Documentation »Wahnsinn mit Methode - Finanzcrash und Weltwirtschaft«

Das Buch zur Weltfinanzkrise. Eine Dokumentation der Buchvorstellung

Information

Event location

Haus der Gewerkschaften
Otto-von-Guericke-Str. 6
39104 Magdeburg

Date

25.05.2009

With

Sahra Wagenknecht, Autorin

Themes

Kultur / Medien, Ungleichheit / Soziale Kämpfe

 


Karl-Marx-Ehrung der Rosa-Luxemburg-Stiftung 2009 mit Sahra Wagenknecht: Finanzcrash und Weltwirtschaft

Wie alljährlich organisierte die Rosa-Luxemburg-Stiftung auch in diesem Jahr eine Karl-Marx-Ehrung: am 25. Mai im überfüllten Saal des Gewerkschaftshauses (vom DGB-Bezirk Magdeburg zur Verfügung gestellt). Mitveranstalter war das „Bündnis Soziale Bewegung Sachsen-Anhalt“. Dass weit über 150 Zuhörer/innen gekommen waren, lag vor allem an der prominenten Rednerin, der Europa-Abgeordneten Sahra Wagenknecht (DIE LINKE, inner- und außerhalb der Partei bekannt als eine Sprecherin der Kommunistischen Plattform), und ihrem Thema.

An die Tradition der Marx-Ehrungen erinnerte eingangs Dr. Heinz Sonntag als Moderator der Veranstaltung. Nun war Sahra Wagenknechts Auftritt gar nicht von altbackenen, „altmarxistischen Lehrsätzen“ geprägt. Auf intellektuell hohem Niveau stellte sie in Lesung und anschließender Diskussion ihr jüngstes Buch „Finanzcrash und Weltwirtschaft“ vor. Auch wenn Wagenknecht auf Marx-Zitate völlig verzichtete, war doch ihr Auftritt im besten Sinne in Methodik von Analyse und Argumentation mit dem Erbe von Karl Marx verbunden.

Wie entstand die heutige Finanz- und Wirtschaftskrise? Ist sie nur das Ergebnis des Fehlverhaltens von gierigen Bankern – wie das sich in Unschuld waschende Politiker behaupten und wie das marktbeherrschende Medien gierig aufgreifen? Oder ist sie eher systembedingt, und somit mehr denn je ein Grund für Alternativen zur heutigen Wirtschaftsordnung? Wie erwartet, rückte Wagenknecht diese letzte Frage in den Mittelpunkt, mit klaren Argumenten, logisch und präzise formuliert.

Hier nur einige ihrer Kern-Aussagen: Seit 20 Jahren sind weltweit in Krisen mehr Finanzblasen zerplatzt als in den 200 Jahren Kapitalismus vorher. Und diese Finanzblasen quellen aus den Lebens-Adern eines nur rendite-orientierten Wirtschaftssystems. Zu den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts gibt es unheilvolle Parallelen: ungebremste Kapitalströme, eine perverse ungleiche Einkommens-Verteilung und ausbleibende Investitionen in die Realwirtschaft. Letztere würden die Nachfrage wieder ansteigen lassen. Neu war in den letzten Jahren, dass oberhalb der Ebene der Realwirtschaft immer mehr Unternehmen durch ein weltweit agierendes Finanzkapital profitabel „ausgeschlachtet“ und wie in einem Schneeballsystem immer weiter verkauft werden konnten, steuerbegünstigt durch neoliberale Regierungen. Und nun rufen mittlerweile selbst eingefleischte Verfechter der „totalen Freiheit der Märkte“ nach Staats-Hilfe, so Josef Ackermann (Deutsche Bank), der  bereits im März 2008 verkündet hatte: „Ich glaube nicht mehr an die Selbstheilungskraft der Märkte.“

Wenn die beschleunigte Krisenspirale nicht durchbrochen wird, besteht angesichts  der zunehmenden weltweiten Ressourcenknappheit eine verstärkte Kriegsgefahr. Auch deshalb sind Alternativen zur heutigen Wirtschaftsordnung dringend geboten. Aus allen diesen Gründen gehören Kernbereiche der Wirtschaft wie das Finanzsystem in öffentliche Hand.

Interessant waren auch Wagenknechts Ausführungen zum deutschen Wirtschaftsmodell („Exportweltmeister“) und dem schuldenfinanzierten US-amerikanischen Konsum als zwei Seiten ein und der gleichen Medaille. Ein erheblicher Teil der amerikanischen Nachfrage ist jetzt zusammengebrochen. Und nun zeigen sich die Folgen dieser einseitigen Export-Orientierung: seit zehn Jahren kaputte Binnen-Nachfrage in Deutschland durch Senkung der Real-Löhne und Lohndumping, durch Rentenkürzungen. Das vertieft die Krise.

Die heutige Finanz- und Wirtschaftskrise ist so keine Naturgewalt, sondern Ergebnis des gewöhnlichen Kapitalismus: Er will billig produzieren und gleichzeitig viel verkaufen. „Die ganze Geschichte des Kapitalismus ist eine Geschichte gescheiterter Versuche diesen Widerspruch aufzulösen.“

Wer sich tiefer mit diesen Problematiken beschäftigen will, sollte Wagenknechts Veröffentlichungen aufmerksam lesen.

Welche Perspektiven sieht Sahra Wagenknecht? Eine wirkliche Lösung aus dem Krisen-Kreislauf wird es nicht geben, so lange der heutige Kapitalismus unangetastet bleibt. Das Grundgesetz der BRD ist jedoch auf keine Wirtschaftsordnung fixiert. Also scheint es, so Wagenknecht, in diesem Jahr realistisch zu sein, wenn eine starke LINKE im Bundestag Verantwortung als Opposition übernimmt. „Ich sehe nicht, dass wir mit einer SPD unter Müntefering und Steinbrück etwas gemeinsam progressiv bewirken könnten. Die LINKE selbst muss stärker werden, um mehr Druck auszuüben. Das ist das Wichtigste.“

Klare Worte zu politischen Optionen der LINKEN.

Bernd Augustin    

Mehr: externer Link in neuem Fenster folgthttp://www.youtube.com/watch?v=HCAGvHaXkQk&feature=channel_page