News | Seegers (Hg.): 1968: Gesellschaftliche Nachwirkungen auf dem Lande; Göttingen 2020

Neue Aspekte zum Verhältnis von Bewegung, Aufbruch - und Beharrung

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Die Wirkung des «kurzen 68» in den langen 1960er Jahren kann wohl erst mit einem Blick in die Fläche, hinein in die ländlichen Räume und die Kleinstädte, wirklich abgeschätzt werden. Ein neuer Sammelband liefert einige neue Aspekte zum Verhältnis von Bewegung, Aufbruch und Beharrung. Insgesamt sind in ihm vierzehn Beiträge versammelt.

Nach der Einleitung geht es in zwei grundlegenden Aufsätzen um die Modernisierung der ländlichen Räume, vor allem durch gestiegene Mobilität, mehr Bildung und höhere Einkommen. Im Rückblick betrachtet, schafft die Moderne – mit Freizeit und Geld, Medien und Bildung – als Ergebnis erst die Voraussetzungen für die (fundamentale) Kritik an ihr. Die neuen sozialen Bewegungen deuten, so eine Entwicklung, die Provinz von einem rückständigen Gebiet zu etwas Positivem um, zu «Heimat» (Detlef Siegfried).

Mit dem zweiten Kapitel beginnen dann die Teilstudien. Zwei Beiträgen zur evangelischen Kirche (Claudia Lepp) und deren Jugend- und Bildungsarbeit folgt ein Beitrag zur Reaktion der Heimatvereine bzw. der Heimatbewegung auf «1968» (Dietmar von Reeken). Sind die Kirchen, ähnlich wie die Schulen mit ihren LehrerInnen, von den gerade für die Provinz wichtigen jungen Pfarrer*innen geprägt, so konnte bei den Heimatvereinen bisher keine große Veränderung festgestellt werden. Diese lösen sich zwar von ihrer symbiotischen Bindung an die Landespolitik und stellen sich auch sehr zögerlich der lokalen NS-Geschichte. Im Grunde werden sie nun zu Instrumenten der Tourismusförderung.

Autorität wird in Frage gestellt

Der dritte Abschnitt widmet sich dann einzelnen «klassischen» neuen sozialen Bewegungen. Hier werden nach einem Beitrag zur neuen Frauenbewegung, der vor allem deren Verschränkungen zur Transformation der Erwachsenenbildung nachspürt (Julia Paulus), zwei lokale Beispiele aus Niedersachsen näher vorgestellt: Die SchülerInnenbewegung von 1967 bis 1970 am damals mit größten Gymnasium Niedersachsens in Stadthagen. Hier wurde, wie anderswo, mit Forderungen nach Demokratie die Autorität der Lehrkräfte in Frage gestellt. Ländliche Räume waren stets Schauplatz umwelt- und energiepolitischer Auseinandersetzungen, die sich meist an Bauten festmachten. Birgit Metzger beschreibt die Proteste gegen eine Giftmülldeponie Anfang der 1980er Jahre.

Im vierten Kapitel geht es in drei Aufsätzen um Gewerkschaftsjugend (Knud Andresen), Jugendzentren (David Templin) und die Bedeutung des Anfang der 1970er Jahre in Mode kommenden, freilich geschlechtlich eindeutig konnotierten «Heimwerkens» (Jonathan Voges). Die damit verbundenen Praktiken des distinktionsgeprägten Wohnens und Lebens wurden auch von den Post-68er geteilt, wenn auch auf etwas andere Art. Im letzten Abschnitt taucht dann unvermittelt die DDR auf. Auch wenn es dort «eine mit der Bundesrepublik vergleichbare, alternative ökonomische oder subkulturelle Infrastruktur und Vernetzung nur schwerlich» geben konnte, gab es selbstverständlich auch in der DDR Provinz und dort Nischen und Dissidenz, etwa auf Hiddensee oder in abgelegenen kirchlichen Einrichtungen. Der letzte Aufsatz, verfasst von der Herausgeberin Seegers, beschreibt mit Interviews als Materialbasis sehr plastisch zwei Mitte der 1970er gegründete Landkommunen im Schaumburger Land bei Hannover.

Der für die Ausstattung äußerst preiswerte Band liefert bekanntes, an anderer Stelle bereits ausgeführtes Wissen, etwa über die immanente Bedeutung von Jugendzentren oder von Pop und Underground-Musik. Durchgängig wird «1968» vor allem als Transformation der Alltagskultur und der Lebensstile beschrieben, und nicht etwa als «linker» oder gar «sozialistischer Aufbruch», der «1968» ja auch, wenn nicht vorrangig, war. So wird die «Jugendrevolte» (Detlef Siegfried) dann doch etwas entpolitisiert.

Was ist mit der Landwirtschaft?

Neue Erkenntnisse bieten die zwei Beiträge zu den evangelischen Kirchen bzw. deren Jugendarbeit und der Beitrag zum Heimwerken. Sie sind deswegen besonders lesenswert. Wer sich noch nicht viel mit dem Thema beschäftigt hat, bekommt einen guten Eindruck vom Stand der Debatte und der Forschung. Der Band zeigt aber auch die weißen, noch unerforschten Flecken auf. Was ist zum Beispiel mit der Landwirtschaft, den landwirtschaftlichen Verbänden? Weit wichtiger ist etwas anderes: Im Buch wird die Bedeutung von auf dem Land geborenen RückkehrerInnen aus den größeren Städten dorthin nur kurz erwähnt, und ebenso, dass viele (spätere) Linke ja aus der Provinz in die Uni-Städten strömten und dort die Revolte prägten. Welche mentalen Prägungen brachten diese jeweils mit, welche Ideentransfers wurden damit ermöglicht und gelebt? Bestand die außerparlamentarische Opposition nicht zu einem Großteil aus AkteurInnen, die dank der Bildungsexpansion den ländlichen Zwängen entfliehen konnten und wollten?

In Westdeutschland bilden viele der Linken und späteren Alternativen vom Land dann die erste Generation der grünen Partei und werden womöglich, wenn sie sich auch kommunal engagieren und exponieren, so etwas wie «alternative Honoratioren».

Ein kleines Radiofeature zum Buch ist hier beim Deutschlandfunk anzuhören.

Lu Seegers: 1968: Gesellschaftliche Nachwirkungen auf dem Lande; Wallstein Verlag, Göttingen 2020, 341 Seiten, 22 Euro