Documentation Ein Epochenbruch - aber was für einer

Am Vorabend der Tagung «Die russische Linke zwischen März und November 1917» diskutierten HistorikerInnen über die ungebrochene Faszination der Revolution im einstigen Zarenreich.

Information

Event location

Rosa-Luxemburg-Stiftung
Franz-Mehring-Platz 1
10243 Berlin

Date

17.03.2017 - 18.04.2017

Themes

Geschichte, Erinnerungspolitik / Antifaschismus, Parteien- / Bewegungsgeschichte

Hundert Jahre ist sie her, die Zeit der beiden russischen Revolutionen des Jahres 1917. Zu keiner Zeit aber, scheint es, kann man mehr erfahren über diese, die Welt bis heute bewegenden Monate als in der Gegenwart. Diesen Eindruck hinterließ die Podiumsdebatte am 17. März 2017.

Aus Petersburg angereist schilderte Dr. Tatjana Filimonova, seit 1987 Leiterin des Plechanow-Archivs, den für sich genommen schon historisch einmaligen Vorgang, wie der Nachlass des 1918 verstorbenen Marxisten Georgi Plechanow am Ende doch in die Obhut eines staatlichen Archivs kam. Dazu hatte zwar noch Lenin selbst die Initiative ergriffen, es dauerte dann mit vielen Wirrungen aber zehn Jahre, bis der Nachlass eine Abteilung der russischen Nationalbibliothek wurde.

Das 100jährige Jubiläum begeht das Archiv, so Filimonova weiter, mit fünf Konferenzen, die erste fand bereits 2013 statt, die letzte ist für 2018 geplant. Als übergreifendes Motto der fünf Treffen nannte sie die 11. Feuerbachthese von Karl Marx, nach der die Philosophen die Welt bekanntlich bisher nur verschieden interpretiert haben, es aber darauf ankomme, diese zu verändern.

In dem Sinne wolle man, betonte die Historikerin, auf der diesjährigen Konferenz darüber nachdenken, ob die Ereignisse vor hundert Jahren nicht auch einen alternativen geschichtlichen Weg hätten eröffnen können. Die Tagungsbände der Konferenzen seien übrigens «sehr gefragt» und inzwischen sei keiner mehr übrig.

Wie die russische Revolution praktisch noch in den Wirren der Novemberzeit 1917 anfing, Dokumente für die Nachwelt zu sichern und aufzuheben, schilderte Dr. Larissa Malaschenko vom Staatsarchiv der Russischen Föderation. Damals hätten sowohl die Provisorische Regierung als auch die Bolschewiki ein Interesse daran gehabt, ihre Dokumente aufzuheben, um den Gang der Geschichte nachzeichnen zu können, vor allem mit dem Zweck, später ihr Handeln rechtfertigen zu können.

Schon 1920 seien dazu die Bestände aus der Oktoberrevolution in eine Abteilung des Staatsarchivs der damaligen russischen Föderation zusammengefasst worden, sagte Malaschenko. Heute bieten die Bestände offenbar allein schon den Zahlen nach einen Kosmos für Historiker. In über 3100 Beständen sind nach Malaschenkos Angaben mehr als 7 Millionen einzelne Publikationen vorhanden, unterteilt in fünf geschichtliche Hauptabschnitte - vom Ende des 19. bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts; dann die Geschichte der UdSSR von 1917 bis 1991; die Geschichte der RSFSR von 1917 bis 1992; dann die Dokumentensammlung zur Geschichte der Emigration sowie ab 1992 Dokumente der heutigen Staatsorgane. Das «jüngste» Dokument stammt aus dem Jahr 1997.

Die historische Bedeutung der weit zurückreichenden Bestände ist für Malaschenko kaum zu überbieten. Der Oktober 1917 habe, betonte sie, das Land und die Gesellschaft «sehr stark» gespalten und das bis in die einzelnen Familien hinein. Viele Russen mussten ihre Heimat verlassen. Aus den im Ausland zurückgelassenen Dokumenten und Archiven speist sich übrigens bis heute ein steter Strom neuen Materials, konnte die Archivarin berichten. Kürzlich habe man ein Archiv eines russischen Exilianten aus Prag aufgenommen. Neu dazugekommen seien auch Tagebücher eines Generals, der unter der Provisorischen Regierung gedient hatte. Dessen Aufzeichnungen würden Aufschluss darüber geben, wie die russische Intelligenz von der Abdankung des Zaren bis zur Oktoberrevolution gedacht hat.

Dr. Konstantin Morosow von der Menschrechtsorganisation Memorial, schilderte auf dem Podium, wie schwierig es für Historiker ist, die Breite der revolutionären Bewegung außerhalb der bolschewistischen Partei nachzuzeichnen. Widerstand gegen den Bolschewismus habe es von Anfang an gegeben. Um diesen zu erforschen, habe man in den 90er Jahren anfangen müssen, letzten Zeugnissen wie den Briefen politischer Gefangener nachzuspüren.

Das waren Menschen mit ganz verschiedenen Ansicht gewesen, darunter solche, die sich selbst als Bolschewisten sahen, aber auch Sozialrevolutionäre, Sozialisten nationaler Prägung, Anarchisten - all diese Menschen waren der Repression ausgesetzt, sagte Morosow. Und diese Unterdrückung habe, was oft nicht so bekannt sei, schon in den Jahren des Bürgerkriegs eingesetzt. Diejenigen, die es geschafft hatten, bis 1937 zu überleben, seien dann hingerichtet worden. Ziel sei es gewesen, deren Namen am Ende ganz aus dem kollektiven Gedächtnis zu löschen.«Wir haben viele Jahre gebraucht, um drei Zeilen pro Person finden zu können, die man im Internet veröffentlichen konnte», berichtete Morosow über die Schwierigkeiten der Gedenkarbeit.

Diese Gedächtnis, betonte er weiter, sei man den Sozialisten und Sozialistinnen schuldig. Die Tragödie bestehe eben nicht nur darin, dass diese Menschen aufgrund falscher Anschuldigungen erschossen wurden, sondern dass die Lügen über sie bis heute wirkten und geglaubt würden.

Ein Großteil dieser Menschen sei auch Anhänger eines demokratischen Sozialisten gewesen, erklärte der Historiker. Darauf in Russland hinzuweisen, sei sehr wichtig, denn die Begriffe Sozialismus, Demokratie und Parlamentarismus seien «sehr diskreditiert».

Memorial organisiert zum Jubiläum der russischen Revolution «Runde Tische», zu denen man nicht nur Linke einlade, wie Morosow betonte. Es sei aber deutlich einfacher, Menschen mit monarchistischen oder stalinistischen Ansichten zu finden als demokratische Sozialistinnen und Sozialisten.

Um die Idee der Demokratie zu verbreiten, gibt es für Morosow ungenutzte Potentiale in der russischen Geschichte. So sei die durch freie Wahlen geschaffene Konstituierende Versammlung im Januar 1918 eine friedliche und demokratische Alternative gewesen, deren Auflösung zu der Geschichtsvariante führte, die wir heute kennen. Es habe, resümierte der Historiker, in Russland durchaus Möglichkeiten zu einer demokratischen parlamentarischen Entwicklung gegeben.

Prof. Dr. Alexander Vatlin von der Lomonossow-Universität, der - worauf Moderator Wladislaw Hedeler hinwies - zuletzt einen Studienband über die bayerische Räterepublik veröffentlicht hatte, beklagte den abnehmenden Stellenwert der Geschichtswissenschaft. Die moderne Geschichtswissenschaft suche nicht mehr nach der Wahrheit, sondern es gehe vor allem um Kommunikation mit der Gesellschaft. Im Zentrum stehe nicht mehr, was passiert ist, sondern der «Blick in die Zukunft», sagte Vatlin.

Bezüglich des 100jährigen Jubiläums haben seiner Ansicht viele Forschende in Russland darauf gewartet, dass die Regierung etwas mache. Und tatsächlich wurden sie am Ende mit vier, von Präsidenten Wladimir Putin unterzeichneten Zeilen «belohnt», erklärte er mit ironischem Unterton. Diese Zeilen liefen darauf hinaus festzustellen, dass es die Revolution gab, dass sie 1917 stattgefunden hat und dass sie «groß» gewesen ist.

Sein Wunsch sei es, erklärte Vatlin, dass das 100jährige Jubiläum kein historisches, sondern ein öffentliches Ereignis werde. Seiner Meinung nach müsse die Gesellschaft ein Gefühl dafür entwickeln, dass sich mit der Revolution ein Epochenwechsel vollzogen hat.

Auf die Nachfrage, wie die heutige Gesellschaft diesen Epochenbruch bewerte, antwortete Vatlin, es gebe da eine große Bandbreite von Meinungen. «Der einzige gemeinsame Nenner ist die Anerkennung des Umbruchcharakters». Die Revolution habe eine neue Epoche eröffnet - aber welche, das sei offen.

Ein Tenor in der Debatte, erläuterte der Wissenschaftler weiter, behaupte, dass die Revolution die russische Entwicklung zerstört und vom europäischen Weg weggestoßen habe.

Insgesamt begrüßte Vatlin aber die Diskussionen um die damaligen Ereignisse. Das zeige, dass die Revolution den Menschen noch immer etwas bedeute und im Heute angekommen ist.

Jörg Staude