News | Geschlechterverhältnisse - Westasien - Feminismus - Westasien im Fokus «Frauen im Jemen sind keine passiven Opfer»

Interview mit Rasha Jarhum, Peace Track Initiative

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Mitglieder der Peace Track Initiative
Mitglieder der Peace Track Initiative: Yasmin Al-Nadheri (Geschäftsführerin), Rasha Jarhum (Gründerin), Nisma Mansoor (Beauftragte für Medien- und Öffentlichkeitsarbeit)
  Foto: Peace Track Initiative

Die aus dem Südjemen stammende Rasha Jarhum gründete 2015 die Peace Track Initiative. Seitdem wirkt sie unermüdlich für Frieden im Jemen. Im September 2019 wurde sie mit dem Preis «Rebellinnen gegen den Krieg – Anita Augspurg-Preis» der Internationalen Frauenliga für Frieden und Freiheit ausgezeichnet. Mit ihr sprach Anne-Linda Amira Augustin.

Anne-Linda Amira Augustin ist Referentin in der europäischen Vertretung des Südübergangsrates mit Sitz in Berlin. Sie hat an der Philipps-Universität Marburg zu Generationsbeziehungen innerhalb der Südbewegung und alltäglichem Widerstand im Südjemen promoviert.

Anne-Linda Amira Augustin: Der Internationale Frauentag rückt näher. Wie wird dieser Tag im Jemen wahrgenommen? Ist es ein Tag, der Gründe zum Feiern gibt? Wie steht es um die aktuellen Kämpfe der Frauen im Jemen?

Rasha Jarhum: Die feministische Bewegung im Jemen hat immer den internationalen Frauentag gefeiert. Vor dem Krieg war dies eine Gelegenheit, bei der wir kleine Gewinne für unser unermüdliches Eintreten für die Rechte der Frauen erwarteten, sei es in Bezug auf Versprechungen zu Repräsentationsquoten oder die Genehmigung von Änderungen diskriminierender gesetzlicher Bestimmungen. Heute wird der Frauentag weiterhin von der feministischen Bewegung gefeiert, jedoch unter noch härteren Bedingungen, die durch den Krieg hervorgerufen wurden. Die Frauen im Jemen sind heute mit vielerlei Unsicherheiten konfrontiert. Es gibt vermehrt Gewalt gegen Frauen. Selbst Stammescodes, die früher Frauen schützten, werden nicht mehr respektiert. Ungeachtet all dieser Herausforderungen sind Frauen im Jemen unverwüstlich und stark. In manchen Gebieten gehen sie lange Strecken, um ihren Familien Nahrung oder Wasser zu besorgen. Dabei laufen sie durch Gebiete, in denen sie Landminen umgehen müssen. Die Frauen schützen die Männer in ihren Familien. Oftmals sind sie diejenigen, die durch die Kontrollpunkte bewaffneter Gruppen gehen, wo sie Belästigungen ausgesetzt sind. Sie tun das, um Männer vor Entführungen zu schützen. Es ist wichtig, sich daran zu erinnern, dass Frauen im Jemen keine passiven Opfer sind, sondern widerstandsfähige und starke Frauen.

Du hast es bereits angedeutet. Der Jemen gehört zu den Ländern, in denen die Ungleichheit der Geschlechter enorm ist. Kannst du uns mehr über die derzeitige Situation sagen?

Der Jemen belegte immer einen der letzten Plätze im Index der geschlechtsspezifischen Ungleichheit (gender inequality index). Dies liegt daran, dass die Diskriminierung von Frauen in soziale Normen, Institutionen und Gesetzgebungen eingebettet ist, die von patriarchalen Werten beeinflusst werden. Der Krieg hat die Situation verschlimmert, denn seitdem sind Frauen mit verschiedenartigen Unsicherheiten konfrontiert. Der Krieg hat jedoch auch die Stärke der Frauen im Jemen zum Vorschein gebracht. Wir haben das Women Solidarity Network gegründet, welches mehr als 250 Frauen innerhalb und außerhalb des Jemen umfasst. Unsere Mitglieder sind ein echtes Beispiel für Mut. Frauen sind führend in der Schlichtung lokaler Konflikte um Ressourcen wie Wasser und Land. Unsere Mitglieder sprechen das Problem der Anwerbung von Kindern als Soldaten an. Frauen versuchen zu schlichten, um willkürlich inhaftierte Männer und Frauen zu befreien. Frauen führen humanitäre Verhandlungen, damit Straßen wieder geöffnet werden, Zugang zu humanitärer Hilfe gewährleistet werden kann und bewaffnete Gruppen Schulen verlassen.

Der Krieg hat also die Situation der Frauen deutlich beeinflusst? Was hat sich seit 2015 besonders stark verändert?

Millionen von Müttern im Jemen sind unterernährt. Millionen von Frauen sind im Land vertrieben. Viele Frauen haben die Rolle der Ernährerin übernehmen müssen, nachdem sie ihre männlichen Familienmitglieder im Krieg verloren haben. Frauen sind aufgrund ihrer Rolle in der Pflege und Betreuung anfälliger für Cholera. Der Zusammenbruch des Gesundheitssystems hat zu höheren Sterblichkeitsraten von werdenden Müttern geführt. Eheschließungen von Mädchen haben dramatisch zugenommen, da Familien aus Not ihre Töchter im Austausch für die Mitgift verheiraten. Aber wie ich bereits erwähnt habe, ist es wichtig, diese Frauen nicht als passive Opfer zu betrachten, sondern ihre Stärke zu sehen, wie sie all diese Herausforderungen angehen, denn wir haben bemerkt, dass die Viktimisierung von Frauen zu ihrem Ausschluss vom Friedensprozess führt. Vor dem Krieg konnten sich die Frauen fast 30 Prozent der Sitze in der Konferenz des Nationalen Dialogs sichern, aber seit Beginn des Krieges ist die Repräsentation von Frauen in Friedensverhandlungen und -konsultationen sehr begrenzt. Wir arbeiten hart daran, das zu ändern.

Welche Rolle spielt dabei die Peace Track Initiative? Was sind die Ziele der Initiative und was konnte bereits erreicht werden?

Die Peace Track Initiative begann informell im Jahr 2015 und basierte auf freiwilligen Bemühungen meiner Kolleginnen und mir. Als der Krieg eskalierte, kamen wir als Frauen zusammen, um zu helfen. Wir beschlossen, unsere Arbeit zu institutionalisieren und brüteten gemeinsam die Idee der Peace Track Initiative im Genfer Zentrum für Sicherheitspolitik aus. Dann bin ich nach Kanada umgezogen und habe dort 2017 die Peace Track Initiative als gemeinnützige Organisation registriert. Unsere Mission konzentriert sich auf die Lokalisierung und Feminisierung des Friedensprozesses durch die Förderung eines inklusiven Friedens und durch die Verbesserung der feministischen Wissensführerschaft (feminist knowledge leadership).

Wir arbeiten in drei Programmbereichen. Der erste betrifft das Inklusionsprogramm, bei dem wir hauptsächlich die Inklusion von Frauen in die drei diplomatischen Tracks1 des Friedensprozesses unterstützen. Wir setzen uns dafür ein, dass Frauen am Verhandlungstisch sitzen werden. Wir haben auch unsere eigenen unabhängigen Frauendelegationen als Beobachterinnen und Beraterinnen zu vergangenen Friedensgesprächen geschickt. Und wir führen Friedenskonsultationen mit Frauengruppen durch, um Themen der Friedensagenda zu erörtern und ihre Meinung in den von den Vereinten Nationen geführten Friedensprozess einzuspeisen und an die Sponsor-Staaten des Friedensprozesses im Jemen zu übermitteln. Abgesehen davon fungieren wir als Sekretariat für das Women Solidarity Network, und wir unterstützen die Mitglieder des Netzwerks bei der lokalen und kommunalen Arbeit zur Friedensförderung.

Das zweite Programm konzentriert sich auf den Schutz. Wir sichern Zuschüsse zum Schutz von Menschenrechtsverteidigerinnen ab. Das beinhaltet unter anderem Hilfen, um umziehen zu können oder Rechtshilfen. Wir beobachten auch Verletzungen und den Missbrauch von Frauenrechten und erstellen regelmäßig Berichte über den Status der Rechte von Frauen.

Das dritte Programm konzentriert sich auf die feministische Wissensführerschaft. Wir unterstützen Frauen dabei, sichtbarer zu werden und ihr Wissen und ihre Expertise zu teilen. Wir haben auch ein «Feminist Leadership Fellowship» der Peace Track Initiative ins Leben gerufen, das darauf abzielt, die Sichtbarkeit weiblicher Führungskräfte zu erhöhen, indem wir sie dabei unterstützen, Meinungsartikel zu schreiben und ihre politischen Biografien zu dokumentieren.

Wir konnten bisher viele Meilensteine erreichen. Wir haben weibliche Führungskräfte mobilisiert, um an einer nationalen Agenda für Frauen, Frieden und Sicherheit zu arbeiten. Wir haben den Sicherheitsrat der Vereinten Nationen zweimal über die Situation der Frauen im Jemen unterrichten können und wir konnten Empfehlungen abgeben, die einen Fahrplan für den Frieden im Jemen bilden könnten. Wenigstens zehn Artikel des jüngsten Riad-Abkommens zwischen der Hadi-Regierung und dem Südübergangsrat vom November 2019 stimmten mit unseren Empfehlungen überein. Wir können mit Hilfe aller weiblichen Führungskräfte Strategien entwickeln und zum Friedensprozess im Jemen beitragen.


1 Friedensprozesse finden oftmals auf verschiedenen gesellschaftlichen Ebenen (Tracks) statt. Dabei werden grundsätzlich drei Ebenen unterschieden: 1. Ebene (Track 1) politische und / oder militärische Führungsebene eines Landes, 2. Ebene (Track 2) gesellschaftliche Führungspersönlichkeiten und 3. Ebene (Track 3) zivilgesellschaftliche Führungspersönlichkeiten. Es hat sich eine vierte Ebene, die Track-1,5-Ebene, herausgebildet, auf der sich einflussreiche Vertreter*innen politischer und gesellschaftlicher Instanzen im informellen Rahmen begegnen. Track-1,5-Dialogprozesse dienen oftmals der Vorbereitung von Track-1-Gesprächen.