News | Reeve: Der wilde Sozialismus; Hamburg 2019

Selbstorganisation und direkte Demokratie in den Kämpfen von 1789 bis heute

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Charles Reeve lädt die Leserin auf eine Reise durch den Reichtum der über 200 Jahre währenden Geschichte der antagonistischen Bewegungen Europas ein. Seit September steht das neue Buch des portugiesisch-französischen Schriftsteller-Aktivisten in den Buchläden. In Bewegung und auf dem Weg, das war und ist der 1945 in Lissabon geborene Charles Reeve seit nun über 50 Jahren. 1967 desertiert er aus der portugiesischen Kolonialarmee, lebt seitdem in Paris. Nicht erst in den letzten Jahren hat er sich immer wieder mit rätekommunistischen und Positionen des antiautoritären Marxismus zu Wort gemeldet.

Seine grundlegende These lautet, dass vieles, was in den sozialen Bewegungen heute mitunter heiß diskutiertes Thema der eigenen Entwicklung und Politik ist, in den minoritären Strömungen des Sozialismus, die er die „wilden» nennt, bereits debattiert, wenn nicht praktiziert wurde. Sei es etwa in der Rätebewegung 1918 in Deutschland oder in der Kollektivierung 1936 in Spanien. Vieles gab es schon einmal, und ein Rückgriff darauf ist möglich und angebracht. Für Reeve ist angesichts dieser Blaupausen-Wissensbestände trotz aller Nüchternheit klar, dass er die Revolution befördern will, auch wenn die Situation derzeit alles andere als aussichtsreich sei. Erwartet er doch nicht zuletzt von Parteien und dem nicht nur von ihnen vertretenen «radikalen Reformismus» oder gar «linken Populismus“ nichts. Diesen Strukturgebern wie der ihnen inhärenten Logik von Stellvertretung und Bürokratie setzt er Autonomie, direkte Demokratie und Selbstverwaltung entgegen. Doch mitnichten tut er dies im luftleeren Raum. Vielmehr belebt er mit seiner These die Hintergründe im Bedürfnis nach Selbstregierung, darin auch dass die Ära der Repräsentation und des klassenübergreifenden Nachkriegskompromisses zu Ende sei. Das zeige sich nicht zuletzt im Niedergang sozialdemokratischer Politikmuster. Zum anderen formulierten und verfolgten die neuen Bewegungen von Seattle bis Spanien, von Kairo bis Paris neue Praktiken und auch Forderungen. Diese seien zwar vom Duktus der Empörung auch nicht ganz frei, setzten aber deutlich auf Selbstorganisation und Aufstand.

Der herrschende Block hingegen gäbe heute erst gar kein auf Konsum und Integration begründetes Aufstiegsversprechen mehr, und breche darum mit der Aushandlungslogik der letzten circa 100 Jahre. Einer Logik, mit der die Mehrheit der Arbeiter*innenbewegung auch agierte, wie Reeve in seinem Streifzug von der Pariser Commune bis zum Zapatismus der Gegenwart immer wieder verdeutlicht. So bemerkt er lakonisch, dass relativ sinnlos sei, von links oder von «unten» an etwas zu appellieren, was die Gegenseite ohnehin nicht (mehr) verspricht. Der Kapitalismus reagiere nicht einmal mehr auf «Empörung», die Sozialdemokratie habe für das Kapital keine Funktion mehr. Zwar sei «1989» weltweit eine Niederlage gewesen, markiere aber auch das Ende eines «Sozialismus‘ der Führer». Neues sei nun möglich, und seitdem auch bereits geschehen.

Die historischen Beispiele, die Reeve im größten Teil seines sehr lesenswerten Buches ausführlich darstellt, reichen von der «französischen Revolution» 1789 über die verschiedenen syndikalistischen und Rätebewegungen und die «spanische Revolution» bis zu den langen 1960er Jahren. Am Ende diskutiert er nicht zuletzt die neuen, seit der Jahrtausendwende aktiven Bewegungen. Dabei plädiert Reeve eindringlich dafür, die Vergangenheit des sozialdemokratischen Zeitalters, dem auch die radikale Linke noch anhänge, zu überwinden. Stattdessen direkte Demokratie zu praktizieren und nicht – wieder einmal – auf die naheliegende Idee zu verfallen, (bessere) Organisation sei das Instrument der Stunde.

Reeve schreibt selbst, dass er die «wilden» Erfahrungen in Osteuropa (Ungarn 1956, Polen 1980/81) in seinem Buch nicht untersucht; ebenso, so fällt bei der Lektüre auf, spielen die vielen antikolonialen Kämpfe des globalen Südens keine Rolle (die EZLN wird nur kurz gestreift). Trotzdem ist sein Buch ein Ort, an dem die reichhaltigen Erfahrungen der ketzerischen und dissidenten Strömungen des «Sozialismus» gut dargestellt sind. Es bietet Wegzehrung und Trost. Denn «Wir gehen langsam, weil wir weit gehen».

Charles Reeve: Der wilde Sozialismus. Selbstorganisation und direkte Demokratie in den Kämpfen von 1789 bis heute; Edition Nautilus, Hamburg 2019, 336 Seiten, 30 EUR