News | Warnecke: Hausbesetzungen in Potsdam in den 1980er und 1990er Jahren; Berlin 2019

Studie über Entstehung, Wandel und Niedergang einer sozialen Bewegung

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Besetztes Haus in Potsdam (Fotograf Hassan J. Richter. Quelle: Cover des Buches)

In den 1990er Jahren gab es in Potsdam 70 Hausbesetzungen, zeitweise waren bis zu 30 Häuser parallel besetzt. Dafür waren zwei Bedingungen ausschlaggebend: Zum einen das noch aus DDR-Zeiten herkommende oppositionelle Milieu der Stadt und eine immense Wohnungsnot bei gleichzeitigem Leerstand hunderter Wohnungen. Jakob Warnecke hat in seiner Dissertation nun die Geschichte der Hausbesetzungen in Potsdam untersucht und erzählt sie.

Bei der Erforschung neuer sozialer Bewegungen ist die Quellensituation immer von Bedeutung, ist doch die Überlieferung solcher Bewegungen oft unvollständig und verstreut. Warnecke hat zehn Interviews mit Zeitzeug_innen geführt, Tagespresse und alternative Medien ausgewertet und staatliche und auch Bewegungsarchive aufgesucht. So konnte er viele Quellen unterschiedlicher Herkunft auswerten.

Nach einer Einleitung zum Forschungsstand zu Hausbesetzungen in der Bundesrepublik bis 1989 schildert Warnecke zuerst drei Vorläufer der Potsdamer Häuserbewegung: eine in vielen Großstädten der DDR anzutreffende Praxis des «Schwarzwohnens», die DDR-Opposition unter dem Dach der Kirche, wobei in Potsdam das Spezifikum relevant ist, dass dort schon vor 1989 eine kleine antifaschistische Gruppe existierte. Drittens gab es in Potsdam, ein alternatives, vor allem künstlerisch geprägtes Milieu.

1988 standen in Potsdam 3500 Wohnungen leer, die aber oft in miserablem Zustand sind, gleichzeitig gibt es (nur) circa 20-40 Schwarzwohnungen. Die Praxis des Besetzens ab Anfang 1990 war dann öffentlich und nicht nur deshalb auch für «Außenstehende» sehr wahrnehmbar. Sie geschieht vor dem Hintergrund der «Vereinigung», der damit einhergehenden Implosion der alten Machtapparate und des langen Übergangs, bis das neue Regime errichtet ist. Zweitens vor dem Hintergrund des Prozesses, der heute die Aufwertung der Innenstädte genannt wird. 1991 erreicht des «Häuserkampfes» seine maximale Ausdehnung, der Höhepunkt. was die Konflikte angeht, ist dann 1993. Nach der aufsehenerregenden Räumung der Häuser der Mainzer Straße in Ostberlin Ende 1990 ziehen immer mehr Berliner_innen nach Potsdam – und besetzten dort. So kommt es zu einer Durchmischung und Ausdifferenzierung der in den besetzten Häusern aktiven Szenen, was insbesondere zwischen der westdeutsch geprägten linksradikalen bzw. autonomen Bewegungen und den Aktiven mit DDR-Biographie nicht ohne Konflikte bleibt.

Warnecke dokumentiert die Konflikte mit Nazis, von denen regelmäßig Angriffe auf die besetzten Häuser ausgehen. Von besonderer Bedeutung, und dies kann Warnecke gut nachweisen, sind die öffentlich nutzbaren Treffpunkte der Häuserszene wie etwa (halblegale) Kneipen, Galerien oder Räume für Konzerte. Wurden diese in Frage gestellt, oder gar geräumt, gab es stets eine über die Häuserbewegung hinausreichende Solidarität.

Ab 1993 wird, so Warnecke, die Bewegung in den Niedergang getrieben, durch die üblichen, ebenfalls bereits in (West)Berlin angewendeten Strategien: Repression durch Räumungen und andere administrative Maßnahmen und Befriedung einzelner Objekte durch Legalisierung oder das Angebot von, in Potsdam in der Regel weit von der Innenstadt entfernt liegenden, Ersatzobjekte. Mit einer letzten, großen, von 1000 Personen besuchten Demonstration an Pfingsten 2000 ist die Bewegung an ein Ende geraten.

Was ist nun die Quintessenz dieser Publikation? Sie zeigt sehr gut den netzwerkartigen und vielfältigen Charakter dieser sozialen Bewegung. Einer Bewegung, die Gemeinschaft statt Isolation, Selbstverwaltung statt Fremdbestimmung, selbstbestimmte Arbeit statt Entfremdung wollte, die dem Hedonismus frönte, die Experimente und «Freiräume» lebte und Utopien hatte. Die (angestrebten) anderen sozialen Beziehungen unter den Hausbesetzer_innen schufen den sozialen Raum, der dann sich wiederum in den Häusern materialisierte, bzw. ihre Existenz erst ermöglichte.

Der Import von Strategien aus «dem Westen» sowohl auf Seiten der Besetzer_innen als auch der Behörden ist bemerkenswert. Last but not least bleibt ungeklärt ob der 1977 geborene Autor Zeitzeuge, wenn nicht Mitwirkender an der von ihm untersuchten Bewegung (gewesen) ist. Dies ist zu vermuten, offengelegt wird es aber nicht. Letztendlich wirkt die Häuserbewegung langfristig, bis heute, als eine, die die Stadtgesellschaft und die Kommunalpolitik der damals circa 125. 000 Einwohner_innen zählenden Stadt verändert hat.

Warnecke hat mit seinem Buch eine soziale Bewegung untersucht und so einen Beitrag zur Geschichtsschreibung der neuen sozialen Bewegungen in den neuen Bundesländern geleistet. Auffällig ist, wie wenig der Autor – zumindest in der Rückschau wäre dies ja möglich - seinen Gegenstand zu den städtischen Aufwertungsprozessen ins Verhältnis setzt. Hier könnten (vergleichende) Studien zu Wohnungs- und Häuserkampfbewegungen in anderen Mittel oder kleineren Großstädten weitere Erkenntnisse liefern.

Jakob Warnecke: «Wir können auch anders». Entstehung, Wandel und Niedergang der Hausbesetzungen in Potsdam in den 1980er und 1990er Jahren, be.bra Verlag, Berlin 2019, ISBN 978-3-95410-234-1, 286 Seiten, 34 EUR