News | Thöner: Zur Entstehung einer ostdeutschen Bauhaussammlung; Leipzig 2019

Beitrag zur bauhaus-Forschung in der DDR

Information

50.000 Objekte und Dokumente umfasst die Sammlung des Bauhaus Dessau heute. 1990 waren es um die 6.000. Eine neue Publikation erzählt die Entstehung und die Geschichte dieser Sammlung bis 1990 nach. Parallel und damit verwoben wird die bauhaus-Rezeption und -Forschung in der DDR skizziert. Lange Jahre wird dort die abstrakte Kunst des bauhaus abgelehnt, und über die These, am bauhaus sei die Grundlage für Architektur und industrielle Formgestaltung «im Sozialismus» gelegt worden, erst (wieder) eine Befassung mit dem bauhaus ermöglicht.

1976 wird in Dessau das WKZ Bauhaus (Wissenschaftlich Kulturelles Zentrum) gegründet. Vorher, ja auch bereits schon nach Kriegsende existierende Ideen für eine Wiedergründung des bauhaus als Hochschule oder auch für ein Bauhaus Museum fanden keinen Widerhall. Ab 1976 kann durch das bis 1986 nur von der Stadt Dessau finanzierte WKZ halbwegs von einer «institutionalisierten» bauhaus-Forschung gesprochen werden, vorher ruhte die Bewahrung der Tradition, ja allein des Gedankens des bauhaus auf den Schultern von einzelnen ForscherInnen und BauhäuslerInnen. Ab Mitte der 1970er Jahre, also einem Zeitraum zu dem viele Bauhäusler_innen noch leben, kommen auch erste Nachlässe und Schenkungen von Bauhäusler_innen nach Dessau, etwa vom bereits 1960 in Dessau verstorbenen Carl Fieger oder Konrad Püschel; der umfangreichste stammt von Franz Ehrlich (1907-1984). Ebenfalls 1976 beginnt der Reigen an bis 1983 sechs Ausstellungen/Auktionen in der vom Ehepaar Schulz betriebenen «Galerie am Sachsenplatz» in Leipzig, die sich sehr, etwa durch die Publikation von Katalogen, für das bauhaus einsetzt. Teilweise kauft die Stadt Dessau, die eh Vorkaufsrecht hat, einfach alle angebotenen Objekte für die Sammlung auf. Wichtigste Person in dieser frühen Phase ist, ab 1970, Bernd Grönwald, der Professor an der Hochschule für Architektur und Bauwesen in Weimar ist. Schon vorher ist Hans Harksenaktiv. Er ist über 20 Jahre, bis 1972 Leiter, und bis 1979 noch Mitarbeiter des Stadtarchivs Dessau. Er, seine Frau, die Kunsthistorikerin Marie-Luise Harksen (1901-1986), und seine Schwester Julie (1898-1980) sind große Förderer des bauhaus. Ein weiterer wichtiger Akteur in dieser frühen Phase ist auch der bereits erwähnte Püschel.

In der kleinen Publikation tauchen viele weitere Namen von Autoren auf, auf die die Leserin bei der Beschäftigung mit dem bauhaus zu DDR-Zeiten immer wieder stößt. Der 1951 geborene Michael Siebenbrodtetwa, der 1976 seine Diplomarbeit über den Entwurf einer Hochschule für industrielle Formgestaltung in Dessau unter Nutzung des Bauhausgebäudes an der Hochschule in Weimar schreibt und später bis 2017 Leiter des (alten) bauhaus-Musems in Weimar wird. Nicht zuletzt Wolfgang Thöner, der Mitautor der Publikation selbst, der zusammen mit Lutz Schöbe am WKZ beginnt. Aber auch an ältere wird erinnert, etwa Christian Schädlich, noch früher war Karl Heinz Hüter, der sein Buch Das Bauhaus in Weimar. Studie zur gesellschaftspolitischen Geschichte einer deutschen Kunstschule 1967 bereits fertig hat. Dies kann nicht erscheinen. Es wird erst neun Jahre später, und das nur dank Grönwald, publiziert. Das erste Buch zum bauhaus, Das Bauhaus 1919–1933, Idee und Wirklichkeit hatte Lothar Lang1965 publiziert.

Was bislang nur in verschiedenen Aufsätzen und Publikationen verstreut zu lesen war, liegt jetzt zusammengefasst in einer hilfreichen Publikation vor. Die Sammlung in Dessau ist heute die zweitgrößte weltweit, anlässlich der Eröffnung des neuen bauhaus-Museumswurde sie 2019 in einer eigenen, voluminösen Publikation (519 Seiten, im Buchhandel 59 EUR) vorgestellt. Aufällig ist, dass die bauhaus-Forschung, zumindest so wie sie hier ja mehr minder offiziell über die bauhaus Stiftungals Herausgeber der Publikation dargestellt wird, eine, im Gegensatzzum bauhaus, sehr männliche Welt gewesen ist. Dies dürfte seine Ursache auch in den patriarchalen Strukturen des Wissenschaftssystems der DDR jener Jahre haben.

Wolfgang Thöner: Fortschrittliches Bauhauserbe. Zur Entstehung einer ostdeutschen Bauhaussammlung; Spector Books, Leipzig, Dezember 2019, 112 Seiten, 20 EUR