Publication Ungleichheit / Soziale Kämpfe - Rassismus / Neonazismus - Partizipation / Bürgerrechte - Erweiterung des Terrains Blick hinter den Schleier

Naika Foroutan zum Siegeszug des Begriffs des «Postmigrantischen»

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Naika Foroutan,

Published

April 2017

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Naika Foroutan Foto: Nina Pieroth

Günter Piening sprach mit der Migrationsforscherin Naika Foroutan über den Siegeszug des Begriffs des «Postmigrantischen», zur Sinnhaftigkeit von Leitbildern und Reeducation-Programmen und zur alles entscheidenden Frage, worum es bei der aktuellen gesellschaftlichen Polarisierung überhaupt geht. 

Unter dem Titel «Die Erweiterung des Terrains. Migrationspolitik als Transformationsprojekt. Eine Baustellenbesichtigung» befragt unser Autor Günter Piening zehn ausgewiesene Expert*innen im Bereich der Migrations- und Rassismusforschung zu Perspektiven (post-)migrantischer Interventionen. Die einzelnen Gespräche thematisieren das europäische Grenzregime, globale Bürgerrechte, die Rolle des Wohlfahrtstaates in den Klassenauseinandersetzungen, die Solidarität in betrieblichen Kämpfen, die Geschlechterfrage in postkolonialen Verhältnissen, die Kämpfe der Geflüchteten um Teilhabe und die Stärke (post-)migrantischer Lebenswelten. Ihnen allen ist gemeinsam, dass sie Migration als ein Vermögen begreifen, die soziale Frage in einem demokratisierenden Sinn zu beantworten. Unser Dossier «Migration» setzt damit der gesellschaftlichen Polarisierung, die gegenwärtig vor allem um die Frage von Einwanderung, Teilhabe und Bürgerrechte kreist, eine linke Position jenseits national-sozialer Kurzschlüsse entgegen.
Ab heute veröffentlichen wir jeden Montag eines der insgesamt zehn Expertengespräche.

Günter Piening: Herzlichen Glückwunsch, Frau Foroutan. Der Begriff der «postmigrantischen Gesellschaft», der Ihrer Arbeit zugrunde liegt, hat eine wahre Blitz-Karriere hinter sich. Viele setzen ihre Hoffnung darauf, dass nun endlich ein Begriff gefunden wurde, der die Gesellschaft angemessen beschreibt und eine gute Basis für Zukunftsentwürfe bildet. Was ist so interessant am Begriff «postmigrantisch»?

Naika Foroutan: Der Glückwunsch muss an Shermin Langhoff* gehen, die den Begriff aus ihrer künstlerischen Arbeit heraus als subversiven, ironischen Gegenentwurf eingeführt hat, um deutlich zu machen, dass Deutschland nicht aus den Gruppen «Migranten» und «Nichtmigranten» besteht, sondern aus vielen aufeinander aufbauenden, nebeneinander herlaufenden oder sich gegeneinander positionierenden Gruppen und Personen.

Wir haben den Begriff in die Sozialwissenschaften transferiert und versuchen ihn zu operationalisieren. Das ist gar nicht so einfach. Die Kunst- und Kulturszene kann, ja muss einen Begriff im Ungefähren belassen. Wir aber müssen unsere Begriffe definieren, festzurren, dazu Modelle aufbauen. Das Risiko ist, dass dabei ein Teil dieser subversiven Kraft verloren geht. Vielleicht gelingt es uns aber auch, die Überlastung des Begriffes produktiv zu nutzen, indem wir uns am Ungefähren bzw. an der Ahnung, die dieser Begriff transportiert, wissenschaftlich abarbeiten und dabei aus ganz unterschiedlichen Richtungen den notwendigen gesellschaftlichen Paradigmenwandel beschreiben, um Ungleichheit zu überwinden. Dann würde das «migrantische» im postmigrantischen Begriff als Chiffre für reale und konstruierte, soziale und symbolische Ungleichheiten stehen, deren Überwindung sich die plurale Demokratie zum Ziel setzt.

«Begriffe sind Griffe, um Dinge zu bewegen» heißt es in Bertolt Brechts Flüchtlingsgesprächen. Was bewegt der Begriff der postmigrantischen Gesellschaft?

Der Begriff entfaltet Kraft auf drei Ebenen: empirisch, analytisch, normativ.

Der empirische Teil ist für uns Sozialwissenschaftler*innen der griffigste Bereich. Das «post» in postmigrantisch steht in dieser Betrachtung für den Moment nach der Migration, wenn die Migranten im Land angekommen sind. Wir fragen: Wie verändern sich Gesellschaften, nachdem Migration erfolgt? Was passiert mit ihnen, was mit denen, mit denen sie agieren, mit der Gesellschaft, wie verändert sich Sprache, Arbeit, Wahrnehmung? Also wie verhalten sich die Akteure – und das sind die Einwander*innen und die Alteingesessenen, wobei Alteingesessene auch wieder Migrationshintergründe haben können! Postmigrantisch? Wir betrachten aber auch die Veränderung von Institutionen, Diskursen, Identitäten, Anerkennungsprozessen, Einstellungen, Wissensbeständen, Kontakten, etc.
 

«Hinter den Migrationsschleier blicken!»

Der analytische Teil ist komplizierter. «Post» meint hier eher ein «dahinter». Analytisch geht es darum zu erkennen, wie die Omnipräsenz des Themas Migration – ja diese regelrechte Obsession, die mit ihr einhergeht, wie Riem Spielhaus sagt, – die Gesellschaft vor sich her treibt und alles andere überdeckt. Klasse, Schicht, soziale Ungleichheit, Sexismus, Gender, Rassismus – all das wurde in den letzten Jahren vor allem mit dem Thema Migration verbunden und thematisiert. Dies sind aber dominante Konfliktlinien, die generell Gesellschaften zugrunde liegen und nicht erst durch Migration entstanden sind. Der postmigrantische Ansatz fordert dazu auf, hinter diesen Migrationsschleier zu blicken, und thematisiert Konflikte, die sehr viel stärker sozialstrukturell begründet sind, auch als das, was sie sind: Klassenkonflikte, Genderungleichheiten oder Rassismus.

Auf der normativen Ebene gilt es einen moral-philosophischen Ansatz hervorzuheben. Dieser schlägt sich in der Aufforderung nieder, etablierte Prozesse des Ausschlusses, des «othering» sichtbar zu machen. Dabei geht es darum, Leitbilder für eine integrative Gesellschaft zu entwickeln, die über die künstlichen, etablierten Trennlinien zwischen Migranten und Nichtmigranten hinausweisen. Es geht also nicht darum, Migration unsichtbar zu machen oder zu leugnen, dass es strukturelle Angebote geben muss, die speziell auf Migranten zugeschnitten sein müssen. Allerdings sind Instrumente der Sprachbildung, Orientierung, Arbeitsplatzsuche, Weiterqualifizierung etc. auch wiederum Bedarfe, die für weite Teile der Gesellschaft individualisiert zugeschnitten werden müssten.

Das ist die große Aufforderung, die in diesem Begriff steckt: Gesellschaftsanalytisch und dekonstruktiv vorzugehen und dabei gleichzeitig den strukturalistischen Spin zu wagen, die plurale Gesellschaft in ihren Bedarfen als Ganzes zu adressieren.
 

Migration ist nur die Chiffre, hinter der sich vielfältige Konflikte im Umgang mit Pluralität verstecken.

So sieht es die Wissenschaft. Aber in der Gesellschaft entwickelt sich die Debatte doch gegenläufig. Diese «künstliche Kategorie» Migration ist doch mächtiger denn je und der wichtigste Treibriemen für das Erstarken des Rechtspopulismus.

Ja, diskursiv erleben wir zur Zeit ein Rollback und eine extreme Polarisierung. Aber läuft die Bruchlinie wirklich entlang der Kategorie «Migration»? Nein. Wenn wir die Entwicklung genauer untersuchen, stellen wir fest, dass die Bruchlinie zwischen Pluralitätsaffinen und Pluralitätsgegnern verläuft. Ertrage ich Pluralität, mag ich sie, akzeptiere ich sie? Oder verängstigt sie mich, fühle ich mich damit unwohl oder lehne ich sie gar aggressiv ab? Das ist der Kern der Konflikte in der postmigrantischen Gesellschaft, der die Gesellschaft um zwei Pole gruppiert. Migration ist nur eine Chiffre für Pluralität, hinter der sich vieles versteckt: Umgang mit Gender-Fragen, Religion, sexueller Selbstbestimmung, Rassismus, Schicht und Klasse, zunehmende Ambiguität und Unübersichtlichkeit usw.
 

Haltung zu Pluralität und neue Allianzen

Pluralisierung entgrenzt bisher vermeintlich klar Abgezirkeltes. Und was macht das Überwinden von Grenzen deutlicher als Migration? Pluralität hat es schon immer gegeben. Dass es sich bildlich manifestiert, geht eben auch über Menschen, die anders aussehen, andere Sprachen sprechen. Migration (oder durch Migration Mitgebrachtes, wie z.B. Islam) überlagert bei den Rechtspopulisten alles – Anti-Europa, Anti-Gender, Anti-LGBTQ, Anti-Elite –, weil es eine Chiffre für das Überwinden von Grenzen ist. Pegida & Co wollen wieder in ihre klar abgezirkelten Grenzen zurück, und das ist nicht nur territorial zu verstehen.