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Über Samir Amin, den ersten alternativen Bericht zur Entwicklung Afrikas und Innovation

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Vorstellung des alternativen Berichts zur Entwicklung Afrikas Foto: ENDA

 

Am 12. August verstarb der Wirtschaftswissenschaftler Samir Amin im Alter von 86 Jahren in Paris. Amin, Sohn eines ägyptischen Vaters und einer französischen Mutter, lebte zuletzt in Dakar (Senegal). Dort leitete er lange das panafrikanische Forschungsinstitut CODESRIA und stand bis zuletzt der Organisation Forum Tiers Monde vor. Amin gehörte zum immer noch kleinen Kreis von Wissenschaftlern aus dem Süden der Erde, dessen Arbeit weltweit Aufmerksamkeit genoss.

Neben André Gunder Frank, Immanuel Wallerstein, Walter Rodney und anderen war Amin in den 1970er Jahren Teil einer Gruppe einflussreicher Sozialwissenschaftler, die sich mit dem Weltsystem und der Abhängigkeit der Entwicklungsländer in der Peripherie auseinandergesetzt hatten. Den Weltsystem- und Dependenztheoretikern ging es auch darum, die Vorherrschaft der seit den 1950er Jahren tonangebenden marktliberalen Modernisierungstheorien in Wissenschaft und Politik zu brechen. Für Amin war der internationale Handel kein Ausweg aus den wirtschaftlichen Problemen, sondern ein Irrweg. Die anhaltende wirtschaftliche Unterentwicklung Afrikas war eine Folge der Einbindung der «Peripherie» in den globalen Kapitalismus. Amin, der auch als Ratgeber afrikanischer Regierungen fungierte, sprach sich deshalb immer wieder für eine Entkopplung Afrikas aus der Weltwirtschaft aus.

Mit der Schuldenkrise in den 1980er Jahren und den darauf folgenden Strukturanpassungsprogrammen von Weltbank und Internationalen Währungsfonds im Kontext vom Kalten Krieg und neoliberaler Wende gerieten die Ansätze von Amin in die Defensive. Der Weltsystem- und Dependenztheorie erging es wenig besser. Ihre historischen Annahmen und wissenschaftlichen Vorrausagen wurden durch neuere Forschungsergebnisse und die verschiedenartigen Entwicklungspfade in der Peripherie selbst in Frage gestellt.

In Lateinamerika wandten sich die Sozialwissenschaften schon in den 1970er Jahren anderen Ansätzen zu. In Afrika dauerte dieser Ablösungsprozess länger (siehe z.B. Stern und auch Cooper). Von den Ansätzen Amins und anderer geblieben ist die Einsicht, dass die Entwicklung von Wirtschaft und Gesellschaft in den Weltregionen vom globalen Kapitalismus und seinen Entwicklungsschüben und Krisen mitbestimmt wird. Doch neben dem globalen Kapitalismus gibt es noch weitere Motoren, die über die Fortentwicklung der Gesellschaften genauso mitentscheiden. Dazu zählen die populären Formen des Widerstands und des Überlebens in der Peripherie, wie die wirtschaftlichen und politischen Interessen der verschiedenen Eliten und ihre machtpolitische Verankerung in den Gesellschaften.

Die lange Geschichte der wirtschaftlichen Entwicklung Afrikas, die deutlichen Entwicklungsunterschiede zwischen den Ländern Afrikas und auch der Rückzug des globalen Kapitalismus aus Teilen Afrikas, wie im Falle Simbabwes oder mit dem staatlichen Zusammenbruch Malis geschehen, sind nur zu verstehen, wenn man die Einflüsse des globalen Kapitalismus, der nationalen sozialen Kämpfe und die Rolle der Eliten untersucht.

Mit den Krisen der Weltwirtschaft am Übergang zum 21. Jahrhundert und der globalisierungskritischen Bewegung, die 2001 ihr erstes Weltsozialforum im brasilianischen Porto Alegre unternahm, gewann der kritische Blick auf den globalen Kapitalismus, und damit auch Samir Amin als «Stimme des Südens», wieder neue Bedeutung.  Amin wurde neuerlich zu einem viel eingeladenen Gast in Europa, Amerika, Asien und Afrika. Zuletzt arbeitete er als einer der treibenden Kräfte mit anderen Wissenschaftler*innen und Aktivist*innen aus Afrika am ersten Alternativen Bericht zur Entwicklung Afrikas (AROA/RASA). Dieser Bericht wurde von der Nichtregierungsorganisation ENDA Tiers Monde in Dakar initiiert und von der Rosa Luxemburg Stiftung Westafrika sowie der Rockefeller Foundation und von weiteren Organisationen aus dem Süden finanziell unterstützt. Diese ungewöhnliche Zusammenarbeit veranlasste den Korrespondent der französischen Tageszeitung Le Monde, der zur Vorstellung des Berichts am 25. Juli 2018 einen Artikel verfasste, zu Stirnrunzeln. Amin selbst hatte sich zeitlebens gegen den Imperialismus der Triade (USA, Europa und Japan) und für die Souveränität der Länder im Süden eingesetzt und die Rockefeller Foundation, wie andere US-amerikanische Stiftungen in der Vergangenheit als Agenten der CIA gebrandmarkt.

Diese auf den ersten Blick so ungewöhnliche Zusammenarbeit so verschiedener Akteure aus dem Norden und Süden hat sich aus meiner Sicht ergeben, weil die Verunsicherung angesichts bedrohlicher werdender weltweiter Krisenphänomene sowohl in bürgerlich-liberalen als auch linken und alternativ emanzipatorischen Milieus um sich greift. Angst machen der globale Klimawandel und seine Auswirkungen auf Mensch und Natur, die Zunahme der sozialen Ungleichheit und der damit einhergehenden Zersplitterung der Gesellschaften, die Auflösung der alten US-geführten internationalen Ordnung, der (Wieder-)Aufstieg Chinas, Indiens, Russlands und der Türkei unter neo-nationalistischen und neo-imperialen Vorzeichen sowie der Bedeutungsverlust säkularer sowie wissenschafts- und technologiegläubiger Sichtweisen zu Gunsten von religiösen, identitären und obskurantistischen Weltsichten.

Der Bericht für eine Alternative Entwicklung Afrikas nimmt Samir Amins Blick auf den globalen Kapitalismus auf, ohne aber seine Rolle überzubewerten und die regionalen oder nationalen Eigenheiten und Entwicklungspfade zu vernachlässigen. Der Bericht geht über die Beschreibung der Abhängigkeit Afrikas vom globalen Kapitalismus hinaus und diskutiert die Eigenverantwortung Afrikas. Mit seiner Kritik am konventionellen marktorientierten Passepartout der Weltbank und ihren Doing Business Indikatoren ist er eine neue Plattform für offene und kritische Diskussionen über Afrikas Entwicklung.

Der Bericht und die Zusammenarbeit der verschiedenen beteiligten Akteure aus «Zentrum» und «Peripherie» machen deutlich, dass globale Veränderungen gemeinsam gedacht und organisiert werden müssen. Eine wie auch immer organisierte Abkopplung, weder durch den Süden, noch durch den Norden, wie dies offenbar Donald Trump vorschwebt, ist kontraproduktiv, da wir es beim Klimawandel, der sozialen Ungleichheit, dem Neonationalismus und -imperialismus und der religiösen, identitären und obskurantistischen Welle mit Problemen im Norden und Süden zu tun haben.

Den am Bericht beteiligten Akteuren aus dem Norden stehen im Süden Akteure aus gesellschaftlichen Milieus gegenüber, die zumal in Afrika südlich der Sahara (mit Ausnahme Südafrikas) deutlich kleiner und älter sind. Älter, weil sie noch eine Erinnerung an die Aufbruchsjahre und das Projekt der Moderne nach Ende des Kolonialismus haben. Dieses Projekt versprach den Menschen in Afrika in den 1960er Jahren Zugang zum «modernen» Leben: Arbeit und Wohnung, Erholung, Gesundheit und eine gesicherte Zukunft für sich und seine Kinder. Die Schuldenkrise und die Strukturanpassungsprogramme haben selbst vielen Menschen mit Ausbildung diesen Zugang versperrt. Die Jungen kennen in Afrika vielfach nichts anderes als die ewige Krise und das Überleben im informellen Sektor als Straßenhändler*innen. Der wirtschaftliche Aufschwung der 2000er Jahre, der die Mittelschicht in manchen urbanen Zentren Afrikas anwachsen ließ, ist bei viel zu vielen Menschen bislang nicht als materielle Verbesserung ihrer Lebenslagen angekommen. Für viele von ihnen gibt es keine Hoffnung auf eine Moderne in Afrika, so dass einige von diesen enttäuschten die Migration nach Europa wählen.

Das moderne Milieu Afrikas, das urban und teils säkular geprägt ist, zeichnet sich auch dadurch aus, dass es über direkte Verbindungen in die «Zentren» verfügt. Dazu zählen auch die am Bericht beteiligten afrikanischen Wissenschaftler*innen. Man hat in Paris oder London studiert, trifft sich auf Foren der internationalen Politik oder der internationalen Zivilgesellschaft, liest die gleichen Zeitungen und Newsletter, geht auf die gleichen Konferenzen etc. Samir Amin war als Wissenschaftler Teil dieses Milieus, so dass die Bezeichnung «Denker des Südens» vielleicht in die Irre führt. Zu diesem Milieu der Moderne, die nicht die Rückkehr in ein traditionelles Afrika wünscht oder den Ausweg in den religiösen Konservatismus sucht, zählen aber auch nicht wenige der Rückkehrer*innen, die als Migrant*innen im Zentrum gearbeitet haben oder noch arbeiten und natürlich jene, die im modernen kapitalistischen Sektor tätig sind und deren Unternehmen über Verbindungen in die Zentren verfügen. Der Anteil dieses modernen Milieus mit Verbindung nach Paris, London oder New York nimmt aber ab. Neue Wirtschaftsverbindungen nach China, Indien, die Türkei und in die Golfstaaten gewinnen an Bedeutung und schaffen neue Realitäten.

Im Senegal herrscht seit der Unabhängigkeit eine frankophone Elite in Politik, Wirtschaft und Wissenschaft. Im Schatten wächst eine arabophone Elite heran, für die ein anderes «Zentrum» mehr Bedeutung hat. Frankreich wehrt sich gegen diesen Bedeutungsverlust und greift zum Mittel des verstärkten akademischen Austauschs. Trotz aller öffentlichen Beteuerungen, die Zuwanderung zu begrenzen, steigt die Zahl an Visa für afrikanische Student*innen, um an französischen Universitäten studieren zu können, beständig. Was heißt das für den Bericht zur alternativen Entwicklung in Afrika? Neben finanzieller Unterstützung von Akteuren aus dem Norden bedarf es einer eigenen Verankerung in Afrika, um die nationalen Entwicklungspläne zu beeinflussen. Ohne Einfluss auf die Jungen und die Eliten bleibt der erste Alternative Bericht zu Afrikas Entwicklung, mag er noch so innovativ sein, wohl ohne großen Erfolg.