News | Holfelder: Unser Raubgut, Berlin 2019

Sehr gute Streitschrift zur (post-) kolonialen Debatte

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Benin-Bronzen in der Ausstellung «Raubkunst» im Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg (Ausriss aus dem Cover des Buches), CC BY 4.0, Moritz Holfelder

Die Debatte um Raubkunst gewinnt in den letzten Monaten zusehends an Bedeutung. Deutsche Museen, darunter vor allem das pompöse Humboldt-Forum in Berlin, stehen in der Kritik. Mit der Veröffentlichung des von Präsident Emmanuel Macron beauftragten und von Felwine Sarr und Bénédicte Savoy verfassten Berichtes zur Rückgabe des in französischen Museen befindlichen afrikanischen Kulturerbes entflammte im November 2018 sofort eine kontroverse Debatte, die weit über Frankreichs Grenzen hinausging und bis heute anhält. Dieser Bericht liegt mittlerweile auch auf Deutsch vor. Der Journalist Moritz Holfelder hat nun eine Publikation vorgelegt, die vor allem für diejenigen, die sich noch nicht so weitgehend mit der Debatte beschäftigt haben, sehr gut geeignet ist.

Raubkunst wird gemeinhin so definiert, dass es sich dabei um gewaltvolle oder durch Übervorteilung der «Einheimischen» angeeignete Objekte handelt. Wird dabei in Rechnung gestellt, dass der Kolonialismus ein grundsätzlich hierarchisches und rassistisches Verhältnis ist, dann sind mehr oder minder alle Objekte aus den ehemaligen Kolonien in den Museen des Nordens Raubkunst. Laut Sarr und Savoy befindet sich um die 90 Prozent dessen, was im sub-saharischen Afrika als «Kunst» geschaffen wurde, heute außerhalb dieser Region, im Ausland. Die Debatte ist aber nicht ganz übersichtlich. Viele bedenkenswerte Fragen werden dazu benutzt, die Diskussion abzuschwächen und die Idee der bzw. die Forderung der Rückgabe (sprich: Restitution) an die «rechtmäßigen Eigentümer» zu sabotieren. Rückgabe würde ja bedeuten, die Illegitimität des damaligen «Erwerbs» und des bisherigen «Eigentums» anzuerkennen. So wird heute von der Mehrheit der europäischen Kunst- und Museumsintelligenz ausführlich darüber diskutiert, was denn »Kunst» in diesem Zusammenhang überhaupt sei, an wen denn konkret zurückgegeben werden soll (an die Nachfahren der Besitzer, an den heutigen Staat, an Museen, …) und wie (durch Rückgabe, Tausch, Leihe/Zirkulation)? Sarr und Savoy fordern die konsequente Rückgabe »unrechtmäßig» erworbener Kulturgüter.

Holfelder hat viel recherchiert und mit AkteurInnen gesprochen. Er schreibt flott und kompetent in einem journalistischen, essayhaften Stil. Er kritisiert die eurozentristische Vorstellung von »Kunst» und »Kulturerbe», und stellt die Debatte in einen größeren Kontext: Wie wirkt die Vergangenheit der europäischen Nationen als rassistische Kolonialmächte auf die Erinnerungspolitik und auf z.B. Museen? So bietet er auch eine kurze Geschichte des (deutschen) Kolonialismus (und seiner Verdrängung). Er kritisiert die unglaublich arrogante Konzeption des Humboldt-Forums, das im Herbst 2020 eröffnet werden soll. Dort sollen 20.000 Objekte ausgestellt werden, während die anderen circa 500.000 im bisherigen Depot verbleiben. Er schildert auch die Geschichte der Restitutionsforderungen; die bis mindestens in die 1970er Jahre zurückreicht und auch die Initiativen einzelner, fortschrittlicher Museen, die aber alle keinen ethnologischen Schwerpunkt haben.

Er schließt mit Reflektionen über Ausstellen und Museen im globalen und postkolonialen 21. Jahrhundert. Sind die Museen Eigentümer ihrer Objekte oder sollten sie nicht besser »Hüter» sein?

Gegen das Humboldt-Forum protestiert z.B. die Initiative http://www.no-humboldt21.de/.

Moritz Holfelder: Unser Raubgut. Eine Streitschrift zur kolonialen Debatte; Christoph Links Verlag, Berlin 2019, 222 Seiten, 18 EUR, E-Book 9,99 EUR

Felwine Sarr / Bénédicte Savoy: Zurückgeben. Über die Restitution afrikanischer Kulturgüter, Matthes & Seitz Verlag, Berlin 2019, 224 Seiten, 18 EUR