News | Entwürfe der Moderne. Bauhaus-Ausstellungen 1923–2019; Göttingen 2019

Jahrbuch 2019 der Klassik Stiftung Weimar erschienen

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Der Kritiker Gustav Friedrich Hartlaub schrieb 1928 «Werbekunst ist heute, neben der modernen Zweckarchitektur, die einzige wahrhaftig öffentliche Kunst. […] Werbekunst ist wahrhaft sozial, kollektiv, wahrhafte Massenkunst». Zur Werbung gehörten immer schon Ausstellungen, und so war die Gestaltung von temporären und Dauerausstellungen ein sehr wichtiges Thema der europäischen Avantgarden, sei es bei Otto Neurath, El Lissitzky oder eben dem bauhaus. Das Thema wurde unter dem Aspekt der «Demokratisierung des Wissens» verhandelt.

Die Klassik Stiftung verwaltet mit über 260 Personalstellen in Weimar Museen, Schlösser und Bibliotheken. Inhaltlich geht es u. a. um Goethe, Schiller, Nietzsche und eben auch das Weimarer Bauhaus, samt dem in Weimar im April eröffneten neuen Bauhaus-Museum. Die ungemein materialreiche, aktuelle Ausgabe des Jahrbuches der Stiftung widmet sich der Frage, wie das (historische) bauhaus Ausstellungen gestaltet hat und wie dem bauhaus in Ausstellungen (oft unter Anteilnahme von bauhäusler_innen selbst) rückblickend gedacht und wie es dadurch repräsentiert und historisiert wurde. Hier reicht der Bogen ja bis in die Gegenwart und hin zum nicht ganz unumstrittenen Neubau, dem viele Kritiker_innen vorwerfen, er musealisiere, wenn nicht mausoleumisiere (Thomas Flierl) den bauhaus-Gedanken und -Impuls.

Die große Mehrzahl der insgesamt 18 Beiträge stellt einerseits einzelne bekannte und unbekannte Ausstellungen vor: Jene in Weimar 1923, Paris 1930, New York 1938, Australien 1961 oder in Stuttgart 1968. Sie widmen sich außerdem übergreifenden Fragen der bauhaus-Rezeption im Spiegel von Ausstellungen allerlei Couleur, etwa anlässlich der des Berliner bauhaus-Archivs 1988 in Dessau vor dem Hintergrund des Systemkonfliktes und der deutsch-deutschen Teilung oder dem bereits Anfang der 1920er Jahre begonnenen Aufbau der heutigen bauhaus-Sammlung in Weimar.

Selbstredend enthält der Band viel Selbstlegitimation, sind doch die Herausgeber und mindestens zehn der Autor_innen Angestellte der Klassik-Stiftung bzw. einer der drei klassischen bauhaus-Einrichtungen. Der Beitrag von Heike Hanada, Architektin des Neubaus in Weimar, über ebendiesen, kann getrost übersprungen werden. Alle anderen enthalten sehr viele interessante und vor allem neue Informationen, selbst für jene Leser_innen, die sich schon weitergehend mit dem bauhaus beschäftigt haben. Die preiswerte Publikation ist angesichts der Vielzahl der jubiläumsbedingt erscheinenden Titel wirklich bemerkenswert. Sie weist, wie es selbst Mitherausgeber Seemann in seinem Beitrag tut, darauf hin, dass «Avantgarde» nur schwerlich ausgestellt werden kann und doch der Widerspruch existiert, dass kaum eine Bewegung in Europa so umfassend musealisiert wird, wie die klassische Moderne, zu der das bauhaus ja gehört, und sich die Frage stellt, ob das bauhaus jetzt mittlerweile, oder gar schon länger, «klassisch» ist?

Helmut Th. Seemann/Thorsten Valk (Hg.): Entwürfe der Moderne. Bauhaus-Ausstellungen 1923–2019 (Klassik Stiftung Weimar Jahrbuch 2019), Wallstein Verlag, Göttingen 2019, 448 S., 28 EUR