbeitenden eingedämmt werden müsse, um Sozialstandards abzusichern. Allerdings verschiebe sich dieser Diskurs heute – nicht zuletzt auch durch entsprechende internationale Diskussionen – hin zu der Erkenntnis, dass man auch MigrantInnen als Arbeitende in der Durchsetzung ihrer Rechte unterstützen müsse, gerade um darüber allgemeine Standards zu verteidigen.

Sie wies auf einige konkrete Handlungsmöglichkeiten hin, die es schon heute gäbe, die allerdings regional sehr unterschiedlich von den Gewerkschaften gehandhabt werden. So gebe es bereits die Möglichkeit für Illegalisierte, Gewerkschaftsmitglied zu werden. In Hamburg etwa werde dies praktisch umgesetzt, indem diese Mitglieder einmal im Monat ihre Monatsbeiträge bar einzahlen. Diese Mitgliedschaft hat den Vorteil, dass die Existenz dieser Illegalisierten damit dokumentiert sei. Zudem stehe auch in Deutschland das Arbeitsrecht über dem Ausländerrecht; insofern können soziale Standards auch von und für illegalisierte Arbeitende eingeklagt werden. Eine weitere Form der Herstellung von Öffentlichkeit über die Lebensbedingungen der Illegalisierten könne in und durch Gewerkschaften vor allem dann geschehen, wenn sich MigrantInnen selbst organisieren und ihr Interesse an Unterstützung an Gewerkschaften herantragen. Emilija Mitrovic verwies auf die Gewerkschaftsfachtagung „Illegale Arbeit – illegales Leben?“, die am 25. und 26. Oktober stattfinden sollte und deren Anliegen es ist, die Offenheit für entsprechende Diskussionen in Gewerkschaften voranzutreiben.

Bündnisse und Widersprüche in Kämpfen um Sorgearbeit

In dem Teil des Workshops, der sich einer allgemeineren Politik um Sorgearbeit widmete, stand das Ringen um (finanziell, arbeits- und aufenthaltsrechtlich) existenzsichernde Arbeitsplätze als zentrale realpolitische Perspektive im Raum. Allerdings wurde von Barbara Thiessen (Deutsches Jugendinstitut, München) zugleich vorgeführt, dass alle staatlichen Versuche der letzten Jahre, den Bereich der bezahlten Hausarbeit zu regulieren, weitgehend gescheitert sind. Einstmals wurden von Seiten der Bundesregierung die Hoffnung artikuliert, dass in diesem Bereich um 1 Mill. Arbeitsplätze entstehen könnten. Es gab in den Folgejahren unterschiedliche Modellprojekte und Strategien, die von der Unterstützung lokaler Dienstleistungsagenturen über die Einführung sogenannter Haushaltschecks bis hin zu den Hartz-Gesetzen reichten. Letztlich führten allerdings all diese Strategien zu einer Regulierung von Hausarbeit als nicht existenzsicherndem Niedriglohnbereich. Es sei immer wieder deutlich geworden, dass es sowohl auf ArbeitgeberInnenseite als auch bei den Arbeitenden das Interesse gibt, diese Arbeit weiter informell zu regeln. Barbara Thiessen betonte, dass es immer noch darum gehe, Hausarbeit zu entmystifizieren und herauszuarbeiten, dass es sich hierbei nicht um eine Tätigkeit handele, die aus Liebe vollbracht werde. Vielmehr müssten die sozialen Kompetenzen, die dafür notwendig seien, aufgewertet werden, um auf dieser Basis die Bezahlung fair aushandeln zu können.

Helma Lutz betonte in ihrem Vortrag noch einmal, wie stark sich der Arbeitsmarkt der Haushaltsarbeit von anderen (als „normal“ verstandenen) Arbeitsmärkten unterscheide. Sie verwies auf den intimen Charakter der Arbeitsplatzsphäre, die mit der sozialen Konstruktion als weiblicher Tätigkeitsbereich einhergeht. Das Arbeitsverhältnis sei dadurch hoch emotional und personalisiert. Gerade auf dieser Ebene entwickele sich dann auch eine asymmetrische gegenseitige Abhängigkeit, in der die Hausarbeiterin permanent gefordert sei, Beziehungsarbeit zu leisten, aber zugleich den Status der Arbeitgeberin (als liebende Mutter/Tochter/Gattin etc.) nicht in Frage zu stellen.

In den Herkunftsländern, aus denen Frauen massenhaft abwandern, komme es zu einem „Care-Drain“, d.h. zum Abzug von Fürsorgekapital in einem gesellschaftlich relevanten Ausmaß. Gleichzeitig betonte auch Helma Lutz, dass die Frauen, die sich zur Migration entschieden, nicht einfach als Opfer der ärmlichen gesellschaftlichen Verhältnisse in ihrem Herkunftsland anzusehen seien. Vielmehr sei ihre Migration auch eine Strategie des Widerstands gegen zunehmende Prekarisierung. Sie zitierte Mirjana Morokvasic dahingehend, dass Frauen „ihre Zuhause verlassen, um es zu erhalten“. Die Aussage verdeutlicht, dass viele Frauen in der Migration zwar in neuer Form zur ökonomischen Existenzsicherung ihrer – oft in den Herkunfsländern verbleibenden – Familien beitragen. Sie behalten aber zugleich oft auch die Verantwortung für die sozialen Prozesse innerhalb Familie und die Entwicklung der einzelnen Familienmitglieder – trotz der räumlichen Distanz.

Problematisch war, dass relativ wenig benannt wurde, dass eine Politik zur existenzsichernden Regulierung der Hausarbeit auf relativ enge Grenzen stoßen wird, solange sie innerhalb gesellschaftlicher Verhältnisse verwirklicht wird, in denen jegliche menschliche Regung ökonomisiert wird oder werden soll.

Entgrenzte Zugriffe der Unternehmen auf die Arbeitskraft ihrer Angestellten treffen zunehmend sowohl Männer als auch Frauen; zugleich werden sozialstaatliche Einrichtungen und Leistungen abgebaut. Wo auch die Sorgearbeit durch entsprechende staatliche Regulierung marktförmig gestaltet wird, stellt der Rückgriff auf die Arbeitskraft anderer, die deutlich schlechter bezahlt sein muss als die eigene, nicht bloß ein Privileg, sondern fast schon eine ökonomische Notwendigkeit dar. Man delegiert damit all jene Tätigkeiten, die sich nicht der entgrenzten Leistungsbereitschaft zur Pflichterfüllung gegenüber dem Arbeitgeber unterwerfen lassen und somit der Sicherung der eigenen Existenz im Wege stehen. Die prekarisierten Arbeits- und Lebensverhältnisse von Migrantinnen im Bereich privater Haushalte sind insofern eine Voraussetzung für ein erfolgreiches und selbstbestimmtes Handeln ihrer ArbeitgeberInnen innerhalb der - in anderer Weise - prekarisierten Verhältnisse, in denen letztere leben. Ob sich hieraus realpolitische Bündnisse schmieden lassen, die der neoliberalen Logik und zugleich der patriarchalen Abwertung von Sorgetätigkeit Einhalt bieten, diese Frage hatte auf dem Workshop leider keinen Raum. Dies würde einerseits die Erneuerung feministischer Strategien, andererseits die verstärkte Berücksichtigung bereits existierender feministischer Kritik in gewerkschaftlicher Arbeit voraussetzen.


Programm

Freitag, den 7. September 2007

19 Uhr

Individuelle Handlungsfähigkeit und kollektive Organisierung – Widersprüche und Perspektiven in stadt(teil)bezogener Arbeit

-     Mujeres sin Fronteras (Hamburg)

-     Sabine Stövesand (HWWA Hamburg), angefragt

-     Luzenir Caixeta (MAIZ, Linz), angefragt

Im Anschluss

Buffet und Ausschnitte aus dem Dokumentarfilm „Haus – Halt – Hilfe“ (Petra Valentin, 2006)

Samstag, den 8. September 2007

10.15 – 11.00

Begrüßung und Fragen zu den Reproduktionsverhältnissen aller Teilnehmenden

11.00 – 12.30

Globale soziale Rechte und Umverteilung gesellschaftlich notwendiger Arbeit? Erfahrungen und Perspektiven in der Selbst-Organisierung

-     Respect Berlin

-     N.N.

 

Kaffeepause

12.45- 14.15

Staatliche und andere Interessen an guter Pflege und Integration

-     Barbara Thiessen (Deutsches Jugendinstitut, München): kritische Reflektion bisheriger Regulierungsversuche von Haus- und Pflegearbeit

-     Helma Lutz (Universität Münster): Der neue europäische Markt für migrantische Hausarbeit. Anforderungen an eine gender- und migrationsgerechte Analyse

-     Heike Raab (Universität Wien): Widersprüchliche Bewegungen: Behindertenemanzipation vs. soziale Rechte von Hausarbeiterinnen, angefragt

 

Mittagspause

15.15 – 16.45

Perspektiven gewerkschaftlicher und außergewerkschaftlicher Organisierung

-     N.N. (CNT, Barcelona), angefragt

-     Peter Bremme (ver.di, Hamburg)

-     Bridget Anderson (): Kalayaan – fünf Jahre später, angefragt

 

Kaffeepause

17.00 – 18.30

Repolitisierung von Haus- und Pflegearbeit. Wo bestehen Bündnismöglichkeiten? Politik um (eigene) Alltagsreproduktion: Wer spricht dazu wie?

-     Mary Lou U. Hardillo-Werning (Philippine Women’s Forum e.V. BABAYIAN, Köln), angefragt

-     Zagas Berlin (PILOT-Projekt), angefragt

-     Effthimia Panagiotidis (euromayday, organizing, Hamburg)

Wer putzt und bügelt zu Hause und  kümmert sich um Kinder, Opa und die Katzen? Wenn die Leistungsträger der Nation diese Arbeit nicht schaffen, springen migrantische Hausarbeiterinnen ein. Von einer Wachstumsbranche der Zukunft ist die Rede. Heute gibt es ca. vier Millionen Beschäftigungsverhältnisse in Privathaushalten. Der Boom entsteht zu Lasten der Arbeitenden: die vielfach vorliegende Informalität produziert eine hohe Ausbeutbarkeit und Verletzlichkeit. Gegenwehr scheint unter diesen Bedingungen schwierig – und doch haben Hausarbeiterinnen Taktiken und Strategien der Widerständigkeit entwickelt und in anderen europäischen Ländern gewerkschaftsähnliche Interessensvertretungen gegründet.

Diverse Forschungsarbeiten haben mittlerweile auch hierzulande die hyperprekäre Existenzweise im Bereich der migrantischen Haus- und Versorgungsarbeit ans Licht der Öffentlichkeit gebracht. Um die politischen Vernetzungen und öffentlichkeitswirksamen Aktionen u.a. von migrantischen Selbst-Organisationen, die es vor ein paar Jahren noch zu diesem Thema gegeben hat, ist es allerdings wieder still geworden.

Wir nehmen dies zum Anlass, erneut über Organisations- und Interventionsformen nachzudenken. Der Workshop richtet sich daher an Personen und Gruppen, die an der Verbesserung der Situation von Hausarbeiterinnen sozial, politisch, kulturell oder wissenschaftlich arbeiten oder gearbeitet haben. Ausgehend von den verschiedenen Ansätzen der migrantischen Selbstorganisation diskutieren wir, welche Widersprüche zwischen dem Kampf um Rechte und Interessen der Hausarbeiterinnen und institutionellem Handeln bestehen.