News | Hoffmann/Scholz: Ästhetische Moderne und Nationalsozialismus, Berlin 2020

Eine wahre Fundgrube zu Kunst, Kunsthandel, Ausstellungspraxis

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Die von den Nazis verfemte «Moderne» war in der Nachkriegszeit ein nicht unwichtiges Instrument zur Demokratisierung und Rehabilitierung Deutschlands und zur Begründung einer kulturellen Identität. In den letzten Jahren ist hier eine Veränderung eingetreten. Durch eine neue, oft erst in den 1970ern geborene Generation von ForscherInnen und KuratorInnen ist durch Ausstellungen und Publikationen wurde immer mehr in die Öffentlichkeit getragen, dass einige expressionistische Künstler sich, wie auch einzelne aus dem Bauhaus, sehr wohl mit dem Nationalsozialismus zu arrangieren versuchten. Einzelne, wie etwa Nolde, hatten sogar ideologische Affinitäten, andere versuchten Ausdrucksformen der Moderne mit dem Nationalsozialismus zu verbinden, so dass heute sogar von einer «NS-Moderne» gesprochen und geschrieben wird. Ähnliches gilt für Kunsthistoriker, Kunsthändler und Museumsleiter. Der hier vorliegende Band dokumentiert ein großes internationales Kolloquium im Mai 2019. Dieses wurde in Kooperation von Neuer Nationalgalerie und der Forschungsstelle «Entartete Kunst»am Kunsthistorisches Institut der Freien Universität Berlin veranstaltet.

Die fast zwei Dutzend durchweg interessanten Beiträge untersuchen drei Bereiche. Zum einen das konkrete Verhalten und die Ziele und Mittel von KünstlerInnen, Museen und Kunsthandel im Nationalsozialismus. Wie agierten z.B. die Kunsthändler? Das zweite Thema sind die Strategien und Entwicklungen nach 1945. Die Alliierten, die KünstlerInnen, die Museen, Politik und diejenigen, die über Kunst forschten und schrieben, hatten das Interesse, den Expressionismus, vor allem im Rückgriff auf die Phase vor 1930, wie auch andere Formen der «Klassischen Moderne» zu rehabilitieren, ohne aufzuklären. So wurde z.B. im 1967 gegründeten Brücke-Museumin Westberlin die NS-Zeit sehr lange einfach ausgespart. Die Werke wurden vor allem unter ästhetischen Gesichtspunkten rezipiert.

Heute setzt nun eine andere Kontextualisierung ein. Werke und KünstlerInnen, ihre Repräsentation und Rezeption werden kritisch untersucht und noch eine Ebene weiter, die Kunstgeschichtsschreibung und Ausstellungspolitik. Wie bildete sich z.B. der für die jeweilige Zeitperiode gültige Kanon heraus? Wie war die Anschaffungspolitik der Museen im Einzelnen ausgestaltet?

Das dritte und vom Umfang her kleinste Thema ist die Frage, ob die offizielle NS-Kunst einerseits, oder weitergehend: das widersprüchliche und vielfältige Agieren vieler KünstlerInnen zwischen 1933 und 1945 heute institutionell im Rahmen von Museen präsentiert werden kann und soll, und wenn ja, wie dies geschehen kann? Damit zusammen hängt die Frage, inwiefern Museen heute jenseits von Ausstellungen und den dazugehörigen Katalogen, überhaupt (noch) forschen können.

Für die Diskussion dieser und anderer Fragen ist dieses Buch ein Beispiel und eine wahre, und zudem sehr preiswerte, Fundgrube. Es zeigt anschaulich, was die letzten Jahre spannendes und Interessantes zu Tage gefördert wurde, und verweist nicht zuletzt darauf, dass jede Zeit Kunstwerke anders liest und kontextualisiert.

Die Tagung sowie die Publikation wurden initiiert und gefördert durch die Ferdinand-Möller-Stiftung. Diese wurde von den Nachfahren des gleichnamigen Kunsthändlers (1882-1956) gegründet. Möller war einer der vier Kunsthändler, die von den Nazis mit der wirtschaftlichen Verwertung beschlagnahmter Kunst beauftragt wurden.

Meike Hoffmann und Dieter Scholz (Hg.): Unbewältigt? Ästhetische Moderne und Nationalsozialismus. Kunst, Kunsthandel, Ausstellungspraxis; Verbrecher Verlag, Berlin 2020, 372 Seiten, 29 EUR