News | Wörsching: Faschismustheorien. Überblick und Einführung; Stuttgart 2020

Eine kompakte und kundige Einführung

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Hier liegt ein Buch vor das – längst überfällig – eine Lücke schließt. Denn einen allgemeinverständlichen Überblick über die vielen verschiedenen Faschismustheorien gab es bisher nicht. Seit 2009 betreibt Mathias Wörsching die Website https://faschismustheorie.deund hat nun, unter Mithilfe von Fabian Kunow, diese kompakte und kundige Einführung vorgelegt.

Er konzentriert sich vor allem auf die klassische Epoche von 1918 bis 1945 – und geografisch auf Europa. Der Blick auf die Entwicklungen in Ländern wie Japan, Chile oder Indonesien fällt also heraus, in bewusster und begründeter Entscheidung. Zugleich geht es Mathias Wörsching auch nicht um Fragen der Genozid-, oder gar um die umstrittene Rechtsextremismus- und Totalitarismusforschung.

Nach einem kurzen Überblick (S. 29-52) gibt es anschließend ein Kapitel zur Einführung in die Theorien zu Klasse und Faschismus. Der Hauptteil widmet sich dann vier Gruppen von marxistischen und neo-marxistischen Faschismustheorien bis in die 1980er Jahre, sowie der psychoanalytischen Faschismustheorie. Um nur einige der vielen, durchweg männlichen Autoren zu nennen: Thalheimer, Trotzki, Reich, Fromm, Neumann, Adorno, Kühnl, Opitz, Poulantzas. Anschließend werden noch Autoren wie George Mosse, Zeev Sternhell oder Roger Griffin vorgestellt. Alle Kapitel des Hauptteils können auch einzeln gelesen werden.

Gemeinsam sei allen Faschismen, so Wörsching, ihr Nationalismus, ihr antidemokratisches Denken und Handeln, ihre Männerbündelei und ihr Antikommunismus. Aber, so zitiert er zustimmend George Mosse (S. 219): Jede Gesellschaft habe den Faschismus entwickelt, der «ihrem spezifischen Nationalismus gerecht wurde». Was steht nun im Mittelpunkt des Interesses derjenigen, die über Faschismus nachdenken und schreiben, meist um ihn zu bekämpfen? Die Ideologie, die Programmatik, die Praxis, die Organisation, die Handelnden der Faschismen? Schon die Vielfalt der möglichen Kernpunkte zeigt, dass sich aus ihnen sehr unterschiedliche Schwerpunkte der einzelnen Theorien ergeben. Diese lassen sich entlang weiterer, zum Nachdenken anregender Fragen sortieren: Ist der Faschismus bürgerlich oder anti-bürgerlich? War der historische Nationalsozialismus eine Marktwirtschaft, oder ein (totalitärer) Kapitalismus ohne Marktmechanismen? Kann der Nationalsozialismus aus der ökonomischen Logik von Kapitalismus (und Imperialismus) abgeleitet werden? Welche Rolle spielen autoritäre Muster der Psyche bei der Herausbildung des Faschismus? Braucht der Faschismus eine Massenbasis, oder ist er nicht vielmehr eine Herrschaft von Wenigen über die Vielen? Stellt der Faschismus die Gesellschaft ruhig, oder mobilisiert er sie vielmehr? Ist der aggressive Antisemitismus konstitutiv für den Nationalsozialismus? Welche Rolle spielen oder haben die Führer (wie Franco, Pinochet und andere)?

Die Publikation besticht durch ihren enzyklopädisch-lexikalischen Charakter, der freilich noch überzeugender wäre, wenn der Band ein Personenverzeichnis enthalten würde. Die Literaturliste ist nicht den Kapiteln zugeordnet, sondern in sich thematisch sortiert, was gewöhnungsbedürftig ist. Bei inhaltlichen Bewertungen hält sich Mathias Wörsching zurück. Aber es wird deutlich, dass er sich einem undogmatischen, linksradikalen Antifaschismus zurechnet. Insgesamt ein hilfreiches, nützliches – und ein notwendiges Buch.

Mathias Wörsching: Faschismustheorien. Überblick und Einführung. Schmetterling Verlag, Stuttgart 2020 [Reihe theorie.org], 240 Seiten, 12 EUR.