News | Westafrika - Afrika Erinnerung, Gerechtigkeit und Versöhnung: ein neuer Themenbereich der Rosa Luxemburg Stiftung in Westafrika

Neuer Fokus auf Kolonialgeschichte und vergangene oder aktuelle Konflikte in Gambia, der Elfenbeinküste und Mali

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Büro des RLS-Regionalbüros in Dakar, Senegal Foto: Armin Osmanovic

Vor 60 Jahren entschied sich die Republik Guinea für die Unabhängigkeit von Frankreich, nachdem ein Jahr zuvor Ghana von Großbritannien unabhängig geworden war. 1960 folgten viele weitere Länder Westafrikas. Doch die Zeit des Kolonialismus spielt für die Gesellschaften Westafrikas und zum Verständnis der gegenwärtigen Konflikte weiter eine wichtige Rolle.

Das neue Programm der RLS will das Verhältnis der westafrikanischen Gesellschaften zur eigenen Geschichte und der gemeinsamen Geschichte mit den ehemaligen Kolonialländern und ihren besonderen Einfluss in der Region in den Mittelpunkt stellen. Mit Partnern in der Region, aus anderen Teilen Afrikas, Europas und der Welt sollen «umstrittene Geschichten» (contested histories), zum Beispiel Monumente und Erinnerungsorte aus der Kolonialzeit, problematisiert und gesellschaftlich aufgearbeitet werden. Im Prozess der Auseinandersetzung wird so auch über die eigene Geschichte informiert. Damit soll die kritische Globalgeschichte gestärkt werden, die einen Beitrag zur Dekolonialisierung der afrikanisch-europäischen Beziehungen leisten will. Im Blick des Schwerpunkts sind vor allem junge Menschen, für die die Kolonialzeit immer mehr verblasst.

Neben der Erinnerung geht es im neuen Programmschwerpunkt auch um Gerechtigkeit und Versöhnung nach Kriegen und Konflikten. Die RLS in Dakar wird sich dabei in einer ersten Phase auf die Länder Elfenbeinküste, Gambia und Mali konzentrieren. In der Elfenbeinküste stockt der Prozess der nationalen Versöhnung nach den Jahren von Bürgerkrieg und politischer Gewalt. Eine Aufarbeitung der Vergangenheit findet im Land selbst kaum statt. Die Frage der Rolle der Justiz und der Gerechtigkeit wurde weitgehend an die internationale Gemeinschaft und den Strafgerichtshof in Den Haag überantwortet. Dort läuft seit geraumer Zeit ein Prozess gegen den früheren Präsidenten Laurent Gbagbo und einen Anführer der «Jungen Patrioten», Charles Blé Goudé. Beiden werden schwerwiegende Verbrechen nach den Präsidentschaftswahlen 2010 vorgeworfen. Damals kamen Schätzungen zufolge 3 000 Menschen ums Leben. Viele Opfer der politischen Gewalt und des ivorischen Bürgerkrieges (2002 bis 2007) warten bis heute auf Anerkennung und Gerechtigkeit.

Im kleinen westafrikanischen Land Gambia kam es zu Beginn des Jahres 2017 zu einem Regimewechsel. Der Langzeitdiktator Yahya Jammeh verlor die Wahlen und musste auf Druck der westafrikanischen Gemeinschaft die Macht abgeben. Nun laufen im Land die Bemühungen an, das Unrecht während seiner Amtszeit aufzuarbeiten. Zivilgesellschaftliche Organisationen geben den Opfern eine Stimme und fordern Gerechtigkeit, darunter eine Anklage von Jammeh vor dem Internationalen Strafgerichtshof. Neben strafrechtlicher Verfolgung fordert die Zivilgesellschaft auch einen Prozess der nationalen Versöhnung des gespaltenen Landes.

In Mali hält die Gewalt im Norden und im Zentrum des Landes an, seitdem im Jahr 2012 DschihadistInnen und TuaregrebellInnen große Teile des Landes erobert hatten, bevor diese durch Militärs der ehemaligen Kolonialmacht Frankreich wieder zurückgedrängt wurden. Dennoch versucht auch hier die Zivilgesellschaft die Spaltung der Gesellschaft zu bearbeiten und die Versöhnung verfeindeter Bevölkerungsgruppen voranzubringen.

Verantwortlich für den neuen Schwerpunkt «Erinnerung, Gerechtigkeit und Versöhnung» im Rahmen des Programms «Jugend und Politik» ist Marie Nguettia, die in der Elfenbeinküste aufgewachsen ist (Kontakt: marie.nguettia@rosalux.org).